Informationskrieg: Wer kontrolliert wirklich das Narrativ Ihres Unternehmens?

Dieser Artikel analysiert, wie Informationskrieg und narrative Reputation zu überlebenswichtigen Faktoren für Unternehmen geworden sind. Jérôme Denariez erklärt, dass das öffentliche Image – geprägt durch soziale Netzwerke und Foren – heute Vorrang vor der Realität der Buchhaltungsbilanzen haben kann. Führungskräfte, und insbesondere Finanzvorstände (CFOs), müssen dieses Narrativ beherrschen, um das Vertrauen von Investoren und Bankern angesichts toxischer Gerüchte zu bewahren. Der Autor empfiehlt den Einsatz von Instrumenten wie OSINT und Economic Intelligence, um Informationskrisen zu antizipieren. Fazit: Moderne Unternehmensführung beschränkt sich nicht mehr auf das Zahlenmanagement, sondern erstreckt sich auf den strategischen Schutz der digitalen Identität der Organisation. (Anm. d. Red.)

von Jérôme Denariez — Paris, den 29.Dezember 2025

OSINT, Feldinformationen und finanzielle Entscheidungen: Wenn die Erzählung über die Buchhaltung triumphiert

(Anmerkung der Redaktion: Mit diesem Artikel eröffnet Jérôme Denariez eine Reihe von Kolumnen über die oft verkannte Schnittmenge zwischen Unternehmensfinanzierung und Economic Intelligence. Oder wie das « Narrativ » zu einem Vermögenswert – oder einer Verbindlichkeit – geworden ist, der so greifbar ist wie der Cashflow.)

Jérôme Denariez — Photo © DR

Führungskräfte denken oft in Zahlen, Verträgen und Compliance. Sie haben Recht. Aber in einem informations-gesättigten Umfeld reicht das nicht mehr aus.

Ein Unternehmen kann geprüfte Abschlüsse, ein tragfähiges Geschäfts-modell und eine geordnete Organisation vorweisen und dennoch durch eine andere Realität geschwächt werden. Die Realität, die außerhalb der Akten zirku-liert. Diejenige, die in Netzwerken, Foren, der Lokalpresse und in Gesprächen vor Ort entsteht.

Jérome Denariez — Foto © Alle Rechte vorbehalten

Basierend auf Erfahrungen in einem börsennotierten KMU zeigt dieser Artikel, wie das Narrativ zu einem eigenständigen finanziellen Risiko wird und warum die Beherrschung dieses Narrativs heute voll und ganz zur Governance und zur Economic Intelligence gehört.

Wenn die « Parallelrealität » die Macht übernimmt

Man sagt Führungskräften oft, dass es keinen Sinn hat, zu einer Bank oder einem Fonds zu gehen, wenn die Bücher nicht sauber sind. Das stimmt. Und doch reicht es nicht mehr aus.

Ich habe früh verstanden, dass ein Unternehmen geprüfte Konten, ein funktionierendes Geschäftsmodell und Teams haben kann, die ihre Arbeit machen, und dennoch eines Morgens mit einer anderen Geschichte aufwachen kann, die bereits die Runde macht.

  • Eine Geschichte, die woanders geschrieben wurde. Die woanders aufgegriffen wird. Die woanders kommentiert wird.

Sie kommt nicht aus den Zahlen. Sie kommt nicht aus den Vorstandsprotokollen. Sie kommt aus Foren, Medien, sozialen Netzwerken, dem Territorium, dem Feld. Sie entsteht aus Details, die niemand im Moment für wichtig hält. Und es ist diese Geschichte, die am Ende auf Banken, Investoren, Talente und manchmal sogar Kunden lastet.

Die wirkliche Frage ist also nicht mehr nur, ob die Zahlen stimmen. Sie wird härter: Wer schreibt gerade die Geschichte meines Unternehmens an meiner Stelle?

Die Feuerprobe: Wenn ein Börsenforum über die Zukunft entscheidet

In einem früheren Leben begleitete ich den Börsengang einer regionalen B2C-Dienstleistungsgruppe, zunächst als Wirtschaftsprüfer, dann als CFO (Finanzvorstand). Für die Region war es ein kleines Erdbeben. Ein lokaler Stolz. Intern hatten wir das Gefühl, in der ersten Liga zu spielen: geprüfte Abschlüsse, verstärkte Prozesse, Wachstumsdiskurs.

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Informationskrieg — Illustration © European-Security

Dann begann der Markt woanders zu sprechen als in unseren Verwaltungsratssitzungen. In einem großen Börsenforum reihten anonyme Nutzer Nachricht an Nachricht, beschuldigten die Gruppe der Bilanzfälschung und sprachen von einer « Waschmaschine » (Geldwäsche). Im lokalen Mikrokosmos vermischten sich diese Gerüchte mit dem, was in einem Dienstleistungsunternehmen immer herumliegt: ein unzufriedener Kunde, ein missverstandener Rechtsstreit, ein eifersüchtiger Konkurrent, die Lust am Skandal.

Die Diskrepanz war total:

  • Auf der einen Seite: eine rechtliche und buchhalterische Realität, dokumentiert von Wirtschaftsprüfern und Anwälten.
  • Auf der anderen Seite: eine narrative Realität, hergestellt von mehreren Akteuren, die schneller zirkuliert als jeder Bericht.

Das Ergebnis? Strafanzeigen, Polizeigewahrsam. Ich wurde zweimal vorgeladen. Was mir von dieser Gewalt vor allem in Erinnerung bleibt, ist der Moment, in dem das Narrativ die Oberhand über die Konten gewann. Man spürt sehr schnell, wenn sich das Vertrauen auch nur um einen Millimeter verschoben hat.

Vom KMU zum Riesen: Gleiche Mechanik, anderer Maßstab

Dieses Phänomen verschont niemanden. Schauen Sie sich Jean-Marie Messier an: lange Zeit der « Herr der Welt », dann mit dem Fall von Vivendi assoziiert.

Obwohl er heute eine anerkannte Investmentbank leitet, bleibt das öffentliche Narrativ oft am Bild des gefallenen Managers haften. Schauen Sie sich Carlos Ghosn an: Held des effizienten Cost-Killings, dann juristischer Paria. Je nachdem, ob man die japanische oder die französische Presse liest, sieht man nicht dieselbe Geschichte. Held, Tyrann oder Opfer einer industriellen Verschwörung? Die Szenarien koexistieren auf demselben Fundament von Fakten.

Umgekehrt zeigte der Konflikt zwischen Eiffage und Sacyr, dass ein Dossier extrem angespannt sein kann, ohne sich in eine permanente moralische Seifenoper zu verwandeln. Die Spannungen waren real, aber das Narrativ blieb das eines Aktionärskrieges, nicht das eines dauerhaft diskreditierten Unternehmens.

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Nachhaltige Wahrnehmung basiert auf den Geschichten, die wir konstruieren“ © European-Security

In all diesen Fällen dient ein Kern ökonomischer Fakten als Basis. Aber die dauerhafte Wahrnehmung beruht auf den Geschichten, die daraus konstruiert werden. Im Maßstab eines KMU ist die Mechanik identisch. Es gibt nur weniger Nullen und vor allem viel weniger Sicherheitsnetze.

Das Gewicht der Vergangenheit im Bankdossier

Das Narrativ wird auch in der Vergangenheit geschrieben. Kehren wir zu unserer regionalen Gruppe zurück. Eine vor der Krise als logisch erachtete Lease-Back-Transaktion, die sich zu einem langwierigen Rechtsstreit entwickelte, der schließlich mehrere Jahre später mit einem ungünstigen Ausgang für den Konzern beigelegt wurde, der einen erheblichen Aufwand in seiner Bilanz verbuchen musste.

Infoguerre — Illustration European-Security
Die Geschichte wird auch in der Vergangenheit geschrieben“ – Illustration European-Security

Für einen internen Finanzier ist das rational: Das Risiko ist zurückgestellt. Aber für einen Bankier, der das Dossier zehn Jahre später entdeckt, ist es ein Warnsignal. Er sieht keine Buchung; er sieht ein « schwerwiegendes Problem » mit einem Kollegen.

« Man kämpft nicht gegen eine Zahl. Man kämpft gegen das, was diese Zahl suggeriert. »

Offiziell stand der Finanzierung neuer Projekte nichts im Wege. Inoffiziell schloss das Narrativ eines « Schuldners im Konflikt » die Türen.

Wenn die Reaktion zum Gift wird

Der schlimmste Feind des Narrativs ist manchmal der Führungskraft selbst. Ich denke an eine andere Episode, in der die Geschäftsleitung nach einem Bankfehler, der Konten blockierte, im Eifer des Gefechts mit einer aggressiven E-Mail voller Drohungen reagierte. Sofortige Konsequenz: Klage, Polizeigewahrsam und Exposition in sozialen Netzwerken.

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Ein rentables Modell reicht nicht mehr aus, um zu überleben… — Illustration © European-Security

Von diesem Moment an hatten die Zahlen keine Stimme mehr. Es waren die wütenden schriftlichen Worte, die das Narrativ bildeten: das eines instabilen Unternehmens und eines unberechenbaren Chefs. Nichts musste erfunden werden. Der Chef lieferte die Waffen gegen seinen eigenen Ruf selbst.

Fokus: Die Methode

OSINT und HUMINT: Die zwei Gesichter der Aufklärung

Ein gesunder Ansatz der Economic Intelligence besteht darin zu verstehen, dass zwei Welten einander antworten:

  • OSINT (Open Source Intelligence): Alles, was ein Dritter über Sie erfahren kann, ohne seinen Bildschirm zu verlassen. Öffentliche Register, Gerichtsurteile, Presse, Foren, Kundenbewertungen, alte Veröffentlichungen.
HUMINT - Infoguerre — Illustration © European-Security
Das Vertrauen der Banker und Investoren hängt nicht von Zahlen ab, sondern von der Geschichte, die dahintersteckt — Illustration © European-Security
  • HUMINT (Human Intelligence): Die Aufklärung vor Ort. Informelle Gespräche, Feedback, zirkulierende Reputationen. Die Blicke, die viel sagen, ohne jemals niedergeschrieben zu werden.
  • Das Image eines Unternehmens entsteht immer aus ihrer Kombination.

Fazit: Vom Hüter der Konten zum Hüter des Narrativs

Lange Zeit wurde der CFO auf die Rolle des Hüters der Konten reduziert. Diese Rolle bleibt zentral, aber sie reicht nicht mehr aus. Die Erfahrung zeigt, dass der Chef, der überlebt, nicht immer derjenige ist, der in der Sache « Recht » hat. Es ist derjenige, der genug Klarheit bewahrt, um die Kontrolle über die Geschichte, die über ihn erzählt wird, nicht zu verlieren.

In dieser Klarheit nimmt der CFO einen einzigartigen Platz ein. Er sieht die Zahlen vorbeiziehen, aber er hört auch die Signale aus dem Feld. Bevor er schreibt, reagiert oder eskaliert, muss er sich diese einfache Frage stellen: « Wenn ich Bankier, Investor oder Bewerber wäre, was würde ich denken, wenn ich dies in zwei Jahren lesen würde? »

Das ist keine Kommunikation. Das ist Governance. Und heute ist es vielleicht eine der konkretesten Formen von Economic Intelligence in einem KMU.

Jérôme Denariez

Siehe auch:

Entschlüsselung: Wenn die Erzählung die Bilanz tötet

Dieser Artikel räumt mit einem hartnäckigen Mythos auf: Im Jahr 2024 reicht es nicht mehr aus, zertifizierte Abschlüsse und ein profitables Modell zu haben, um zu überleben. Jérôme Denariez zeigt auf, dass eine „Parallelrealität“ ein Unternehmen heute schneller zerstören kann als eine Insolvenz. Diese Gefahr ist das unkontrollierte Narrativ. Egal, ob es in einem Börsenforum, aus einem lokalen Gerücht oder einem unglücklichen Tweet eines Geschäftsführers entsteht: Dieses toxische Narrativ wird zu einer sehr realen „Verbindlichkeit“.

Der Autor veranschaulicht anhand konkreter Fälle (KMU oder Giganten wie Vivendi), wie das Vertrauen von Bankern und Investoren kippt – nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der Geschichte, die sie umgibt. Eine rationale buchhalterische Rückstellung wird zu einem „schwerwiegenden Problem“, sobald das externe Narrativ sie als solches bezeichnet. Moderne Governance darf daher nicht mehr nur die Zahlen prüfen (die Hard Facts), sondern muss obsessiv OSINT und schwache Signale überwachen (die Soft Facts). Der Finanzchef ist nicht mehr nur der Hüter des Buchhaltungstempels; er muss zum Hüter der Reputation werden, denn sie ist es, die heute den finanziellen Wert validiert.

🔮 Und morgen? Zwei Fenster in die Zukunft

Die Ära der „Narrative Due Diligence“: Morgen werden Wirtschaftsprüfer nicht mehr nur Bilanzen prüfen. Wir werden das Aufkommen von Audits zur „narrativen Resilienz“ erleben. Vor einer Übernahme oder einem Kredit werden Algorithmen bewerten, ob die digitale Historie eines Unternehmens „solide“ ist oder ob sie anfällig für den ersten Informationsangriff ist. Das „Narrativ“ wird zu einem bewertbaren Posten in der immateriellen Bilanz.

Der Angriff durch generative KI: Während der Artikel von menschlichen Gerüchten spricht, ist der nächste Schritt industrieller Natur. Konkurrenten oder Aktivisten werden KI nutzen können, um in wenigen Stunden Tausende von kohärenten narrativen „Beweisen“ (gefälschte Bewertungen, gefälschte Blogartikel, gefälschte Interaktionen) zu generieren. Der Informationskrieg wird nicht mehr nur in der Defensive geführt werden, sondern erfordert automatisierte narrative „Gegenfeuer“, die von KI gesteuert werden.