Abschied von den amerikanischen Waffen: Gipfel der letzten Chance in London

Der diplomatische Gipfel von London verwandelte sich in einen existenziellen Kriegsrat. In dringender Sitzung in den gedämpften Räumen des 10 Downing Street haben die europäischen Staats- und Regierungschefs und der ukrainische Präsident das besiegelt, was als Beginn der „post-amerikanischen“ Ära in die Geschichtsbücher eingehen wird.

German Chancellor Friedrich Merz, British Prime Minister Keir Starmer, Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy, and French President Emmanuel Macron — Photo Lauren Hurley / No. 10 Downing Street
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der britische Premierminister Keith Starmer, der ukraini-sche Präsident Wolodymyr Selenskyj und der französische Präsident Emmanuel Macron – Foto: Lauren Hurley / No 10 Downing Street

Auch wenn die Fassade der Einheit gewahrt wurde, waren die Diskussionen von einer seltenen Einmütigkeit geprägt: zwischen jenen, die sich „verraten“ fühlen, und jenen, die sich bereits „auf offenem Feld im Stich gelassen“ sehen.

von François de Vries — London, den 8.Dezember 2025.

Auslöser dieser Schockwelle ist die Veröffentlichung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) durch die US-Administration am vergangenen Freitag. Dieses Dokument von beispielloser semantischer Brutalität validiert implizit russische Einflusssphären im Namen eines kaufmännischen Realismus. Für die in London anwesenden Diplomaten haben die USA damit bestätigt, dass die Europäer keine Verbündeten mehr sind, sondern „Kunden, deren Vertrag soeben fristlos gekündigt wurde“.

Ein neues kommerzielles Jalta

Diese entstehende „Handelsallianz“ zwischen Washington und Moskau weckt auf dem Kontinent augenblicklich die Gespenster der Vergangenheit. Für Polen und die baltischen Staaten skizziert die US-Doktrin keine Friedensstrategie, sondern ein „neues Jalta“.[01] Allein die Vorstellung, dass Washington das Konzept von „Pufferzonen“ im Osten im Tausch gegen Energie- und Rohstoffabkommen billigen könnte, wird in Warschau und Tallinn als Todesurteil empfunden.

In den Fluren des 10 Downing Street fasst ein furchtbarer Satz, der einer Quelle aus dem Umfeld des französischen Präsidenten zugeschrieben wird, die Fassungslosigkeit der Delegationen zusammen: „Der amerikanische Schutzschirm wurde nicht einfach nur geschlossen. Sie haben ihn an denjenigen verkauft, der den Regen auf uns niederprasseln lässt.“

Die europäische Antwort: Der „Plan zur kontinentalen Resilienz“

Angesichts der Frage, ob die Ukraine allein der Geschichte gegenüberstehen würde, mussten die europäischen Mächte mit sofortigen Taten antworten, um einen Zusammenbruch der Front zu verhindern. Nach bestätigten Informationen am Ende des Treffens haben Bundeskanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Keir Starmer tatsächlich eine völlige Abkehr von 70 Jahren atlantischem Komfort beschlossen.

Dieser „Plan zur kontinentalen Resilienz“, dessen technische Details binnen 48 Stunden in Brüssel finalisiert werden sollen, ruht auf zwei Hauptpfeilern, die die erzwungene Emanzipation Europas besiegeln:

  • Der finanzielle Schock: Die Schaffung eines Notfall-Verteidigungsfonds in Höhe von 500 Milliarden Euro. Historisch ist, dass dieser Fonds nicht durch klassische Schulden finanziert wird, sondern durch die endgültige und vollständige Beschlagnahmung der in Europa eingefrorenen russischen Staatsvermögen – eine rote Linie, deren Überschreitung die Amerikaner bisher untersagt hatten.
  • Der Einsatz am Boden: Die sofortige Entsendung einer Joint Expeditionary Force (JEF). Entgegen den Gerüchten handelt es sich nicht um Kampftruppen an der Frontlinie, sondern um Sicherungskräfte für das ukrainische Hinterland (belarussische Grenze, Logistik, Luftverteidigung der westlichen Städte). Dieses Manöver zielt darauf ab, ukrainische Soldaten für die Front im Donbas freizumachen.

Die Atlantische Allianz, seit 1949 ein unerschütterlicher Pfeiler, hat heute Morgen in London aufgehört zu atmen. Sie hinterlässt ein verwaistes, verängstigtes Europa, das jedoch zum ersten Mal beschließt, den Preis an Blut und Geld zu zahlen, um nicht zu verschwinden.

François de Vries

Quellen:

[01] Gazeta Wyborcza, « Le spectre d’un nouveau Yalta hante Varsovie ».

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