Dieser zweite Teil setzt die michelet’sche Autopsie fort, indem er sich auf die chirurgischen Analysen von Françoise Thom stützt. Hier ist Russland nicht mehr nur eine Tyrannei, sondern eine virale Pathologie: die „Cholera“. Michelet diagnostiziert darin ein auf der ontologischen „Lüge“ gegründetes Imperium, eine Anti-Realität, in der Zar Nikolaus I. das „Falsche des Falschen“ ist und in der die Bürokratie alles organische Leben zermalmt. Die Fähigkeit des russischen Regimes, seine eigene Zersetzung zu exportieren, um die moralischen Abwehrkräfte des Westens aufzulösen, ist furchterregend.

Ein „kaltes Gift“, das einschläfert, bevor es tötet. Angesichts dieser Todesmaschine, die ihre eigene Nation „beseitigt“ hat, erscheint die gemarterte Ukraine paradoxerweise als die einzige lebendige Kraft, ein Wunder des Widerstands, das verhindert, dass der Wundbrand Europa überflutet.
Es ist eine klinische Warnung: Man verhandelt nicht mit einer Epidemie, man dämmt sie ein oder man stirbt daran.
Inhalstverzeichnis
von François de Vries — den 30.November 2025.
Die Intuitionen von Jules Michelet über Russland (2)
Einführung: Das Nachwirken des Gespenstes
Im großen Theater der Geschichte scheinen bestimmte Akteure dazu verdammt, dieselbe Tragödie unendlich oft neu zu spielen – nicht als Farce, um Marx zu zitieren, sondern als wiederkehrenden Albtraum, der das europäische Gewissen heimsucht.
Die Analyse der Historikerin Françoise Thom mit dem Titel „Die Intuitionen von Jules Michelet“ [01] lädt uns zu einer solchen Wiederentdeckung ein: die einer Vergangenheit, die nicht vergeht, eines Schattens, der sich erneut über den Kontinent legt.
Indem Françoise Thom die Texte von Jules Michelet, insbesondere seine Demokratischen Legenden des Nordens von 1854, exhumiert, betätigt sie sich nicht als Antiquarin. Sie stellt eine klinische Diagnose der Gegenwart. Sie zeigt, dass Wladimir Putins Russland keine neue Aberration ist, sondern das Wiederaufleben, Zug um Zug, des Russlands von Nikolaus I.
Dieser zweite Teil, „Die Ansteckung der Finsternis“, nimmt sich vor, diese schwindelerregende Intuition zu erkunden. Es geht darum, mit der Strenge des Analysten und der Tiefe des Visionärs die Mechanismen einer Macht zu sezieren, die laut Michelet die Lüge zu ihrem Fleisch und den Tod zu ihrem Lebensprinzip gemacht hat.
Das Ziel ist es, den Sinn der von Françoise Thom reaktivierten Kategorien Michelets – die Lüge, die Cholera, die Leere, die Maschine – auszuschöpfen, um den Krieg in der Ukraine nicht als territorialen Konflikt zu verstehen, sondern als einen metaphysischen Kampf zwischen Existenz und Nichts.
Indem wir dem von Françoise Thom gespannten roten Faden folgen, werden wir sehen, wie die Geschichte Jahrhunderte durchquert, um uns zu beißen, und wie die prophetischen Warnungen von 1854 zu Überlebensschlüsseln für 2024 werden. Man muss „nur ‚Polen‘ durch ‚Ukraine‘ und das Russland von Nikolaus I. durch das von Putin ersetzen“, damit der Text in erschreckender Klarheit aufleuchtet.[01] Dieser Bericht versteht sich als das verstärkte Echo dieser Substitution, eine erschöpfende Anatomie der politischen Nekrose, die den Westen bedroht.
I: Die Ontologie der Lüge
1.1. Die Substanz des Falschen
Im Herzen von Michelets Analyse, weitergegeben durch Françoise Thom, liegt eine Behauptung von unerhörter philosophischer Brutalität: Russland lügt nicht einfach; es ist die Lüge. „Russland, das in seiner Natur, in seinem eigenen Leben die Lüge selbst ist, dessen Außenpolitik und dessen Waffe gegen Europa sind notwendigerweise die Lüge.“[01] Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung. Sie trennt die utilitaristische Lüge, die von allen Staaten als Instrument der List praktiziert wird, von der ontologischen Lüge, die das eigentliche Wesen der russischen Macht ausmacht.
In der Perspektive Michelets ist die Lüge kein Schleier, der über die Realität gelegt wird, sondern eine Ersetzung des Realen durch eine morbide Fiktion. Die russische Regierung hat ein verkehrtes Universum errichtet, in dem Wörter ihre Verankerung in der Wahrheit verloren haben, um Vektoren der Verwirrung zu werden.
Diese „höchste Lüge“[01] ist kein Betriebsunfall; sie ist die tragende Struktur des Imperiums. Ohne sie stürzt das Gebäude ein, denn es ist auf keinem organischen oder moralischen Fundament gebaut, sondern auf der Leere.
Die Analyse legt nahe, dass diese lügenhafte Natur den russischen Geist selbst „verfälscht“ und ihn der „Folter einer niederträchtigen und niedrigen Inquisition“ unterwirft.[01] Die Inquisition ist hier nicht nur religiös, sie ist kognitiv: Sie zwingt den Geist, das Inakzeptable zu akzeptieren, Schwarz zu sehen und Weiß zu sagen, und bricht so die moralische Triebfeder des Individuums.
1.2. Der Zar: Das Falsche des Falschen
An der Spitze dieser Pyramide des Betrugs thront der Zar. Michelet definiert ihn mit einer Formel von bezeichnender Redundanz: Er ist „das Falsche des Falschen, die höchste Lüge, die alle Lügen krönt“.[01] Warum dieses Beharren auf der Verdopplung des Falschen? Weil der Zar nicht nur ein Lügner ist; er ist die Inkarnation einer falschen Gottheit. Er gibt vor, der Vater des Volkes zu sein, während er dessen Henker ist; er gibt vor, der Garant der Ordnung zu sein, während er der Agent des Chaos ist.

Die Analyse von Françoise Thom beleuchtet die absolute Kontinuität zwischen dem Zarismus von Nikolaus I. und dem Regime Putins. In beiden Fällen ist der Führer der Konvergenzpunkt aller Fiktionen. Sein Wille, von Michelet als „unsicher, launisch in seiner Handlung“[01] bezeichnet, wird zum einzigen Gesetz und ersetzt Gerechtigkeit, Tradition und Vernunft. Diese autokratische Laune ist gefährlich, weil sie von der Realität abgekoppelt ist. Eingeschlossen in seine eigene Lügenblase, glaubt der russische Führer schließlich an seine eigenen Fabrikationen und reißt sein Land in katastrophale Abenteuer, die auf falschen Prämissen beruhen. Die „höchste Lüge“ ist also nicht nur ein Werkzeug der Herrschaft, sie ist eine Falle, in der sich der Tyrann selbst fängt, was sein Handeln zu einer „absoluten Unsicherheit in den Ergebnissen“ verdammt.[01]
1.3. Die Korruption als Vektor degradierter Wahrheit
Wie steigt die Lüge von der Spitze zur Basis hinab? Durch die Bürokratie, jene imperiale „Maschine“, die Michelet mit Entsetzen beschreibt. Aber beim Abstieg erfährt die Lüge eine Mutation: Sie verwandelt sich in Korruption. Der Wille des Zaren trifft beim Durchqueren der Verwaltungsschichten auf „Käuflichkeit“ und „Korruption“.[01]
Hier wird die Analyse besonders eindringlich, um das logistische und moralische Versagen der zeitgenössischen russischen Armee zu verstehen. Die politische Lüge (die Größe des Imperiums) wird zur administrativen Lüge (gefälschte Berichte, aufgeblähte Bestandszahlen, gestohlenes Material). Das System wird von innen heraus von der Notwendigkeit zerfressen, Vorgesetzte anzulügen. Jede Stufe der Hierarchie fügt ihre eigene Schicht Falschheit hinzu, um sich zu schützen oder zu bereichern. Das Ergebnis ist eine „absolute Unsicherheit“:[01] Die Zentralmacht zieht an Hebeln, die mit nichts verbunden sind. Die „Macht des Todes“ ist somit paradoxerweise eine Macht der Ohnmacht, untergraben durch den Virus der Täuschung, den sie dem sozialen Körper selbst eingeimpft hat.
Tabelle 1.1: Die Stratigraphie der russischen Lüge
| Machtebene | Natur der Lüge (Michelet/Thom) | Manifestation unter Nikolaus I. | Manifestation unter Putin | Systemische Konsequenz |
| Der Zar (Spitze) | „Das Falsche des Falschen“, „Höchste Lüge“ [01] | Vergöttlichter Autokrat, Garant der Orthodoxie und Ordnung. | „Spezialoperation“, Entnazifizierung, Wiederherstellung historischer Größe. | Totale Abkopplung von der Realität, launische Entscheidungen. |
| Außenpolitik | „Waffe gegen Europa“ [01] | Schutz religiöser „Dissidenten“, Verteidigung der aristokratischen Ordnung. | Schutz der „Russischsprachigen“, Verteidigung „traditioneller Werte“, Kampf gegen die NATO. | Subversion von Demokratien, hybride Kriegsführung. |
| Die Verwaltung (Mitte) | „Unsicherheit“, „Käuflichkeit“, „Korruption“ [01] | Die Bürokratie filtert und verzerrt imperiale Befehle. | Kleptokratie, gefälschte Militärberichte, Veruntreuung von Geldern. | Operationelle Ineffizienz, Lähmung des Handelns. |
| Das Volk/Die Nation | „Niederträchtige Inquisition“, „Moralisches Nichts“ [01] | Leibeigenschaft, erzwungenes Schweigen, erzwungene Anbetung. | Apathie, Fernsehpropaganda, soziale Atomisierung. | „Unterdrückung Russlands“, Tod des öffentlichen Geistes. |
II: Die virale Pathologie — „Russland ist die Cholera“
2.1. Die epidemiologische Metapher
Zu den frappierendsten Intuitionen, die von Françoise Thom hervorgehoben werden, gehört diese lapidare Definition: „Russland ist die Cholera.“[01] Für einen Leser des 19. Jahrhunderts ist die Cholera keine einfache Krankheit; sie ist der absolute Schrecken, die Geißel aus dem Osten, der blaue Tod, der ohne Vorwarnung zuschlägt und die Körper auflöst.
Indem Michelet diese Metapher auf den russischen Staat anwendet, vollzieht er eine bedeutende konzeptionelle Verschiebung. Russland ist keine konventionelle Militärmacht (wie Preußen oder Frankreich); es ist ein Krankheitserreger.
Diese Identifizierung legt nahe, dass Russlands Einwirkung auf seine Nachbarn nicht von der Art klassischer Eroberung ist (Assimilation, Verwaltung), sondern von der Art der Kontamination. Es ist eine „auflösende Kraft“.[01] Es sucht nicht, die Völker, die es berührt, zu erheben, sondern sie zu erniedrigen, sie krank zu machen. Wie die Cholera gedeiht es auf Schmutz, Elend und Unordnung. Wo es vorbeizieht, verflüssigen sich soziale Strukturen, das Vertrauen verschwindet und das bürgerliche Leben erlischt.
2.2. Das „kalte Gift“ und die Demoralisierung
Michelet beschreibt den russischen Einfluss als ein „kaltes Gift“.[01] Dieses thermische Bild ist wesentlich. Russland ist der Pol der Kälte, nicht nur geographisch, sondern spirituell. Es lässt die Regungen des Herzens gefrieren, es lässt die Hoffnung erstarren. Das russische Gift wirkt auf das Nervensystem der europäischen Nationen. Es tötet nicht sofort; es betäubt.
Thoms Analyse ermöglicht es, die modernen Mechanismen dieser Vergiftung zu verstehen. Vor der Invasion der Panzer gibt es die Invasion des Zweifels. Das „kalte Gift“ zirkuliert heute über Desinformationsnetzwerke, die Finanzierung von Extremen, die Korruption der Eliten. Das Ziel ist es, das künftige Opfer zu „demoralisieren“, es den Glauben an seine eigenen Werte verlieren zu lassen, es „wehrlos“ zu lassen noch vor dem ersten Kanonenschuss.[01] Die russische Cholera greift die moralische Immunität des Westens an. Sie suggeriert, dass Freiheit eine Schwäche sei, dass Wahrheit relativ sei, dass rohe Gewalt die einzige Realität sei.
2.3. Die Selbstauflösung
Das Wesen einer Krankheit ist, dass sie den Organismus zerstört, der sie beherbergt. Michelet merkt an, dass Russland, wenn es im Außen nichts zu verschlingen hätte, „sich selbst fressen würde“.[01] Es ist eine „Macht des Todes“, die „brennend, verzehrend“ ist.[01] Diese Autophagie ist sichtbar in der Art und Weise, wie das Regime seine eigene Bevölkerung behandelt. Die Cholera macht keinen Unterschied zwischen dem Russen und dem Fremden; sie ist ein Prinzip universeller Negation.
Indem die russische Regierung Russland zur Cholera für Europa machte, hat sie ihr eigenes Volk dazu verdammt, in einem ewigen Lazarett zu leben. Sie hat Russland vom Rest der Menschheit isoliert und die vitalen Verbindungen gekappt, die es an die Zivilisation knüpften. Michelet warnt, dass dieser Prozess zu einem „höllischen Verderben“ führt,[01] einem endlosen Fall in Krankheit und Tod, aus dem nur ein radikaler Bruch (eine „Bewegung des Herzens“)[01] das Land retten könnte.
III: Die Mechanik der Leere — Das Imperium gegen die Nation
3.1. Die Zermalmungsmaschine
In seinem Brief an die russischen Offiziere versucht Michelet, eine Chirurgie des Gewissens vorzunehmen: Man muss „das Imperium und die Nation“ trennen.[01] Das Imperium ist nicht der politische Ausdruck der russischen Nation; es ist ihr Parasit und ihr Henker. Die Analyse beschreibt den russischen Staat als eine riesige administrative und militärische „Maschine“, die ihren Stützpunkt auf den Offizieren nimmt, auf ihnen lastet und sie erdrückt.[01]
Michelet wendet sich mit einem furchterregenden Bild direkt an den Offizier: „Ihr seid der Stützpunkt für den Hebel, der euch zermalmt.“ Der Offizier wird nicht als denkendes Subjekt oder Patriot betrachtet, sondern als Werkzeug. Die „Maschine“ funktioniert durch eine Kette blinden Gehorsams, in der jeder Rang den darunterliegenden zerquetscht. Indem er akzeptiert, ein Rädchen dieses Systems zu sein, beteiligt sich der russische Offizier an seiner eigenen Zerstörung und der seines Volkes. Er dient einer „Macht des Todes“, die die vitalen Kräfte des Landes verzehrt, um ein expansionistisches Delirium zu nähren. Die Maschine dient nicht Russland; Russland ist der Treibstoff für die Maschine.
Diese mechanistische Vision ist furchterregend. Das russische Individuum, ob Leibeigener oder General, ist nur ein Rädchen, ein Brennstoff für die Maschine. Die „schreckliche Regierung“ wird als „der Tod Russlands“ definiert.[01] Hier liegt eine totale Umkehrung des Gesellschaftsvertrags vor: Der Staat existiert nicht, um die Nation zu schützen, sondern um sie zu verzehren. Jede territoriale Ausdehnung, jeder scheinbare Sieg des Imperiums wird mit einer „Vernichtung des nationalen Genius“ bezahlt.[01] Je mehr sich Russland geographisch ausdehnt, desto mehr entleert es sich spirituell.
3.2. Das moralische Nichts und die Barbarei
Die Wirkung dieser Maschine ist die industrielle Produktion des Nichts. Unter der Herrschaft des „Falschen“ ist Russland „den Abhang eines entsetzlichen moralischen Nichts hinabgestiegen“.[01] Es hat sich zurückentwickelt. Während die Welt voranschreitet, läuft es „völlig gegen den Strich der Welt“.[01] Michelet spricht von einer Rückkehr zur „Leibeigenschaft“, ja sogar zur „antiken Sklaverei“.
Thom unterstreicht die brennende Aktualität dieser Feststellung. Putins Russland organisiert diese Regression, indem es stalinistische Praktiken rehabilitiert, die Gesellschaft militarisiert und Dissens unterdrückt. Es schafft eine „riesige Leere“[01] im Herzen der Gesellschaft. Diese Leere ist nicht neutral; sie ist ein Sog für Gewalt. Eine Gesellschaft, die ihrer Moral, ihrer Kultur, ihrer Menschlichkeit entleert ist, kann sich nur mit Fanatismus und Hass füllen. Die „innere Zerstörung“[01], die Russland im letzten Jahrhundert erlitten hat (und die es immer noch erleidet), ist die Quelle seiner äußeren Aggressivität. Es projiziert seine eigene Leere auf die Welt, indem es die Ukraine und ganz Europa auf denselben Zustand der Verwüstung reduzieren will wie sich selbst.
3.3. Der Appell an die Offiziere: Eine verpasste Gelegenheit?
Michelet wandte sich an die russischen Offiziere in der Hoffnung, dass sie erkennen würden, dass die Maschine auch sie zermalmte. Er hoffte, sie würden sehen, dass dem Zaren zu dienen bedeutete, Russland zu verraten. „Das Imperium und die Nation“ sind Todfeinde. Heute verhallt dieser Appell im Leeren. Die Maschine scheint gewonnen zu haben. Die Unterscheidung zwischen dem Imperium und der Nation hat sich aufgelöst; die Nation wurde vom Imperium verdaut. Der „nationale Genius“ scheint vernichtet, ersetzt durch Zynismus und Resignation. Es ist der Triumph der Cholera: Es gibt keinen gesunden Körper mehr, um dem Virus zu widerstehen.
Tabelle 3.1: Die Dialektik Imperium/Nation
| Konzept | Das Imperium (Die Maschine) | Die Nation (Das Volk) | Kausaler Zusammenhang |
| Natur | „Macht des Todes“, „Launische Maschine“, „Höchste Lüge“. | „Nationaler Genius“, „Eigenes Leben“ (potenziell), „Herz“. | Das Imperium „lastet auf“ und „erdrückt“ die Nation. |
| Dynamik | Expansionistisch, verzehrend, mechanisch. | Passiv, leidend, der Substanz beraubt. | Die Expansion des einen verursacht die Vernichtung des anderen. |
| Ergebnis | „Unterdrückung Russlands“, „Moralisches Nichts“. | „Innere Zerstörung“, „Rückfall in die Barbarei“. | „Die schreckliche Regierung ist der Tod Russlands.“ |
IV: Anatomie des Verbrechens — Polen als Spiegel der Ukraine
4.1. Die Dreifaltigkeit der erobernden Lüge
In der Analyse der Eroberungsmethode wird der Vergleich zwischen 1854 und 2024 am ergreifendsten. Michelet seziert die Mechanik der Unterwerfung Polens, und Françoise Thom lädt uns ein, darin das Schicksal der Ukraine zu lesen.

Russland hat Polen nicht allein durch das Schwert besiegt, sondern durch „drei Lügen“[01], die die polnische Seele entwaffneten, bevor sie ihren Körper brachen.

1. Die brüderliche Sorge (Die religiöse/ethnische Lüge): Russland heuchelte Interesse an der Religionsfreiheit und kam den „Dissidenten“[01] zu Hilfe. Dies ist der Prototyp des Minderheitenschutzes, der von Putin im Donbass angewendet wird. Das Raubtier verkleidet sich als Beschützer. Es erfindet eine Verfolgung, um eine Invasion zu rechtfertigen. Es weint über die Opfer, die es schaffen wird.
2. Der Schutz der Anarchie (Die verfassungsrechtliche Lüge): Russland gab vor, die „alte Verfassung“ Polens und seine „alte Anarchie“[01] (das Liberum Veto) zu verteidigen. In Wirklichkeit wollte es verhindern, dass sich Polen reformiert, modernisiert und zu einem starken Staat wird. Es wollte „ein Polen gegen Polen“.[01] Ebenso hat Russland alles getan, um die Ukraine in Korruption und institutioneller Instabilität zu halten und ihre Versuche der Annäherung an den europäischen Rechtsstaat zu sabotieren. Es will schwache, unregierbare Nachbarn, um sie besser beherrschen zu können.
3. Die lügenhafte Politik (Die diplomatische Lüge): Die Eroberung geschieht durch die Sprache. Russland verspricht Freundschaft, während es das Massaker vorbereitet. Es unterzeichnet Verträge, um Zeit zu gewinnen. Seine Diplomatie ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, ein psychologischer Krieg, der dazu bestimmt ist, „Auflösung“[01] zu säen.
4.2. Der Mord an fünfzig Millionen Menschen
Michelet spricht von einem „monströsen Verbrechen“, von einem „ungeheuren Mord an fünfzig Millionen Menschen“.[01] Diese Zahl bezeichnet nicht die physischen Toten, sondern den zivilen Tod einer ganzen Nation. Russland wollte Polen von der Landkarte und aus der Geschichte tilgen. Es wollte ihm seine Seele stehlen.
Aber hier taucht das vitalistische Paradox Michelets auf: Das Verbrechen scheiterte gerade durch sein Übermaß. Indem es Polen zerstückelte, gab Russland ihm ein „stärkeres Leben“.[01] „Das Polen, das ihr in Fetzen und blutig seht, stumm, ohne Puls noch Atem, es lebt.“[01] Das Leiden hat das nationale Leben kondensiert, es unzerstörbar gemacht. „All sein Leben, zurückgezogen aus seinen Gliedern, getragen zu Kopf und Herz, ist nur umso mächtiger.“[01]
4.3. Die ukrainische Transposition
Wenden wir dieses Raster auf die Ukraine an. Putin wollte die Ukraine als Nation „beseitigen“, sie auf eine russische Provinz reduzieren. Er benutzte dieselben Lügen (Schutz der Russischsprachigen, Anprangerung eines „Nazi“-Regimes, um Chaos zu schaffen). Aber das Ergebnis ist identisch mit dem von Michelet beschriebenen: Die Aggression hat die ukrainische Nation geschmiedet. Sie hat das Volk geeint, sie hat ein heroisches Bewusstsein geweckt, das schlief.
Die Ukraine, heute „in Fetzen und blutig“, lebt ein intensives, brennendes Leben, das im Kontrast zur tristen Apathie Russlands steht. „Sie lebt allein im Norden, und keine andere.“[01] Russland hingegen „lebt nicht“. Es ist eine Todesmaschine, ein geopolitischer Zombie, der töten, aber kein Leben erschaffen kann. Michelets Intuition durchquert die Jahrhunderte: Der Henker ist tot, das Opfer ist lebendig.
V: Die Geopolitik von Licht und Finsternis
5.1. Russland gegen die Welt
Die Analyse von Françoise Thom unterstreicht, dass Russland ‚völlig gegen den Strich der Welt‘ geht.[01] Es handelt sich nicht um eine einfache Divergenz von Interessen, sondern um eine fundamentale vektorielle Opposition. Die Welt (verstanden als die europäische Zivilisation und der moralische Fortschritt) bewegt sich hin zu Komplexität, Freiheit, dem Individuum. Russland kehrt zurück zur brutalen Einfachheit der Sklaverei, zur undifferenzierten Masse, zum Nichts.
Dieser Gegensatz macht jeden dauerhaften Kompromiss unmöglich. Man verhandelt nicht zwischen dem Sein und dem Nichts. Da die „Außenpolitik“ Russlands „notwendigerweise die Lüge“ ist, unterstreicht die Analyse von Françoise Thom, dass Russland „völlig gegen den Strich der Welt“ geht.[01]
Es handelt sich nicht um eine einfache Divergenz von Interessen, sondern um eine fundamentale vektorielle Opposition. Die Welt (verstanden als die europäische Zivilisation und der moralische Fortschritt) bewegt sich hin zu Komplexität, Freiheit, dem Individuum. Russland kehrt zurück zur brutalen Einfachheit der Sklaverei, zur undifferenzierten Masse, zum Nichts.
Jedes mit ihr unterzeichnete Abkommen ist null und nichtig vom Moment der Unterzeichnung an. Sie ist eine „Macht des Todes“, die nur die Zerstörung als Interaktionsmodus mit anderen kennt.
5.2. Hoffnung durch umgekehrte Ansteckung?
Michelet endet mit einer zweideutigen, aber tiefgründigen Note der Hoffnung. Wenn Russland in seinem „höllischen Verderben“ verloren ist, was kann es retten? „Das ist nicht alles. Sie lebt allein im Norden… Was sie an die Menschheit und an Gott bindet… ist die Bewegung des Herzens, die Polen in ihr geweckt hat.“[01]
Das ist eine erschütternde Idee: Die Rettung Russlands hängt von der Nation ab, die es martert. Der heroische Widerstand Polens (und heute der Ukraine) ist das Einzige, was einen moralischen Schock auslösen kann, der ausreicht, um Russland aus seinem ethischen Koma zu wecken. Indem der Russe das Gesicht der Freiheit bei seinem Nachbarn sieht, könnte er sich vielleicht seiner eigenen Ketten bewusst werden. Die Ukraine ist nicht nur der Schild Europas; sie ist die Chance auf Erlösung für Russland. Wenn die Ukraine fällt, versinkt Russland endgültig in der Finsternis. Wenn die Ukraine standhält, bleibt ein Licht „im Norden“ entzündet, das eines Tages die russische Nacht durchdringen kann.
5.3. Die Verantwortung Europas
Der von Françoise Thom vorgetragene Text von Michelet ist auch eine Warnung an Europa.
Die Natur Russlands nicht zu sehen, heißt, sich dazu zu verdammen, seine „Cholera“ zu erleiden. Den russischen Lügen zu glauben, heißt, sich das Virus einzuimpfen. Europa war oft aus Naivität oder Zynismus mitschuldig und akzeptierte es, im Namen der Stabilität die Augen vor der „inneren Zerstörung“ Russlands zu verschließen. Aber diese Stabilität ist die der Leichenhalle.
Die „erstaunliche Intuition“ des Historikers fordert uns auf, eine Seite zu wählen. Angesichts der Cholera gibt es keine mögliche Neutralität. Entweder man bekämpft sie, oder man stirbt daran. Das russische Narrativ zu akzeptieren, heißt zu akzeptieren, dass die Lüge legitim ist, dass Macht vor Recht geht, dass der Tod die Zukunft des Menschen ist.
Tabelle 5.1: Die vitalistische Bilanz (Leben vs. Tod)
| Indikator | Russland (Der Henker) | Polen/Ukraine (Das Opfer) |
| Vitaler Zustand | „Russland lebt nicht“. [01] | „Es lebt, und es lebt immer mehr“. [01] |
| Ort des Lebens | Nirgendwo (Leere, Nichts). | „In Kopf und Herz“ (Spirituelle Konzentration). [01] |
| Dynamik | Auflösung, Rückfall in die Barbarei. | Widerstand, Einheit, moralische Erhebung. |
| Verhältnis zur Welt | „Gegen den Strich der Welt“, „Gegen Europa“. [01] | „Allein im Norden“, Verbindung mit Menschheit und Gott. [01] |
Schlussfolgerung: Die endgültige Diagnose
Am Ende dieser Erkundung führt diese „Ansteckung der Finsternis“ zu einer unwiderruflichen Schlussfolgerung.
Die Analyse von Françoise Thom, die sich auf die gespenstische Vision von Jules Michelet stützt, stellt fest, dass die russische Bedrohung existenziell ist. Sie fällt nicht in den Bereich der traditionellen Politik, sondern der Pathologie.
Wir stehen einer politischen Entität gegenüber, die ihre eigene Nation „beseitigt“ hat, um eine Maschine des Krieges und der Lüge zu werden.[01] Eine Entität, die „die Cholera“ ist,[01] das heißt eine Kraft der reinen Auflösung. Eine Entität, die vom „Falschen des Falschen“ regiert wird,[01] undurchlässig für Vernunft und Wahrheit.
Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach; sie stottert. Die „drei Lügen“, die Polen töteten, sind jene, die versuchen, die Ukraine zu töten. Das „moralische Nichts“ von Nikolaus I. ist das von Putin. Aber das „Leben“, das das spirituelle Polen rettete, ist dasselbe, das heute die Ukraine beseelt.
Die Botschaft dieses „zweiten Pastiches“ ist klar: Man diskutiert nicht mit der Finsternis, man schaltet das Licht an. Hellsichtigkeit ist die erste Waffe. Zu erkennen, dass Russland „die Lüge selbst“ ist,[01] ist der Anfang des Widerstands. Solange Europa diese „tiefe, bewundernswerte Definition“ von Michelet nicht verinnerlicht hat, wird es anfällig für das Gift bleiben.
Man muss dem Monster ins Gesicht sehen, ohne Illusionen, und jene unterstützen, die durch ihr Opfer verhindern, dass die Cholera die Welt überflutet. Die Ukraine lebt. Und solange sie lebt, kann die Lüge nicht vollständig triumphieren. Die Ansteckung kann eingedämmt werden, wenn wir den Mut haben, sie beim Namen zu nennen.
François de Vries
[01] « Les intuitions de Jules Michelet, une sélection de Françoise Thom » in DeskRussie — (2022-0401)
Aus der Reihe: Stimmen der Dämmerung:
- François de Vries: La contagion des ténèbres : Exégèse d’une pathologie impériale (2) » — (2025-1130).
- François de Vries : « The Contagion of Darkness: Exegesis of an Imperial Pathology (2) » — (2025-1130).
- François de Vries « Die Ansteckung der Finsternis: Exegese einer imperialen Pathologie (2) » — (2025-1130).
- Jules Michelet : « La danse des morts : Chronique de la grande nuit (1) Ou le sabbat des tyrans contre la résurrection des peuples » — (2025-1130).
- François-René de Chateaubriand : « Vu de l’autre rive : le naufrage de l’Occident » — (2025-1128).
- François-René de Chateaubriand: « From the Other Shore: Contemplation on the Shipwreck of the West » — (2025-1128).
- François-René de Chateaubriand « Vom anderen Ufer: Betrachtung über den Untergang des Abendlandes » — (2025-1128).
Hintergrundanalyse:
Die Ontologie der imperialen Lüge : Dieser zweite Teil bietet eine Exegese der russischen Bedrohung, indem er sie als imperiale und existenzielle Pathologie charakterisiert. Die Analyse stützt sich auf die Neulektüre der Intuitionen von Jules Michelet (1854) durch Françoise Thom und bekräftigt, dass Putins Russland ein Wiederaufleben des Regimes von Nikolaus I. ist. Die russische Macht wird somit als die „höchste Lüge“ definiert, eine Kraft, deren Wesen die Fälschung ist und die auf Europa wie „die Cholera“ wirkt, ein pathogener und auflösender Erreger. Die Quelle seziert die Mechanismen der Aggression und zeigt, dass die „drei Lügen“, die gegen Polen eingesetzt wurden, gegen die Ukraine wiederholt werden, um ein moralisches Nichts zu schaffen und den nationalen Geist zu brechen. Das Dokument kommt zu dem Schluss, dass dieser Kampf nicht politisch, sondern metaphysisch ist, wobei der ukrainische Widerstand das einzige Licht ist, das fähig ist, die Ansteckung der russischen Finsternis einzudämmen.