Frankreich-Deutschland: Der Marsch in den Abgrund 1871-1914 (2)

Zwischen dem Frankfurter Frieden und dem Sommer 1914 führten Frankreich und Deutschland keinen Krieg gegeneinander. Doch diese dreiundvierzig Jahre bewaffneten Friedens waren genau jene Jahre, in denen sich methodisch der Mechanismus herausbildete, der ganz Europa in die Katastrophe stürzen sollte. Im zweiten Teil dieser Serie zeichnen wir nach, wie ein Rachewunsch, ein Machtkult und ein außer Kontrolle geratenes Bündnissystem ein lokales Attentat in einen Weltkrieg verwandelten.

Revanchismus, Pangermanismus und das Bündnissystem

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Frieden, der keiner war: Zwischen 1871 und 1914 dachte Frankreich kaum an etwas anderes als die Rache für Elsass-Lothringen, ohne dies laut auszusprechen — Gambetta brachte diese Ambivalenz bereits 1871 auf den Punkt.
  • Deutschland ändert seine Doktrin: Die Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. 1890 ersetzte Vorsicht durch Weltpolitik — einen offen bekundeten weltpolitischen und maritimen Machtanspruch.
  • Zwei Blöcke, eine Falle: Dreibund gegen Triple-Entente — ein System, das zur Abschreckung gedacht war und am Ende eine lokale Krise in einen kontinentalen Krieg verwandelte.
  • Zwei Generalproben: Die Marokkokrisen von 1905 und 1911 brachten Europa bereits an den Rand des Abgrunds, ohne dass daraus irgendeine Lehre gezogen wurde.
  • Der erwartete Funke: Im Sommer 1914 hatten die Generalstäbe derart starre Pläne ausgearbeitet, dass der politischen Entscheidung kaum noch Handlungsspielraum blieb.
1914 - Le coq gaulois contre le coq allemand par Charles Renaud
Der Kampf des gallischen Hahns gegen den deutschen Adler von Ch. Renaud (Plakat von 1914)

von Joël-François Dumont — Paris, den 16.August 2026

Einleitung

Der Frankfurter Frieden hatte den Kampfhandlungen ein Ende gesetzt, nicht aber der Feindseligkeit. In Frankreich wie in Deutschland bildeten sich in den Jahrzehnten nach 1871 beiderseits des Rheins zwei Logiken heraus, die unaufhaltsam auf eine Konfrontation zuzusteuern schienen: auf der einen Seite ein Frankreich, das sich mit dem Verlust von Elsass-Lothringen nie abfand; auf der anderen ein geeintes Deutschland, das nach seinem Sieg nun entschlossen war, entsprechend seiner industriellen und militärischen Macht Gewicht in den Weltangelegenheiten zu erlangen. Zwischen beiden sollte ein zunehmend starres Bündnissystem jeden lokalen Funken in einen kontinentalen Flächenbrand verwandeln.

Statue de Strasbourg, place de la Concorde, campagne de souscription à l'Emprunt de la Libération et trophées de guerre allemands, canons, 17 octobre 1918] (Agence Rol) — Source : Gallica BNF
Statue von Straßburg, Place de la Concorde, Spendenaktion für die „Emprunt de la Libération“ und deutsche Kriegstrophäen, Kanonen, 17. Oktober 1918] (Agence Rol) — Quelle: Gallica BNF

1. Der Revanchekult in Frankreich

Entgegen einer verbreiteten Vorstellung lebte das Frankreich der Dritten Republik nicht in einer permanenten, einhelligen Rachebesessenheit — die Geschichtsschreibung hat diese Erzählung längst relativiert. Doch das Gefühl des Verlusts selbst erlosch nie. Die berühmt gewordene Losung — „Immer daran denken, nie davon sprechen“ — bringt die französische Ambivalenz recht gut auf den Punkt: eine Revanche, die selten als unmittelbares Kriegsziel offen ausgesprochen wurde, aber eine Wunde, die sich nie schloss und in Schulbüchern, den Kriegerdenkmälern von 1870 sowie einer populären Bildsprache lebendig gehalten wurde, in der die um ihre beiden Provinzen verstümmelte Landkarte Frankreichs zu einem allgegenwärtigen Motiv wurde.

La France signant le traité de Paix de 1871 — œuvre allégorique (Paris Musées). Bien avant que Déroulède n’en fasse une cause militante, c’est ce moment de 1871 qui grave dans la mémoire nationale la blessure que toute la Troisième République va porter pendant quarante-trois ans — Dessin à la gouache signé L. Belloguet, 1871
Frankreich unterzeichnet den Friedensvertrag von 1871 — allegorisches Werk (Paris Musées). Lange bevor Déroulède daraus eine militante Sache machte, war es dieser Moment im Jahr 1871, der die Wunde ins nationale Gedächtnis einbrannte, die die gesamte Dritte Republik dreiundvierzig Jahre lang tragen sollte — Gouachezeichnung, signiert L. Belloguet, 1871

Die Formel wird traditionell einer Rede Gambettas in Saint-Quentin im November 1871 zugeschrieben; manche Historiker, darunter sein Biograf Pierre Barral, weisen jedoch darauf hin, dass die an jenem Tag tatsächlich gesprochenen Worte anders lauteten („sprechen wir nie vom Ausland, aber man verstehe, dass wir stets daran denken“) und dass die später populär gewordene Kurzformel eher von einem engen Weggefährten Gambettas, Arthur Ranc, stammen könnte als von Gambetta selbst.

Zwei Gesichter desselben Frankreich, zwei Arten, dieselbe Weigerung des Vergessens zu tragen. Rechts verkörpert Paul Déroulède den volkstümlichen Revanchismus — die Ligen, die Denkmäler, die Schulbücher —, lebendig gehalten auf der Straße und in den Herzen mehr als in den Kanzleien. Links machte Théophile Delcassé, sieben Jahre lang Außenminister, daraus eine Staatspolitik: Er war es, der 1904 dem Vereinigten Königreich die Entente cordiale abrang und damit die diplomatische Isolation durchbrach, in der Bismarck Frankreich seit 1871 gehalten hatte. Der eine entfachte die öffentliche Meinung; der andere baute geduldig die Bündnisse auf, die eines Tages zum Handeln befähigen sollten.

Die 1882 von Paul Déroulède gegründete Ligue des Patriotes war der organisierteste und lautstärkste Ausdruck dieser Stimmung. Déroulède, ein nationalistischer Dichter und Politiker, machte daraus eine Massenorganisation, die der Pflege des Andenkens an 1870/71 und der moralischen Vorbereitung einer militärischen Revanche gewidmet war. Auch wenn die Bewegung Höhen und Tiefen durchlief — Déroulède selbst geriet zeitweise ins boulangistische Abenteuer und danach in einen ausgeprägten Antiparlamentarismus —, trug sie doch dauerhaft dazu bei, in der französischen Öffentlichkeit die Vorstellung zu verankern, der Frankfurter Frieden sei nur ein Waffenstillstand.

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1871 wurden das Elsass und ein Teil Lothringens zum „Reichsland Elsaß-Lothringen“, direkt von Berlin aus verwaltet — eine Wunde, die Frankreich nie als bloße territoriale Regelung, sondern als regelrechte nationale Verstümmelung empfand. Aus dieser Verletzung entstand fast unmittelbar die absolute politische Obsession der Dritten Republik: die Rückgewinnung der „verlorenen Provinzen“. Es war dieses über dreiundvierzig Jahre hinweg gepflegte Leitmotiv, das den Boden für das Erdbeben von 1914 stumm bereitete — Infografik KI © European-Security

Dieses Klima fand seinen Niederschlag auch in der französischen Politik selbst: im methodischen Wiederaufbau der Armee, im Wehrpflichtgesetz von 1889 und vor allem in der beharrlichen Suche nach Bündnissen, die geeignet waren, die diplomatische Isolation zu lockern, in der Bismarck Frankreich nach 1871 gehalten hatte.

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Der Pangermanismus marschiert — Illustration, KI © European-Security
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2. Pangermanismus und deutsche Weltpolitik

Auf der anderen Rheinseite hatte die Reichseinigung von 1871 den Machthunger nicht gestillt — im Gegenteil, sie hatte ihn freigesetzt.

Portrait du Kaiser Guillauyme II par Arthur Stockdale Cope

Unter Bismarck hatte sich Deutschland auf der internationalen Bühne dennoch zurück-haltend gezeigt, indem es lieber seine Errun-genschaften konsolidierte, als sie auszuwei-ten, und ein geschicktes Bündnisnetz knüpfte, das Frankreich diplomatisch isolieren sollte. Die Entlassung Bismarcks durch den jungen Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890 markierte einen klaren Bruch.

Wilhelm II. und seine Berater läuteten das ein, was sie Weltpolitik nannten — einen offen erklärten Anspruch, Deutschland angesichts seiner nun mit Großbritannien vergleichbaren Industriemacht zu einem Kolonial- und Seemachtreich ersten Ranges zu machen. Dieser Anspruch stützte sich auf eine ältere ideologische Strömung, den Pangermanismus, der die Einheit aller Völker deutscher Sprache und Kultur sowie eine deutsche zivilisatorische Sendung in Europa und der Welt propagierte.

Wilhelm II., Deutscher Kaiser, ist 1895 31 Jahre alt — fünf Jahre nachdem er den alten Kanzler Otto von Bismarck entlassen und damit drei Jahrzehnte diplomatischer Umsicht beendet hatte. Aus diesem Bruch entstand die Weltpolitik — der Anspruch eines Deutschlands als Weltmacht — der Ausgangspunkt des Marsches in den Abgrund.

Porträt des Kaisers von Arthur Stockdale Cope 

Dieses Bestreben knüpfte an eine ältere ideologische Strömung an, den Pangermanismus, der die Einheit aller Völker deutscher Sprache und Kultur befürwortete und eine deutsche Zivilisationsaufgabe in Europa und der Welt proklamierte.

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Zwei Vorstellungen von Nation, entstanden aus demselben napoleonischen Schock, doch unvereinbar: auf der einen Seite das Erbe von 1789 — eine politische, staatsbürgerliche Nation, gegründet auf Bürgerschaft und freiwilliger Zustimmung zu einem Gesellschaftsvertrag; auf der anderen Seite die deutsche Antwort auf die Besatzung — eine kulturelle, ethnische Nation, gegründet auf Sprache, gemeinsamer Herkunft und einem geteilten geographischen „Raum“. Indem Frankreich seinen revolutionären Universalismus zu exportieren suchte, schmiedete es, ohne es zu wollen, die ideologische Waffe, die sich eines Tages gegen es selbst richten sollte: den Pangermanismus — Infografik KI © European-Security

Von der Theorie zur Praxis: Diese beiden Bilder erzählen, im Abstand weniger Jahre, dieselbe Geschichte der Weltpolitik. Links demonstriert die kaiserliche Flotte mit Gewalt, bis in die Karibik hinein, dass Deutschland nun entschlossen ist, auch außerhalb Europas Gewicht zu zeigen. Rechts der Mann, der diesen Anspruch überhaupt erst möglich machte: Alfred von Tirpitz, dessen aufeinanderfolgende Flottengesetze (Flottenpolitik) ab 1898 Wilhelm II. die materiellen Mittel für seine Weltpolitik in Gestalt einer Hochseeflotte verschafften. Ein Anspruch, der nie bloße Rhetorik blieb.

Le cuirassé SMS (Seiner Majestät Schiff, « Navire de Sa Majesté ») Kurfürst Friedrich Wilhelm, de la classe Brandenburg — premiers cuirassés de haute mer de la marine allemande, photo de 1900. Mobilisé en Chine la même année lors de la révolte des Boxers, il incarne les débuts de cette flotte océanique que Tirpitz allait, dès 1898, transformer en instrument de puissance mondiale — Photo Library of Congress
Das Schlachtschiff SMS (Seiner Majestät Schiff) Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Brandenburg-Klasse — die ersten hochseetauglichen Schlachtschiffe der deutschen Marine, fotografiert 1900. Im selben Jahr während des Boxeraufstands nach China entsandt, verkörpert es die Anfänge jener Hochseeflotte, die Tirpitz ab 1898 zu einem Instrument der Weltmacht ausbauen sollte — Foto Library of Congress
Le cuirassé SMS Rheinland, classe Nassau — la première réponse allemande au HMS Dreadnought britannique de 1906, qui rendait obsolète en un jour toute la flotte existante des deux camps et relançait la course aux armements sur des bases entièrement nouvelles — Photo Bundesarchiv
Das Schlachtschiff SMS Rheinland, Nassau-Klasse — Deutschlands erste Antwort auf die britische HMS Dreadnought von 1906, die von einem Tag auf den anderen die gesamte bestehende Flotte beider Seiten veralten ließ und das Wettrüsten auf völlig neuer Grundlage neu entfachte — Foto Bundesarchiv

Dieses Wettrüsten um Schlachtschiffe blieb keineswegs eine rein deutsch-britische Angelegenheit, sondern trug dazu bei, London und Paris einander näherzubringen: Die alte französisch-britische Kolonial-rivalität trat allmählich hinter der gemeinsamen Sorge über die aufsteigende deutsche Macht zurück.

Le SMS Kaiser Barbarossa appartient à la classe Kaiser Friedrich III — la génération suivante après les Brandenburg, celle qui a posé les bases des futurs cuirassés pré-dreadnought allemands, avec cette fois une propulsion à trois hélices et une configuration d’artillerie qui privilégiait le « déluge de feu » plutôt que le blindage lourd. Chaque navire de cette série porte le nom d’un empereur allemand, Guillaume II inscrivant ainsi sa flotte dans une continuité impériale remontant au Saint-Empire romain germanique — Photo Library of Congress
Die SMS Kaiser Barbarossa gehört zur Kaiser-Friedrich-III-Klasse — der auf die Brandenburg-Klasse folgenden Generation, die den Grundstein für die künftigen deutschen Vor-Dreadnought-Schlachtschiffe legte, diesmal mit Dreiwellenantrieb und einer Geschützkonfiguration, die eher auf ein „Feuergewitter“ als auf schwere Panzerung setzte. Jedes Schiff dieser Serie trägt den Namen eines deutschen Kaisers — Wilhelm II. stellte seine Flotte damit in eine imperiale Kontinuität, die bis zum Heiligen Römischen Reich zurückreicht — Foto Library of Congress

3. Europa im Griff: das Bündnissystem

In diesem Klima entstand Stück für Stück jenes Bündnissystem, das 1914 ein regionales Attentat in einen kontinentalen Krieg verwandeln sollte.

Bismarck selbst hatte diese Entwicklung bereits 1879 mit dem Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn eingeleitet, ergänzt 1882 durch den Beitritt Italiens zu dem, was zum Dreibund wurde. Bismarcks Ziel war defensiv: Frankreich zu isolieren und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Nach seinem Abgang jedoch wich diese vorsichtige Architektur einer starreren, weniger beherrschten Logik.

Carte de l’Europe à la veille du conflit de 1914 montrant la mécanique des alliances militaires mettant face à face Triplice et Triple-Entente, transformant ainsi l’Europe en poudrière — Source Wikipedia
Karte Europas am Vorabend des Konflikts von 1914, die den Mechanismus der militärischen Bündnisse zeigt, in dem Dreibund und Triple-Entente einander gegenüberstehen und Europa so in ein Pulverfass verwandeln — Quelle Wikipedia

Angesichts des Dreibunds durchbrach Frankreich 1892 seine diplomatische Isolation, indem es ein Militärbündnis mit dem zaristischen Russland schloss — eine ideologisch unwahrscheinliche Annäherung zwischen einer Republik und einem autokratischen Kaiserreich, doch geboten durch die gemeinsame strategische Notwendigkeit, die deutsche Macht einzudämmen. 1904 unterzeichneten Frankreich und das Vereinigte Königreich sodann die Entente cordiale und regelten damit ihre kolonialen Streitigkeiten; 1907 vervollständigte ein britisch-russisches Abkommen dieses Gebäude und ließ die Triple-Entente entstehen.

Europa fand sich so in zwei starre Militärblöcke gespalten wieder, jeder gebunden durch Verpflichtungen zu automatischem Beistand. Dieses System, das seine Architekten ursprünglich als Instrument der Abschreckung und des Gleichgewichts konzipiert hatten, sollte sich als genau sein Gegenteil erweisen: ein Mechanismus, in dem die Krise eines einzigen Akteurs durch einen Dominoeffekt, den niemand mehr aufhalten konnte, den gesamten Kontinent mitreißen würde.

4. Die Marokkokrisen: Generalproben für einen europäischen Krieg

Zweimal vor 1914 wäre dieser Bündnismechanismus beinahe schon viel früher zerbrochen, anlässlich von Krisen, die dem Anschein nach nichts mit Elsass-Lothringen zu tun hatten: der Marokkofrage.

Le 31 mars 1905, en vue de prévenir la mainmise de la France sur le Maroc, Guillaume II débarque théâtralement à Tanger, traverse la ville à cheval avant de rencontrer le sultan Abd al-Aziz. Il entend s’opposer aux droits concédés à la France sur le Maroc et se dit prêt à entrer en guerre si la France ne renonce pas à ses ambitions marocaines : « J’espère que, sous la souveraineté chérifienne, un Maroc libre restera ouvert à la concurrence pacifique de toutes les nations, sans monopole et sans annexion, sur un pied d’égalité absolue. Ma visite à Tanger a pour but de faire savoir que je suis décidé à faire tout ce qui est en mon pouvoir pour sauvegarder efficacement les intérêts de l’Allemagne au Maroc.» Source : Wikipedia
Am 31. März 1905 landete Wilhelm II., um eine französische Vorherrschaft über Marokko zu verhindern, theatralisch in Tanger und durchquerte die Stadt zu Pferd, bevor er sich mit Vertretern des Sultans Abd al-Aziz traf. Laut dem an Ort und Stelle verfassten diplomatischen Bericht des Legationsrats von Schoen wurde der größte Teil der kaiserlichen Ausführungen als belanglos eingestuft — mit einer Ausnahme: einer Passage, in der der Kaiser erklärte, er wolle direkt mit dem Sultan verhandeln, „als Herrscher eines freien und unabhängigen Reiches, das keiner fremden Kontrolle unterliege“, und hinzufügte, er erwarte für Deutschland Handelsvorteile gleich denen der anderen Mächte. Die ausführlichere, oft als vollständiges Zitat wiedergegebene Formulierung — „Ich hoffe, dass unter scherifischer Souveränität ein freies Marokko dem friedlichen Wettbewerb aller Nationen offenstehen wird…“ — verdankt sich eher einer späteren historiografischen Rekonstruktion als einer verbürgten Mitschrift der Rede. Quelle: Bericht von Schoen, in Kautsky, Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch;  Wikipedia
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Illustration, KI © European-Security

Im März 1905 reiste Kaiser Wilhelm II. nach Tanger und hielt eine Rede zur Unterstützung der marok-kanischen Unabhängigkeit — eine kalkulierte Geste, mit der die entstehende Entente cordiale zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich auf die Probe gestellt und, wenn möglich, gesprengt werden sollte, indem die französischen Absichten in Marokko in Frage gestellt wurden.

Conférence d’Algésiras — Col. Bringer Le Petit Parisien. Supplément littéraire illustré (18 février 1906)
Die Konferenz von Algeciras — Col. Bringer, Le Petit Parisien, Supplément littéraire illustré (18. Februar 1906)

Die Krise drohte in offenen Krieg umzuschlagen; sie wurde schließlich auf der Konferenz von Algeciras 1906 beigelegt, die Frankreich zwar bestimmte besondere Interessen in Marokko zuerkannte, vor allem aber, zur Überraschung Berlins, die Festigkeit der französisch-britischen Entente offenbarte — ein bitterer diplomatischer Misserfolg für Deutschland, das isolierter aus ihr hervorging als zuvor.

SMS Panther — Une provocation, dénoncée comme « le coup d’Agadir », six ans après le coup de Tanger. Agadir est fermée au commerce étranger : l’Allemagne prétexte des menaces sur la sécurité de ses ressortissants (4 sujets de l’Empire). La France voit ses intérêts au Maroc menacés et réagit vivement, soutenue par les Britanniques. On est au bord de la guerre. Des négociations évitent la crise : l’Allemagne reçoit des compensations territoriales en Afrique, si elle laisse les mains libres à la France au Maroc. La SMS Panther n’est restée en tout que quelques semaines dans la baie d’Agadir, remplacée ensuite par le croiseur Berlin, avant de revenir en octobre, avec la SMS Eber. Les navires allemands quittent définitivement la baie d’Agadir le 28 novembre 1911. Ce coup de force a été vécu comme un épisode de la « politique de la canonnière.» — Source Wikipedia
SMS Panther — Eine Provokation, sechs Jahre nach dem Zwischenfall von Tanger als „Agadir-Coup“ gebrandmarkt. Agadir wurde für den ausländischen Handel gesperrt: Deutschland führte Bedrohungen für die Sicherheit seiner Staatsangehörigen (vier Reichsangehörige) als Vorwand an. Frankreich sah seine Interessen in Marokko bedroht und reagierte, unterstützt von den Briten, entschieden. Europa stand am Rand des Krieges. Verhandlungen wendeten die Krise ab: Deutschland erhielt territoriale Entschädigungen in Afrika, ließ Frankreich dafür in Marokko freie Hand. Die SMS Panther blieb insgesamt nur wenige Wochen in der Bucht von Agadir, später abgelöst durch den Kreuzer Berlin, bevor sie im Oktober zusammen mit der SMS Eber zurückkehrte. Die deutschen Schiffe verließen die Bucht von Agadir endgültig am 28. November 1911. Dieser Gewaltakt ging als Episode der „Kanonenbootpolitik“ in die Geschichte ein. — Quelle: Wikipedia

Eine zweite Krise brach 1911 aus: Deutschland entsandte ein Kanonenboot, die Panther, in den marokkanischen Hafen Agadir — offiziell, um deutsche Interessen zu schützen, die durch lokale Unruhen bedroht seien, in Wirklichkeit jedoch, um Frankreich koloniale Zugeständnisse abzuringen im Austausch für die Anerkennung seines Protektorats über Marokko. Die Agadirkrise brachte Europa mehrere Wochen lang an den Rand des Krieges — die britische Regierung selbst erwog ernsthaft ein militärisches Eingreifen an der Seite Frankreichs —, bevor sie durch ein Abkommen beigelegt wurde, das Deutschland eine territoriale Entschädigung im Kongo zusprach im Austausch für ein endgültig unter französisches Protektorat gestelltes Marokko.

Illustration — IA © European-Security
Illustration — IA © European-Security

Keine der beiden Marokkokrisen führte zum Krieg. Doch sie spielten eine entscheidende Rolle: Sie gewöhnten die öffentliche Meinung wie die Generalstäbe daran, eine allgemeine Konfrontation als reale und nahe Möglichkeit zu betrachten; sie überzeugten London endgültig davon, dass Deutschland eine gemeinsame Bedrohung darstellte; und sie befeuerten in jedem Land eine sich verschärfende Rüstungs-spirale — zur See zwischen Berlin und London, zu Lande zwischen Paris und Berlin —, die bis 1914 nicht mehr zum Stillstand kommen sollte.

5. Der letzte Mechanismus

Am Vorabend des Sommers 1914 befand sich Europa somit in einer außerordentlich instabilen Lage: zwei starr einander gegenüberstehende Militärblöcke; Generalstäbe, die Mobilmachungspläne ausgearbeitet hatten (allen voran der deutsche Schlieffen-Plan), die derart detailliert und wechselseitig verzahnt waren, dass sie der politischen Entscheidung, einmal in Gang gesetzt, immer weniger Spielraum ließen; eine öffentliche Meinung in Frankreich wie in Deutschland, die weitgehend der Vorstellung anhing, ein Konflikt sei wahrscheinlich, wenn nicht gar wünschenswert; und Verantwortliche, die in Wien, Berlin, Paris wie in Sankt Petersburg den kontinentalen Krieg schließlich als eines von mehreren möglichen Szenarien betrachteten, statt als das absolute Undenkbare, das er hätte bleiben müssen.

Es fehlte nur noch der Funke. Er kam aus Sarajevo, am 28. Juni 1914.

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Satirische Karikatur im Stil der Belle Époque — Links sitzt Europa auf seinem eigenen Pulverfass, die Lunte des Balkans brennt bereits herunter, ohne dass es jemanden beunruhigt. Rechts der Zug der militärischen Bündnisse, beladen mit zuversichtlichen Nationen, der mit voller Geschwindigkeit auf den Abgrund des Krieges zurast. Zwei Bilder, eine einzige Wahrheit: Das Europa von 1914 sah das Schlimmste kommen — und entschied sich dennoch, weiter voranzuschreiten — Illustration KI © European-Security

Der dritte Teil dieser Serie wird den Faden genau an diesem Punkt wieder aufnehmen, um Frankreich und Deutschland in den schrecklichsten Krieg zu begleiten, den sie je gegeneinander geführt haben — und in den Frieden, der in Versailles, ohne es zu wissen, bereits den nächsten Krieg vorbereiten sollte.

Joël-François Dumont

Siehe auch:

Analyse: Der Frieden, der den Krieg vorbereitete

Es hat etwas Schwindelerregendes, diese dreiundvierzig Jahre von 1871 bis 1914 noch einmal zu lesen: Auf dem Papier sind es die längsten ununterbrochenen Friedensjahre, die Westeuropa seit Generationen erlebt hatte. Nicht ein einziger Krieg zwischen europäischen Großmächten während dieser gesamten Zeit. Und doch war es genau dieser Frieden, der Stück für Stück den mörderischsten Krieg hervorbrachte, den der Kontinent je erlebt hat.

Das Paradox verdient es, dass man dabei verweilt. Jedes einzelne Teil dieses Systems — das französisch-russische Bündnis, die Entente cordiale, der Dreibund, das Wettrüsten um Schlachtschiffe — wurde von seinen Architekten als Instrument der Abschreckung, der Vorsicht, des Gleichgewichts konzipiert. Niemand unterschrieb 1892 oder 1907 diese Abkommen in der Absicht, einen Weltkrieg vorzubereiten; im Gegenteil, jeder glaubte, sich gegen einen solchen zu schützen. Genau darin liegt die unbequemste Lehre dieser Epoche: rationale Mechanismen, die jeweils für sich gedacht wurden, um das Schlimmste zu verhindern, können sich zu einer Maschine zusammenfügen, die das Schlimmste unausweichlich macht — ohne dass einer ihrer Architekten dies gewollt oder auch nur vorausgesehen hätte.

Die beiden Marokkokrisen hätten als Warnung dienen müssen. Zweimal, 1905 und 1911, geriet Europa an den Rand eines allgemeinen Krieges aus Gründen, die dem Anschein nach nichts mit Elsass-Lothringen oder der Revanche von 1870 zu tun hatten — und zweimal legte sich die Krise wieder, ohne dass sich irgendjemand ernsthaft fragte, wie tragfähig das System eigentlich war, das es überhaupt so weit an den Abgrund hatte kommen lassen. Man behandelte die Symptome; die Krankheit selbst wurde nie geheilt.

Vielleicht liegt genau hier die direkteste Verbindung zum ersten Teil dieser Serie. Die Demütigung von 1806, die Preußen in ein nationales Projekt verwandelte, brauchte vierundsechzig Jahre, um bei Sedan Früchte zu tragen. Das Bündnissystem von 1871–1914 dagegen benötigte keine neue Demütigung mehr, um in Gang zu kommen: Waren die Blöcke einmal erstarrt und die Mobilmachungspläne festgeschrieben, genügte ein regionales Attentat. Der Mechanismus war nicht mehr allein psychologischer Natur — er war mechanisch geworden.