Europa muss seine Prioritäten in den Bereichen
Weltraum-technologien, Network Centric Warfare und Internet revidieren

Europa muß seine Prioritäten
(Weltraum-technologien, NCW und Internet) revidieren
Von
Sorbas v. Coester (*).
Paris, den 2.April 2004 (Ó)
Der jüngste Einstieg des
amerikanischen Investment Funds Texas Pacific Group (TPG) in das Kapital des
Satellitenunternehmens Eutelsat hat so manchen sich mit der Souveränität
Europas beschäftigenden Analysten beunruhigt, unter anderem in Betracht der
Frage der Kontrolle über das zukünftige europäische GPS-System Galileo.
Es ist eine Tatsache, daß die
angel-sächsischen Investment Funds sich mehr und mehr für die europäische
Weltraumindustrie interessieren. So ist seit März 2001 GE Capital im Besitz
von 30% des Kapitals und von rund 25% der Stimmrechte des europäischen
Satelliten-dienstleisters SES Global, geboren aus dem Zusammenschluß der GE
Americom und der SES Astra. Unglücklicher Kandidat für den Einstieg in das
Kapital Eutelsats Ende 2002-Anfang 2003, hat Carlyle Group wenige Monate
später die Kontrolle über Fiat Avio, einem Komponentenzulieferer für die
Ariane-Raketen, und eine bedeutende Teilhaberschaft (die in Kürze noch
ansteigen sollte) in dem britischen Unternehmen QinetiQ, das unter anderem auf
dem strategisch wichtigen Bereich der Mikrosatelliten aktiv ist, erziehlt.
Zudem haben APAX Partners und Permira Ende 2003 die zum Kauf angebotenen
Inmarsat-Aktien ersteigern können. Als einer der Partner des
iNavSat-Konsortiums ist Inmarsat, wie auch Eutelsat, Kandidat für die Galileo
Management Konzession.
Die Europäer müßen sich die Frage
stellen, ob dieses Interesse auf rein finanziellen Betrachtungen beruht. Nur
wenige bezweifeln noch heute daß ein Carlyle Group weitgehend als
geostrategischer Investment Fund operiert. Bei Funds wie APAX Partners oder
TPG erscheint es schwieriger, sich eine Idee zu machen, unter anderem auch
weil diese Akteure kein Advisory Board mit vergleichbar offensichtlicher Natur
vorzeigen und weil keine klaren, direkten Verbindungen zu Staat und großen,
amerikanischen Industriegruppen der Bereiche Aerospace & Defense bestehen.
Auch sind die Argumente "gegen" TPG, die 2002-2003 während der sogenannten "Gemplus-Affäre" angeführt wurden, sehr unzureichend und unüberzeugend
geblieben. Jedoch zeigt schon eine etwas seriöse Analyse rein offener Quellen,
daß relativ leicht zugänglich interessante Informationen vorhanden sind, um
sich eine Idee über die wahre Natur der genannten Akteure zu machen. Als
Beispiel hier nun der Fall TPGs.
Bevor er TPG im Jahre 1992 gründete,
war David Bonderman seit 1983 CFO der Robert M. Bass Group (heute Keystone,
Inc.) und, zuvor, Partner von Arnold & Porter LLP. Diese Law Firm ist nun
juristischer Berater TPGs seit dessen Gründung. Analysten haben bisher
unterstrichen, dass Arnold & Porter « viel für die amerikanische Regierung
arbeitet ». Dies ist richtig, aber auch wohl ein ungewollter Euphemismus. In
der Tat rekrutiert Arnold & Porter seine Experten mit Vorliebe in den
Bereichen nationale Sicherheit und Nachrichtendienste, und eine Anzahl der
Partner wechselt hin und her zwischen der Arbeit bei ihrer Law Firm und dem
Dienst im Rahmen der amerikanischen Bundesregierung : Kenneth I. Juster -
ehemaliger Deputy & Senior Adviser von Lawrence S. Eagleburger, Secretary of
State zwischen 1989 und 1992, einer von Henry Kissingers Protégés und
ehemaliger Mitarbeiter des Beratungsunternehmens Kissinger Associates – war
Senior Partner von Arnold & Porter bis zu seiner Nominierung, im Jahre 2001,
als Leiter des Bureau of Industry & Security (BIX, vormals Bureau of Export
Control/BXA) durch die Regierung G.W. Bush ; Doug Dworkin, zur Zeit Partner
von Arnold & Porter, ist ehemaliger General Counsel des Pentagons ; Ronald Lee
war von 1998 bis Ende 2000 Leiter des Executive Office für nationale
Sicherheit des Department of Justice ; Bryan Cunningham ist ein ehemaliger
höherer Offizier der CIA ; Stephen W. Porter ist, neben zahlreichen Generälen
und ehemaligen leitenden Köpfen der CIA, Mitglied des Boards der ManTech
International Corp., spezialisiert auf die Konzipierung und den effektiven
Aufbau von Systemen im Bereich nationale Sicherheit, ein Unternehmen dessen
wichtigste Kunden das Pentagon und die amerikanischen Geheimdienste sind.
Zudem werden regelmässig Mitglieder von Arnold & Porter von den
spezialisierten Kommissionen des House of Representatives, des US Senate, des
Pentagons oder anderer öffentlicher Entitäten eingeladen, ihre Expertise zu
den Fragen der Verteidigung, des Kampfes gegen den Terrorismus, der Sicherheit,
der Nachrichtendienste und der Informationstechnologien bei den organisierten
Anhörungen vorzutragen.
Eine weitere wichtige Tatsache :
die Nähe zwischen Arnold & Porter und dem Kissinger-Universum. Verbindungen
bestehen seit mindestens 1982 und halten seitdem an, und zwar in einer
besonders starken Form, da William D. Rogers, ehemaliger Under-Secretary of
State for Economic Affairs und Assistant Secretary of State for Inter-American
Affairs, seit langen Jahren sowohl Vice-Chairman des Unternehmens Kissinger
Associates als auch Senior Partner von Arnold & Porter ist. Hier zu
unterstreichen sind zudem die langjährigen, persönlichen Verbindungen zwischen
TPG Chef David Bonderman, Henry Kissinger und Brent Scowcroft, einer anderer
Schlüßelfigur der Außenpolitik der USA und der Welt ihrer Nachrichtendienste.
Besonders interessant unter dem
Gesichtspunkt der Gemplus-Affäre erscheinen jedoch die Verbindungen, die
zwischen Arnold & Porter und In-Q-Tel bestehen. Nicht nur fungierte Arnold &
Porter seit Anfang an als juristischer Berater des offiziellen investment
Funds der CIA, sondern die Law Firm hat an der Ausarbeitung des innovativen
Grundkonzepts dieses "non-profit Venture Catalyst" und an seinem effektiven
Aufbau im Jahr 1999 ausschlaggebend teilgenommen. In der Tat war es im
wesentlichen Jeffrey H. Smith, Senior Partner von Arnold & Porter, ehemaliger
Offizier der CIA und deren General Counsel in den Jahren 1995-96, der an
diesem Projekt mit A.B. "Buzzy" Krongard zusammenarbeitete. Krongards Name
erscheint in zahlreichen Akten zu den "Covert Actions" der CIA der Reagan Ära,
als er noch Chairman & CEO von A.B. Brown & Sons war – ein Bankunternehmen,
das wie übrigens auch Arnold & Porter in der BCCI-Affäre eine Rolle spielte
und das zu den Anfangsinvestoren der Carlyle Group bei deren Gründung 1987
gehörte. Im Februar 1998 war Krongard zum Berater des CIA-Direktors George
Tenet ernannt worden - im März 2001 wurde er dann gar Executive Director der
CIA. Beachtenswert ist auch, dass In-Q-Tel bei seiner Gründung in demselben
Gebäude, nur eine Etage höher, untergebracht war wie eines der Büros von
Arnold & Porter. In Anbetracht des eben dargelegten erscheint es fragwürdig,
ob die leitenden Partner von Arnold & Porter, enger Berater von TPG, den Namen
Alexander Mandl nicht schon seit 1999, Datum der Nominierung dieses Mannes als
Mitglied des Boards von In-Q-Tel, gut kannten. Die offizielle Geschichte
jedenfalls besagt, dass TPG den Herrn Mandl erst Jahre später - und zwar Dank
eines Headhunters - entdeckte, um ihn dann im Sommer 2002 für den Posten des
CEO von Gemplus vorzuschlagen.
Die Europäische Union hat vor
kurzem entschieden, aus Gründen der strategischen Unabhängigkeit Europas, den
Zugang zum Weltraum, und also die Industrie der Trägerraketen, zu unterstützen.
Die Entwicklung und die Kontrolle der Technologien und der Dienstleistungen im
Bereich der Satelliten sollen aber alleine der Privatwirtschaft überlassen
werden. Diese Position, die auch aus dem Mangel an Finanzmitteln der EU und
ihrer Mitgliedstaaten folgt, erscheint als ganz klar unzurreichend.
Die Europäer sollten in der Tat
endlich Konsequenzen aus dem oben angeführten, sowie aus der Analyse der von
den Vereinigten Staaten von Amerika ausgearbeiteten Strategie im Bereich
Weltraum ziehen. Diese Strategie, die in einem National Security Strategy
of the United States betitelten Dokument vom 20. September 2002
beschrieben wird, aber schon in ihren grossen Zügen in dem von der
Rumsfeld-Kommission im Januar 2001 vorgelegten Gutachten definiert worden war,
charakterisiert sich, via das neue Paradigma der "Space Dominance", durch
einen klaren amerikanischen Unilateralismus und dem bekündeten Willen, den
Weltraum und auch die Erde vom Weltraum aus zu kontrollieren. Vor allem
begründet diese Strategie das Ziel der "Negation" : das Offensive
Counter-Space Program besagt, daß die USA sich die Mittel geben müßen, um
vom Weltraum aus – eventuell nur vorübergehend – die Kommunikationsnetzwerke
anderer Nationen außer Betrieb zu setzen (Counter-Communication System) und
andere Staaten, ob Feind oder Freund, von der Benutzung ihrer eigenen,
auf Flugzeugen, Drohnen, Mikrosatelliten, Satelliten etc. basierenden Mittel
zur Überwachung & Aufklärung zu hindern (Counter-Surveillance Reconnaissance
System).
Die Ziele der amerikanischen Informations- und Weltraumstrategien stehen im
absoluten Widerspruch mit dem Wunsch der Europäer, ihr zukünftiges
Verteidungssytem auf dem Konzept der Network Centric Warfare (NCW) zu
begründen und dafür ihre eigenen, europäischen Long Range C4ISR-Lösungen
aufzubauen. Vor allem jedoch zwingen sie die Europäische Union, sich endlich
ernsthaft mit dem Grundproblem der Souveränitätsfrage zu beschäftigen : die
Frage der Kontrolle des Internets. Heute kontrollieren nähmlich die USA das
Root Servers via ICANN und Verisign, den wesentlichen Teil des Domain Name
Managements und den Großteil der elektronischen Zertifizierung via Verisign
und beTRUSTed, sowie fast in Gänze die Routers (zu 95% von Cisco geliefert).
Die Konvergenz der Kommunikationsprotokolle und der daraus resultierende
fortschreitende Triumph des IPs, die Fusion, auf Seiten der USA, der
militärischen Aspekte des realen (Weltraum) und des virtuellen Raumes
(Internet) unter Obhut einer einzigen Entität, des US Space Commands, sowie
die Missionen, die letzterem zugedacht worden sind, sollten uns zu denken
geben über die oftmals einfachen, aber wirksamen Möglichkeiten, über die die
USA in Zukunft verfügen werden, um jedweden Staat, der nicht vollkommen mit
der amerikanischen Position einverstanden ist, den "Kegel der Stille (Cone of
Silence) überzustülpen" und ihn zeitweise weitgehend blind, taub, stumm - und
also handlungsunfähig - zu machen.
Dr. Sorbas von Coester, Deutscher Staatsangehöriger, Absolvent der
École polytechnique, PhD (Econ) London School of Economics
ist
Managing Partner von Gheran (Paris) (svc@gheran.com).
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