Kurt Spechts wochentlicher Hieb — Nr. 1 „Ecce Homo“ von Kurt Specht
Kurt Specht ist weder Journalist noch Experte noch eines jener Wesen, die in Talkshows auftreten. Er beobachtet, er denkt nach, er hackt. Einmal pro Woche bringt er es zu Papier.[1]
Man muss Donald Trump eines lassen: Er ist konsequent. Letzte Woche bezeichnete er Papst Leo XIV als Unruhestifter — einen Aufwiegler im weißen Talar, der sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern solle. Diese Woche postete er ein Bild von sich als Jesus Christus, komplett mit Dornenkrone und göttlichem Licht. Der Kreis schließt sich. Erst verjagt man den Stellvertreter Gottes auf Erden, dann nimmt man seinen Platz ein. In bestimmten Fachkreisen nennt man das eine Blitzkarriere.

Es gibt dabei ein Detail, das der Aufmerksamkeit verdient. Leo XIV ist Amerikaner. Trump legt sich also mit dem einzigen Amerikaner an, den zwei Milliarden Katholiken als Gottes Vertreter auf Erden anerkennen. Ein Landsmann. Man sucht vergeblich nach der wahlstrategischen Logik — aber weiter.
Als Strategie ist es gar nicht so dumm. Wenn man alle menschlichen Superlative ausgeschöpft hat — bester Präsident, größter Verhandlungsführer, einziges Genie in der Geschichte der modernen Welt und ihrer Umgebung — muss man eben eine Etage höher. Der liebe Gott ist die letzte verfügbare Etage. Danach kommt nur noch die Leere, und selbst die reicht vielleicht nicht.
Ich will hier nicht den Pfarrer spielen, aber dennoch. Der Mann war dreimal geschieden, hat Tausende von Kleinlieferanten ruiniert, gelogen mit der Regelmäßigkeit eines Schweizer Uhrwerks — und posiert jetzt als Erlöser. Da ist eine gewisse Konsequenz, die man anerkennen muss. Der Jesus der Evangelien verkehrte mit Prostituierten — aus christlicher Nächstenliebe. Trump verkehrt mit ihnen auf andere Weise — und sein Anwalt übernimmt die Rechnung. Dasselbe Geschäftsfeld, könnte man sagen, aber mit einer deutlich anderen Buchführung.
Was Kurt Specht interessiert, ist nicht so sehr Trump als vielmehr jene, die applaudieren. Und sie applaudieren — stürmisch. Millionen anständiger Menschen, die in diesem Bild nicht den megalomanischen Wahn eines Mannes sehen, der offensichtlich eine lange Auszeit braucht, sondern ein Zeichen. Eine Bestätigung. Ihr Champion steht über allem — über dem Gesetz, über dem Papst, über dem Kongress, über der Wirklichkeit. Logischerweise steht er auch über dem Sohn Gottes. Das ist keine Politik mehr. Das ist Religion. Und Religion verhandelt nicht.
Das evangelikale Amerika hatte schon immer diese besondere Gabe, Heilige nach Maß zu produzieren. Es seligsprach Ronald Reagan zu seinen Lebzeiten, kanonisierte George W. Bush nach dem 11. September, und nun kreuzigt es Trump, um ihn auferstehen zu lassen. Der liturgische Zyklus läuft wie ein Uhrwerk. Das Leiden des Märtyrers — die Prozesse, die Verurteilungen, die „Verfolgungen“ —, die Wahlauferstehung, die ewige Herrlichkeit von Mar-a-Lago. Pontius Pilatus ist in dieser Version der New Yorker Richter, der ihn wegen Betrugs verurteilte. Die Römer sind der Deep State. Und das leere Grab ist das Weiße Haus.
Was uns mehr beunruhigen sollte als die Posse, ist die Mechanik. Auch Napoleon nahm die Krone aus den Händen des Papstes und setzte sie sich selbst auf den Kopf. Eine großartige Geste, voller Verve. Der Unterschied: Napoleon hatte echte Schlachten gewonnen. Trumps Siege bestehen aus Tweets und Zöllen. Aber egal. Die Form überlebt immer den Inhalt. Die sakrale Geste setzt sich durch, bevor irgendjemand geprüft hat, ob das Sakrale seinen Namen verdient.
Unterdessen spricht der Papst — der echte, der in Weiß, der Amerikaner am Tiber — weiter von Migranten, von den Armen, vom Frieden. Dafür kassiert er Breitseiten aus Palm Beach. Merkwürdige Rollenverteilung. Der Milliardär in der gepanzerten Limousine predigt nationale Größe, während sein Landsmann in der Soutane zu den Demütigen spricht. Irgendwo hat jemand die Kostüme verwechselt.
Kurt Specht ist kein religiöser Mensch. Nicht besonders. Aber er hat irgendwann gelernt, dass die Sünde des Hochmuts — superbia, wie die Alten sagten — die erste der Todsünden war. Die, die vor allen anderen kommt. Die, die den Fall ankündigt.
Also wartet Kurt Specht. Er zieht sich einen Stuhl heran, bestellt ein Getränk, und wartet.
Bei einem Mann wie diesem wird der Fall einen gewaltigen Lärm machen.
[1] Kurt Spechts Wöchentlicher Hieb erscheint jeden Montag auf European-Security.[©]