Die Causa Epstein: Die Hand des Kremls im „Honigtopf“

Zwei Jahrzehnte lang war der Fall Epstein auf das Register des Sexskandals beschränkt. Zu Beginn des Jahres 2026 enthüllen die massive Freigabe von 3 Millionen Seiten des US-Justizministeriums und europäische Ermittlungen eine weitaus düstere Realität: Die Operation „Epstein“ war nur die Spitze des Eisbergs eines Mechanismus zur „Staatsvereinnahmung“ (State Capture) und finanziellen Destabilisierung, der von Moskau aus gesteuert wurde.

Von Joël-François Dumont — Paris, 4. Februar 2026.

Vom Gesellschaftsskandal zur systemischen Schockwelle

Was zunächst als isolierte moralische Verfehlung erschien, entpuppt sich nun als Dreh- und Angelpunkt einer russischen Spionageoperation beispiellosen Ausmaßes. Doch der nachrichtendienstliche Aspekt war womöglich nur die erste Ebene eines viel umfassenderen, vorwiegend finanziellen Mechanismus.

Beautés russes à Saint-Petersbourg — Illustration © European-Security
Vor mir lief Nathalie, sie hatte einen hübschen Namen, mein Guide, Nathalie… ♫♫♫ Aber ich weiß, dass eines Tages in Paris ich ihr Guide sein werde, Nathalie, Nathalie… ♫♫♫ — Illustration © European-Security

Was auf dem Spiel steht, ist zu einem Versuch der „Staatsvereinnahmung“ mutiert. Die Finanzströme, die über JPMorgan und die Deutsche Bank liefen, bedrohen nicht mehr nur den Ruf einzelner, sondern die Integrität des globalen Finanzsystems selbst. Wenn die Börsen abstürzen, dann deshalb, weil die Tresore des Westens mit den Schlüsseln des FSB geöffnet wurden.

Es geht nicht mehr nur um Reputations- oder Justizfragen. Das Problem wird systemisch.

Europa bricht das Schweigen: Von London bis Oslo

1. Vereinigtes Königreich: Der Rücktritt von Lord Mandelson

Scotland Yard hat ein Ermittlungsverfahren gegen Lord Peter Mandelson, den ehemaligen Labour-Wirtschaftsminister und britischen Botschafter in den USA im Jahr 2025, wegen der Weitergabe vertraulicher Informationen eingeleitet, was zu seinem sofortigen Rücktritt aus dem House of Lords führte.[01]

Dieser Bruch bestätigt, dass der politische Damm gebrochen ist und die freigegebenen Dokumente genügend Beweise enthalten, um bedeutende Figuren des britischen Establishments zu stürzen.

2. Norwegen: Enthüllungen um Thorbjørn Jagland

Vor drei Tagen wurde Norwegen von Enthüllungen über Thorbjørn Jagland erschüttert, den ehemaligen Ministerpräsidenten (1996-1997), Vorsitzenden des Friedensnobelpreiskomitees (2009-2015) und Generalsekretär des Europarates (2009-2019). Diese Anhäufung strategischer Funktionen innerhalb europäischer und internationaler Institutionen macht die Implikationen für die Integrität westlicher Entscheidungsprozesse besonders gravierend.

3. Polen: Donald Tusk internationalisiert den Fall

Polen ist das erste Land, das eine offizielle staatliche Untersuchung über die Verbindung zwischen Epstein und den russischen Diensten einleitet.[02] Premierminister Donald Tusk versucht, das Dossier bei der NATO und der Europäischen Union zu internationalisieren, und bezeichnet es als Bedrohung für die nationale Sicherheit.[03] Dieser Schritt markiert eine Wende: Die Causa Epstein wird nicht mehr als nationaler Justizskandal behandelt, sondern als feindliche Operation, die eine koordinierte Antwort der westlichen Demokratien erfordert.

4. Deutschland: Razzien bei der Deutschen Bank

Die im Januar 2026 in Frankfurt und Berlin durchgeführten Razzien verbinden die Geldwäscheakten des Oligarchen Roman Abramowitsch mit denen von Epstein, wobei dieselbe Mirror-Trading-Infrastruktur genutzt wurde.[04] Die deutschen Behörden haben Dokumente beschlagnahmt, welche die operative Kontinuität zwischen den russisch-sowjetischen Geldwäschekreisläufen und dem Netzwerk Epstein belegen.

I. Die DNA des Netzwerks: Von Maxwell bis Belyakov

Die Akte, gespeist durch die 3 Millionen freigegebenen Seiten des US-Justizministeriums, ermöglicht es, die dynastische Linie der Operation zurückzuverfolgen.

Infografik © European-Security

1. Die dynastische Kontinuität (KGB > FSB)

Robert Maxwell mit Leonid Breschnew Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell in Balmoral

Das Netzwerk ist ein direktes Erbe des Kalten Krieges. Robert Maxwell, der Vater von Ghislaine Maxwell, war ein strategischer Vorteil („Asset“) des sowjetischen Politbüros.[05] Er half, Gelder der Kommunistischen Partei über Liechtenstein zu waschen. Nach seinem Tod 1991 übertrug Ghislaine Maxwell dieses Netzwerk und die fehlenden Gelder auf die Operation Epstein.[06] Sie erbte nicht nur Kontakte: Sie modernisierte die Architektur, indem sie sie an die Kreisläufe der globalen Finanzwelt anschloss.

2. Der Führungsoffizier: Sergei Belyakov

Sergey Beliakov, Präsident der Association of Private Pension Funds (ANPF) — Foto Wikidata

Das Auftauchen von Sergei Belyakov, Absolvent der FSB-Akademie, markiert einen qualitativen Bruch.[07] Ab 2014 – genau zum Zeitpunkt der Annexion der Krim – wird er zur Schnittstelle zwischen Epstein, russischen Finanzkreisen und den Moskauer Wirtschaftsbehörden. Als Logistiker zwischen Epstein, der russischen Zentralbank und dem Finanzministerium sichert er Epsteins Navigation in den höchsten Moskauer Sphären, genau zu dem Zeitpunkt, als Russland beginnt, massiv Kapital auszulagern, um Sanktionen und geopolitischen Brüchen zuvorzukommen.

Die operative Verbindung zum modernen russischen Nachrichtendienst (FSB) ist damit belegt.

Wladimir Putin im Kreis der wichtigsten FSB-Verantwortlichen in Sankt Petersburg — Quelle OCCRP

II. Die systemische russische Verbindung

Die Dokumente enthüllen eine Infrastruktur, die den Verbindungen zu Russland gewidmet ist: 1.056 Referenzen zu Wladimir Putin und 9.629 Erwähnungen von Moskau.[08] Das US-Finanzministerium dokumentiert 4.725 Überweisungen von insgesamt fast 1,1 Milliarden Dollar von einem einzigen mit dem Netzwerk verbundenen Konto.[09] Epstein unterhielt Konten bei der Alfa-Bank und der Sberbank, russischen Großbanken, die heute unter Sanktionen stehen.

1. Die Theorie des „Hybriden Kompromat“

Die Erpressung ist nicht nur sexueller Natur: Sie ist finanziell. Durch die Annahme von Finanzierungen oder Beraterverträgen über Epsteins Offshore-Strukturen machten sich westliche Eliten der Geldwäsche russischer Gelder mitschuldig.[10] Die Drohung besteht nicht nur in der Veröffentlichung kompromittierender Fotos, sondern in der Enthüllung illegaler Überweisungen, was den bürgerlichen und juristischen Tod bedeutet.

III. Die systemrelevanten Banken: Vom Werkzeug zur Schwachstelle

1. JPMorgan Chase: Der Tresor

JPMorgan fungierte als Tresor und hielt trotz Compliance-Warnungen die Verbindungen zu russischen Banken aufrecht.[11] Die diskutierte Hypothese ist die einer Bank des „tiefen Staates“ (CIA), die dies geschehen ließ, um die Ströme zu überwachen, bevor sie vom Ausmaß des Skandals in die Falle gelockt wurde. Die Bank steht unter Beschuss, weil sie den Transit von 1,1 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit dem Netzwerk nicht gemeldet hat.

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2. Deutsche Bank: Die Waschmaschine

Die in Deutschland durchgeführten Razzien offenbaren eine komplexe Mechanik, bei der „Too Big to Fail“-Institutionen als Vektoren dienen:[12]

  • Intensive Nutzung von Korrespondenzbankgeschäften (Correspondent Banking)
  • Multijurisdiktionale Briefkastenfirmen
  • Ungesicherte Kredite, die legitime Handelsgeschäfte imitieren
  • Fragmentierung der Ströme über Spiegelkonten

Diese Institute waren nicht zwangsläufig im strafrechtlichen Sinne Komplizen. Aber sie dienten als passive Vektoren und enthüllten eine unbequemere Wahrheit: Die globale Finanzwelt kann instrumentalisiert werden, ohne dass ein offensichtlicher Compliance-Verstoß vorliegt.

IV. Dubai: Die perfekte Grauzone

Die Lunte ist kurz, der Zünder liegt in Moskau, aber die Drähte laufen über Dubai — Infografik © European Security

Im Jahr 2026 ist Dubai zum Hauptauffangbecken für die Migration von unter Druck stehendem russischem Kapital geworden. Das System Maxwell-Abramowitsch-Epstein hat sich dort neu erfunden.

1. Immobilien als „Tresor“

Umwandlung von Milliarden Dollar in physische Vermögenswerte (Palm Jumeirah) über lokale Briefkastenfirmen, außerhalb der Reichweite des SWIFT-Systems.

2. Das Abramowitsch-Engineering

Nutzung von Freihandelszonen (Free Zones), um die wirtschaftlich Berechtigten (UBO) zu verschleiern, und Übertragung von Trusts an Dritte vor Anwendung der Sanktionen. Die Free Zones bieten eine äußerst effektive Kombination:

  • Intransparenz der wirtschaftlich Berechtigten
  • Fehlende Interoperabilität mit europäischen Regulierungsbehörden
  • Extraterritoriales Recht, das jeden schnellen gerichtlichen Zugriff verhindert
  • Roman Abramowitsch (Wikimedia)

3. Shadow Crypto

Liquidierung russischer Vermögenswerte in Dirham über lokale Plattformen zur sofortigen Reinvestition, wodurch OFAC-Warnungen unwirksam werden. Luxusimmobilien, lokale Private Equities und Krypto-Kreisläufe in Dirham ermöglichen einen endgültigen Austritt aus dem Radar westlicher Zentralbanken. Das ist keine Steuerflucht mehr: Es ist eine organisierte finanzielle „Entsouveränisierung“.

V. Die Geopolitik der Korruption: Frankreich, Israel und das Vereinigte Königreich

Der russische Einfluss infiltriert die Eliten, um Demokratien zu destabilisieren.

1. Frankreich: Ein zentraler logistischer Knotenpunkt

  • Reso-Garantia: Die Einfluss-Plattform. Diese Versicherungsgesellschaft, die den Brüdern Sarkisov gehört (Ehemalige der sowjetischen Versicherung Ingosstrakh), illustriert die Durchdringung der Eliten.[13] Nicolas Sarkozy unterzeichnete 2019 einen Beratervertrag über 3 Millionen Euro mit ihnen, der Gegenstand einer Untersuchung wegen Einflussnahme ist. Bernard Arnault wird ebenfalls in Untersuchungen zu komplexen Immobilientransaktionen in Courchevel mit denselben Oligarchen genannt.
  • Das Sterben der Schlüsselzeugen. Die Hauptprotagonisten des französischen Zweigs sind verstorben, was klassische juristische Schritte blockiert:
    • Jean-Luc Brunel: Der Logistiker, der über seine Agenturen junge Frauen aus dem Osten lieferte. Im Februar 2022 in seiner Zelle in Paris erhängt aufgefunden, ohne Überwachungskameras.[14]
    • Jeffrey Epstein: Eigentümer der 22 Avenue Foch. Gestorben 2019.
    • Jean-Michel Goudard: Politischer Kommunikator und Verbindungsmann, gestorben 2020.

2. Israel: Das strategische Schweigen Schweigen der Behörden angesichts der massiven Investitionen von Abramowitsch (Hotel Versano). Das Land wird zu einer strategischen Rückzugszone, auf die Gefahr hin, seine diplomatischen Gleichgewichte zu opfern.

3. Vereinigtes Königreich und Polen: Bestätigung der Thesen Die Spionageermittlungen bestätigen die Thesen der Historikerin Françoise Thom über die Zerstörung von Wertehierarchien. Die Durchlässigkeit zwischen okkulter Finanzwelt und politischer Entscheidungsfindung ist nun bewiesen.

VI. Geopolitische Lesart: Die Strategie der moralischen Kloake

Die Analysen von Françoise Thom werfen ein grelles Licht auf diese Sequenz.[15] Ihr zufolge versucht das zeitgenössische Russland nicht zu überzeugen, sondern das Wertesystem des Gegners zu korrumpieren. Das Netzwerk Epstein fügt sich perfekt in diese Logik ein:

Infografik © European Security

  • Kompromittierung der westlichen Eliten
  • Zusammenbruch jeglichen moralischen Anspruchs
  • Etablierung eines allgemeinen Zynismus

Noch beunruhigender: Moskau nimmt in Kauf, seine eigenen Verbindungsleute zu „verbrennen“, wenn dies eine breitere Schockwelle auslöst. Die Enthüllungen sind also kein Scheitern des russischen Systems, sondern möglicherweise eine bewusst in Kauf genommene Endphase der Operation. Das russische Ziel war nicht die Bereicherung, sondern die Schaffung einer Kloake, um die gesamten westlichen Führungskräfte moralisch zu diskreditieren.

VII. Nach der Spionage: Das globale finanzielle Risiko

Die Aufdeckung der Spionagekreisläufe eröffnet mechanisch eine zweite Front: die der finanziellen und aufsichtsrechtlichen Verantwortung.

1. Das Szenario des systemischen Schocks Wenn die Justizbehörden nachweisen, dass die Spiegelkonten dazu dienten:

  • Sanktionierte Ströme zu verschleiern
  • Russische Staatsrisiken zu maskieren
  • Risikokennzahlen zu verfälschen

Dann könnten bestimmte systemrelevante Banken gezwungen sein:

  • Ihre Vermögenswerte neu zu klassifizieren
  • Ihre Rückstellungen brutal zu erhöhen
  • Sich in aller Eile zu rekapitalisieren

Eine solche Bewegung, selbst wenn sie gezielt wäre, hätte einen Dominoeffekt auf die Interbankenliquidität, weit über Europa hinaus.

2. Die reale Gefahr

Die Gefahr ist nicht der sofortige Zusammenbruch, sondern der Vertrauensverlust: die Erkenntnis, dass das westliche Finanzsystem eine langfristige feindliche Operation absorbiert hat, ohne sie zu erkennen.

Schlussfolgerung: Die Masken fallen

Die Affäre Epstein ist weder ein Unfall noch eine moralische Anomalie. Sie ist das Symptom einer strukturellen Entkopplung zwischen:

  • Der Realpolitik der Staaten
  • Der algorithmischen Logik der Märkte
  • Der vorsätzlichen Blindheit gegenüber der Herkunft des Kapitals

Die westlichen Tresore wurden nicht aufgebrochen. Sie wurden im Namen der Rendite, der Liquidität und der Wettbewerbsfähigkeit geöffnet.

Nach dem Gesellschaftsskandal, nach der Spionageoperation, bleibt der finanzielle Schock eine offene Möglichkeit. Und diesmal könnten die Folgen global sein.

Die Lunte ist kurz, der Zünder liegt in Moskau, aber die Drähte laufen nun über Dubai.

Joël-François Dumont

Siehe auch:

Quellen

[01] The Guardian, « Mandelson resigns from House of Lords amid new police probe », 3. Februar 2026.

[02] Pressekonferenz von Premierminister Donald Tusk, Kanzlei des Premierministers (Warschau), 3. Februar 2026.

[03] Pressekonferenz von Premierminister Donald Tusk, a. a. O.

[04] Der Spiegel, « Razzia in der Deutsche Bank Zentrale: Geldwäscheverdacht im Zusammenhang mit Roman Abramowitsch », 30. Januar 2026.

[05] Sunday Express, „Maxwell’s KGB Files Declassified“, Britische Archive zitiert in der Presse, (März 1992).

[06] Françoise Thom, « Cesspool and Chaos: the Russian Connection in the Epstein Affair », Desk Russie, 30. Januar 2026.

[07] Dossier Center, « Investigation into Sergei Belyakov and the Economic Forum Connections », London, August 2025.

[08] Département de la Justice des États-Unis (DOJ), « Jeffrey Epstein Documents Release – Batch Jan 2026 », 30. Januar 2026.

[09] US-Senat, Finanzausschuss, « Wyden Release: JPMorgan Suspicious Activity Reports (SARs) regarding Epstein and Russian Banks », Oktober 2025.

[10] Daily Mail, « Epstein Carried Out Russia’s Largest Honeytrap Operation, Intel Sources Say », 1. Februar 2026.

[11] US-Senat, Finanzausschuss, a. a. O.

[12] Der Spiegel, op. cit.

[13] Nationale Finanzstaatsanwaltschaft (PNF), Voruntersuchung eröffnet wegen Einflussnahme und Geldwäsche (Akte Reso-Garantia)“, Paris, 2021.

[14] US-Justizministerium (DOJ), a. a. O.

[15] Françoise Thom, a. a. O.