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Kosovo

Kosovo - die erstarrte Zeitbombe

Auf der Fahrt im Herbst 2003 durch die ob ihrer traditionellen Kultur des Widerstandes berühmt-berüchtigte Drenica-Region erscheint plötzlich eine Mitteilung auf dem Display des Mobiltelefons: "Welcome to Serbia on 063 Mobtel Serbia network. We wish you pleasant stay in Serbia". Kosovo, Krisenregion : Artikel von Hans-Ulrich Helfer in Sicherheitspolitik, Nr. 6, November 2003.

  • Einige Eindrücke

Diese Mitteilung soll daran erinnern, dass das 1999 mit Hilfe der NATO aus der blutigen Umklammerung durch Serbien herausgebombte Kosovo von den Serben immer noch als ihre "Provinz" betrachtet wird. Auch in der Verfassung des neuen, von der internationalen Gemeinschaft unter der Rädelsführerschaft Solanas zusammengeschusterten Gebildes namens "Serbien und Montenegro" wird das Kosovo nach wie vor als Teil Serbiens definiert. Die Kosovoalbaner sprechen in diesem Zusammenhang von "Verfassungsaggression".

An der Grabstätte des Jashari-Klan, dem nationalen Denkmal der Kosovoalbaner, versinkt der Besucher im Lehm. Der Jashari-Klan wurde wegen seines unbeugsamen Widerstandes gegen die serbische Unterdrückung fast vollständig ausgerottet. Dabei nahmen serbische Sonderpolizei und Armeeinheiten keine Rücksicht auf Frauen und Kinder. Nach dreitägigen erbitterten Gefechten war das Massaker vollendet.

Grabstätte des Jashari-Klan: UCK-Kämpfer, Frauen und Kinder wurden hingerichtet und die Häuser zerstört. (© Foto: Presdok AG)

Grabstätte des Jashari-Klan: UCK-Kämpfer, Frauen und Kinder wurden hingerichtet und die Häuser zerstört. (© Foto: Presdok AG)

Kommen Besucher an die Grabstätte nehmen zwei Angehörige der "Schutztruppe für das Kosovo" (TMK) ihre Position als Ehrenwache für die Ermordeten ein.

Ihr Blick geht hinüber zum zerschossenen Gehöft der Jasharis, das in den Spuren des Beschusses noch etwas von der mörderischen Brutalität des Angiffes erahnen lässt.

Das Pathos der Gedenkstätte steht im bizarren Gegensatz zum unbeschreiblich schlechten Zustand der Zugangsstrasse, an deren Ausbau nun, vier Jahre nach Kriegsende, gearbeitet wird, zum überall herumliegenden Abfall und den brechreizerregenden Toiletten, die für die Besucher der Gedenkstätte gedacht sind.

Eine Fussgängerbrücke in Mitrovica, der geteilten Stadt: Die schmale Brücke liegt einige hundert

Meter flussaufwärts der neuen, breiten Brücke über den Fluss. Albaner benützen sie nicht, weil auf der anderen Seite die Schlägertrupps der "Brückenwächter" die "ethnische Reinheit" des serbischen Nord-Mitrovica bewachen.

Die kleine Brücke dagegen führt zu drei heruntergekommenen Hochhäusern auf der "serbischen" Seite des Flusses, die dort eine albanische Exklave bilden. KFORTruppen bewachen die brüchige Sicherheit der dort ausharrenden Albaner. Vor kurzem ist trotzdem, wieder einmal, eine Handgranate vor einem der Häuser detoniert: Offenbar will man die albanischen Bewohner durch solchen Nervenkrieg zum Abzug bewegen.

In den Treppenaufgängen hängt ein Geruch von Verfall. Der Lift ist seit langem nicht mehr funktionsfähig. An den Wäschedrähten der Balkone hängen Decken als Sichtblenden. Sie dienen dazu, den Serben in dem auf Steinwurfweite entfernten Nachbarblock und auch eventuellen Heckenschützen, Einblick und Ziel zu verwehren. Die Badewanne ist immer gefüllt: Sie dient als Reservespeicher, wenn wieder einmal die Wasserversorgung unterbrochen wird. Schliesslich fällt, wie so oft im heutigen Kosovo, der Strom aus. Bei Kerzenlicht verabschiede ich mich von meinen Gastgebern und überquere die schmale Brücke, den misstrauisch-furchtsamen Blick eines dunkelheutigen französischen KFOR-Soldaten im Rücken spürend. Die Fahrt in der Dämmerung, zurück nach Prishtina wird zur Nervenprobe: Kühe auf der Strasse, Schlaglochserien und ein Fahrverhalten, das bei den meisten der Verkehrsteilnehmern nicht gerade auf regulären Führerscheinbesitz schliessen lässt.

Ein Gespräch mit ehemaligen UCK Kämpfern in einem verrauchten und zugigen Cafe in Prishtina, vor dem ein lärmendes und stinkendes Dieselaggregat den wieder einmal ausgefallenen Strom ersetzt. Immer wiederkehrende Aussagen:

Fussgängerbrücke in Mitrovica: Hochhäuser auf der "serbischen" Seite des Flusses, die dort eine albanische Exklave bilden. (© Foto: Presdok AG)

Fussgängerbrücke in Mitrovica: Hochhäuser auf der "serbischen" Seite des Flusses, die dort eine albanische Exklave bilden. (© Foto: Presdok AG)

Die umfassenden Kompetenzen der UNMIK lähmen jede Eigeninitiative und lassen das kosovorische Parlament und die kosovorische Regierung als lächerlich, Potemkinsche Fassade erscheinen. Ja, natürlich bleibe bei steigender Arbeitslosigkeit, derzeit über 60%, für viele nur im

kriminellen Bereich eine materielle Überlebenschance. Die führenden Politiker denken durch die Bank nur an ihren Vorteil, das Volk wird auf Schritt und Tritt betrogen. Was müsste passieren? Ein ehemaliger UCKKommandant, der seit einem Überfall vor zwei Monaten, bei dem er einen Beindurchschuss erhielt und alle drei Mitfahrer umkamen, nur noch in einem gepanzerten BMW herumfährt, antwortet: "Wir brauchen die Unabhängigkeit, damit investiert wird und als erstes müsste die UNMIK verschwinden, die immer korrupter wird. Die KFOR muss noch einige Jahre bleiben."

"Table dance" in einem Bumslokal am Stadtrand: Junge Mädchen, vorwiegend aus der Ukraine, versuchen die anwesenden "Geschäftsleute" durch ihren Tanz zu beeindrucken. Die besten haben

eine Chance, nach Westeuropa weitergeschleusst zu werden. Diese Aussicht führt zu sichtlich besonderen Anstrengungen. Das Publikum: Einige UNMIKLeute, denen das Verlangen nach günstiger Erotik im Gesicht steht, die übliche Gruppe ehemaliger UCK-Kämpfer, einige Mafiosi, die aus Albanien stammen. Die Tänzerinnen sind erstaunlich guter Dinge; offenbar glauben sie an die grosse Chance, die man ihnen in Aussicht gestellt hat.

Am nächsten Tag spricht ein hochrangiger Politiker von den Fortschritten, die bereits erzielt seien und von denen, die bald erreichbar sein werden. Er sitzt im Mantel am Schreibtisch, denn die Heizung ist ausgefallen.

Der Autor (rechts) mit einem Widerstands-Kämpfer beim Besuch dessen gefallenen Verwandten. (© Foto: Presdok AG)

Der Autor (rechts) mit einem Widerstands-Kämpfer beim Besuch dessen gefallenen Verwandten. (© Foto: Presdok AG)

  • Einige Überlegungen

Wie nicht anders zu erwarten, haben die jüngsten "Gespräche", - es handelte sich eher um das Verlesen von statements-, die in Wien zwischen Kosovoalbanern und Serben stattfanden, nichts gebracht. Die Gegensätze sind unüberbrückbar: Kein albanischer Politiker kann es sich leisten, das Ergebnis des Referendums von 1991, bei dem eine überwältigende Mehrheit sich für die Unabhängigkeit des Kosovo ausgesprochen hatte, zu ignorieren. Nicht weniger unverrückbar ist die serbische Position: Die Verfassung von "Serbien und Montenegro" definiert das Kosovo als Komponente Serbiens. Eine verfassungsändernde Mehrheit, die den entsprechenden Passus streichen könnte, ist auf absehbare Zeit unvorstellbar. Erst nach einem eventuellen Ende der staatlichen Gemeinschaft von "Serbien und Montenegro", könnten, -theoretisch-, die Karten neu gemischt werden. Ebenso unwahrscheinlich wäre ein Beschluss des Weltsicherheitsrates, dem Kosovo gegen den Willen Serbiens die Unabhängigkeit zu ermöglichen.

Damit aber ist davon auszugehen, dass das gegenwärtige "Protektorat" noch viel länger bestehen wird, als es sich irgendjemand wünschen kann. "Protektorat" bedeutet aber, dass die dringend benötigten Investitionen weiter ausbleiben werden, dass die Arbeitslosigkeit in der jüngsten Gesellschaft Europas (Durchschnittsalter: 24 Jahre) weiter anwachsen wird, dass damit aber auch die Bedeutung der kriminellen Schattenwirtschaft als Vehikel des materiellen Überlebens noch zunehmen wird.

Damit aber wächst die Gefahr, dass kriminelle Strukturen sich immer mehr mit dem politischen Extremismus verschränken werden, der das Ausbleiben der Normalisierung mit dem "Verrat" der etablierten Politik und eines gegen alle Balkanalbaner gerichteten internationalen Neokolonialismus erklärt. Noch mögen die zunehmend an Hauswände gesprayten Aufschriften, die Sympathie mit der grossalbanisch-extremistischen "AKSH" (Albanische Nationalarmee) bekunden, nicht für einen Grossteil der kosovoalbanischen Emotionen stehen, aber das Menetekel steht buchstäblich an der Wand.

Am schlimmsten aber im Sinne zunehmender Desillusionierung und wachsenden bitteren Zynismus’ ist das offensichtliche Versagen der UNMIK: Dort hat sich, zu offensichtlich selbst für den gemeinhin illusionslos-bescheidenen Kosovoalbaner gutdotierte Arroganz mit Inkompetenz in inzwischen unerträglicher Intensität gepaart. Ob das Gerede von der zunehmenden Korruptheit der UNMIK nur verbale Rache ist, darf, auch nach eigenen Eindrücken, bezweifelt werden.

Die Albanische Nationale Befreiungsarmee (AKSH) wirkt illegal in Kosova und Mazedonien. Ihr Ziel ist ein vereinigtes unabhängiges Albanien. (© Foto: Presdok AG)

Die Albanische Nationale Befreiungsarmee (AKSH) wirkt illegal in Kosova und Mazedonien. Ihr Ziel ist ein vereinigtes unabhängiges Albanien. (© Foto: Presdok AG)

Kosovo im Herbst 2003 ist das Grab, in dem der Glaube an die Konfliktlösungsfähigkeiten der Internationalen Gemeinschaft begraben ist. Eine Lösung ist derzeit nicht erkennbar, das Zeitfenster für eine solche ist längst wieder geschlossen. Angesichts dessen ist es realistisch davon auszugehen, dass sich aus diesem Grab die Gespenster des Extremismus, der Kriminalität und der Gewalt wieder erheben werden. Realistisch wäre es auch davon auszugehen, dass diese Gespenster nicht nur im Kosovo erbleiben werden.

Die Schweiz könnte auch in ihrem Interesse eine speziellere Rolle spielen, wenn sie sich aktiver einsetzen würde. Wichtig wäre vielleicht die Anerkennung der bereits 1991 ausgerufenen Unabhängigkeit Kosovos oder die Installierung schweizerischer Institutionen.

Hans-Ulrich Helfer


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