Frankreich-Deutschland: Von den Ruinen zum werdenden Europa, 1945-1959 (4)

Auf den Trümmern von 1945 hätte niemand einen Pfennig auf eine deutsch-französische Aussöhnung gesetzt. Und doch legen in weniger als fünf Jahren ein zweisprachiger ehemaliger Lothringer und einige Visionäre den ersten Stein eines Bauwerks, das weder Aristide Briand noch Gustav Stresemann eine Generation zuvor hatten errichten können. Der vierte Teil dieser Serie zeichnet nach, wie Europa aus seinen eigenen Ruinen entstand — nicht ohne ein erstes, schmerz-liches Scheitern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein vergessener Präzedenzfall: Bereits 1926 versuchten Aristide Briand und Gustav Stresemann, im Rahmen des Völkerbunds einen dauerhaften Dialog zwischen den beiden Ländern zu etablieren — ein aufrichtiger Versuch, der durch die Krise von 1929 und den Tod beider Männer vor der Katastrophe, die sie zu verhindern suchten, jäh zerbrach.
  • Mai 1950: Die Schuman-Erklärung schlägt vor, Kohle und Stahl gemeinsam zu verwalten — und macht damit einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“.
  • 1951: Die EGKS, der erste gegenseitige und freiwillige Souveränitätsverzicht in der europäischen Geschichte.
  • 30 August 1954: „Das Verbrechen vom 30. August“ — Frankreich selbst torpediert sein eigenes Projekt einer europäischen Armee, die EVG.
  • 1945-1957: Das Saarland, der letzte deutsch-französische Gebietsstreit, gelöst nicht mit Gewalt, sondern durch ein Referendum und einen Vertrag.
  • September 1958: De Gaulle und Adenauer treffen sich erstmals in Colombey — das Vorspiel zu allem, was folgen wird.

von Joël-François Dumont — Paris, den 20.August 2026

Einleitung

Der Mechanismus, den die ersten drei Teile dieser Serie beschreiben — Demütigung, gepflegter Groll, aufgeschobene Rache —, hatte 1940 ein letztes Mal mit verheerender Wucht funktioniert. Doch 1945 war nicht 1918: Diesmal war kein Sieger mehr in der Lage, den anderen zu demütigen, ohne sich dabei selbst zu zerstören. Aus dieser doppelten Unmöglichkeit, einer materiellen wie einer moralischen, entsteht — wider alle Erwartung — der europäische Aufbau.

1. Ein vergessener Präzedenzfall: Briand, Stresemann und der Völkerbund

Das Gemetzel von 1914-1918 hatte bei Siegern wie Besiegten bereits einen Willen zum „Nie wieder“ geweckt, der sich in Institutionen niederschlug. Der Völkerbund, 1920 auf Betreiben des amerikanischen Präsidenten Wilson gegründet, sollte das Instrument dieses dauerhaften Dialogs zwischen den Nationen sein.

La première Assemblée de la Société des Nations, 15 novembre 1920, dans la Salle de la Réformation à Genève, sous la présidence du Belge Paul Hymans. L’Allemagne, vaincue et jugée responsable du conflit par le traité de Versailles, n’y a pas sa place — elle devra attendre 1926, et les accords de Locarno, pour y être admise — Photo United Nations Archives
Die erste Versammlung des Völkerbunds, 15. November 1920, im Salle de la Réformation in Genf, unter dem Vorsitz des Belgiers Paul Hymans. Deutschland, besiegt und durch den Versailler Vertrag für den Konflikt verantwortlich gemacht, hat dort keinen Platz — es muss bis 1926 und die Locarno-Verträge warten, um aufgenommen zu werden — Foto United Nations Archives

Am 1. Dezember 1925, nach mehrwöchigen Verhandlungen in der kleinen Schweizer Stadt, die ihnen ihren Namen gab, unterzeichnet, garantieren die Locarno-Verträge gegenseitig die Westgrenzen Deutschlands, Frankreichs und Belgiens — das erste Mal seit 1871, dass Berlin die territoriale Unversehrtheit seiner westlichen Nachbarn freiwillig anerkennt, und nicht unter dem Zwang eines auferlegten Vertrags.

Autour de la table des négociations à Locarno, octobre 1925 : le chancelier allemand Hans Luther et son ministre Gustav Stresemann, face à Austen Chamberlain (Royaume-Uni), Aristide Briand (France) et Benito Mussolini (Italie) — encore, à cette date, un chef de gouvernement européen parmi d’autres, dix ans avant l’agression de l’Éthiopie qui révélera le vrai visage du régime fasciste — entourés des délégations belge (Vandervelde), tchécoslovaque (Beneš) et polonaise (Skrzyński). Sept puissances signent ensemble un accord qui, pour la première fois depuis 1871, voit l’Allemagne reconnaître volontairement les frontières de ses voisins occidentaux — Photo E. Steinemann, 1925
Am Verhandlungstisch von Locarno, Oktober 1925: der deutsche Reichskanzler Hans Luther und sein Minister Gustav Stresemann, gegenüber Austen Chamberlain (Vereinigtes Königreich), Aristide Briand (Frankreich) und Benito Mussolini (Italien) — zu diesem Zeitpunkt noch ein europäischer Regierungschef unter anderen, zehn Jahre vor dem Angriff auf Äthiopien, der das wahre Gesicht des faschistischen Regimes offenbaren wird — umgeben von der belgischen (Vandervelde), tschechoslowakischen (Beneš) und polnischen (Skrzyński) Delegation. Sieben Mächte unterzeichnen gemeinsam ein Abkommen, in dem Deutschland zum ersten Mal seit 1871 die Grenzen seiner westlichen Nachbarn freiwillig anerkennt — Foto E. Steinemann, 1925

Der „Geist von Locarno“, in ganz Europa als Morgenröte einer neuen Ära gefeiert, bringt seinen drei Hauptarchitekten außergewöhnliche internationale Anerkennung ein: den Friedensnobelpreis, der 1925 zunächst an den Briten Austen Chamberlain verliehen wird, dann im Jahr darauf gemeinsam an Briand und Stresemann.

Austen Chamberlain, Gustav Stresemann et Aristide Briand à Locarno, octobre 1925 — les trois artisans d'un accord qui, pour la première fois depuis 1871, voit l'Allemagne reconnaître volontairement les frontières de ses voisins occidentaux. Chamberlain recevra le prix Nobel de la paix dès 1925 ; Briand et Stresemann le recevront ensemble l'année suivante
Austen Chamberlain, Gustav Stresemann und Aristide Briand in Locarno, Oktober 1925 — die drei Architekten eines Abkommens, in dem Deutschland zum ersten Mal seit 1871 die Grenzen seiner westlichen Nachbarn freiwillig anerkennt. Chamberlain erhält bereits 1925 den Friedensnobelpreis; Briand und Stresemann erhalten ihn im Jahr darauf gemeinsam.

Deutschland, bei der Gründung des Völkerbunds ausgeschlossen, wird erst 1926 aufgenommen — genau dank dieser im Jahr zuvor vom französischen Außenminister Aristide Briand und seinem deutschen Amts-kollegen Gustav Stresemann ausgehandelten Verträge. Ihre Zusammenarbeit verkörpert einen ersten Versuch — aufrichtig und für einige Jahre wirksam —, aus dem Rachezyklus auszubrechen, den die beiden vorangegangenen Teile dieser Serie nachgezeichnet haben.

Doch diese Architektur des Dialogs bricht mit der Krise von 1929 und Hitlers Machtergreifung zusammen; der Völkerbund erweist sich als machtlos gegenüber den Aggressionen der 1930er Jahre — von der Mand-schurei über Äthiopien bis zur Remilitarisierung des Rheinlands selbst.

Erst die totale Vernichtung von 1945 und die im selben Jahr erfolgte Gründung der Vereinten Nationen ermöglichen einen neuen Versuch, den Frieden zu institutionalisieren — diesmal mit einem Erfolg, den Briand und Stresemann, beide vor der Katastrophe verstorben, die sie zu verhindern versucht hatten (Stresemann 1929, Briand 1932), nicht mehr erleben durften.

2. 1945: Ein Kontinent in Trümmern, ein geteiltes Deutschland

Deutschland geht ausgeblutet aus dem Konflikt hervor. Seine Städte sind zerstört, sein Gebiet von den vier alliierten Mächten (Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Sowjetunion) besetzt und bald in zwei getrennte Staaten aufgeteilt: die Bundesrepublik im Westen, die Demokratische Republik im Osten. Das Bewusstsein für die Verbrechen des NS-Regimes, insbesondere die Shoah, lastet mit erheblichem moralischem und historischem Gewicht auf Deutschland.

Auch Frankreich, obgleich siegreich, geht geschwächt und angeschlagen aus dem Krieg hervor — ohne die materiellen Mittel, einen neuen Versailler Vertrag durchzusetzen, selbst wenn es dies gewollt hätte. Es ist diese doppelte Unmöglichkeit — ein unter der Last seiner eigenen Verbrechen erdrücktes Deutschland, ein Frankreich ohne Ressourcen für einen strafenden Frieden —, die, allem scheinbaren Vernunftlauf zuwider, den Weg zu einem anderen Ausgang als der Rache eröffnet.

3. Robert Schuman und die Erklärung vom 9. Mai 1950

Robert Schuman ist im engeren Sinne kein Mann des französischen Establishments.

1886 in Luxemburg geboren, als Sohn eines Lothringers, der durch die Annexion von 1871 Deutscher geworden war, wächst er als Untertan des Deutschen Kaiserreichs auf, studiert an deutschen Universitäten, bevor er 1919 mit der Rückkehr Elsass-Lothringens zu Frankreich wieder Franzose wird. Zweisprachig, in beiden Kulturen verwurzelt, verkörpert er buchstäblich in seiner eigenen Biografie die Grenzregion und den Streit, den diese Serie seit 1806 nachzeichnet.

Robert Schuman en 1958 Photo © European-Union

Am 9. Mai 1950 legt er als französischer Außenminister, mit der entscheidenden Mitwirkung Jean Monnets, einen Plan von radikaler Einfachheit vor: die gesamte deutsch-französische Kohle- und Stahlpro-duktion — die beiden Rohstoffe jeder Kriegsindustrie — unter einer gemeinsamen Hohen Behörde zu bündeln, offen für weitere europäische Länder. Die Formulie-rung der Erklärung bleibt eine der meist-zitierten der europäischen Einigung: Diese gemeinsame Verwaltung werde einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ machen.

Robert Schuman in 1958 Foto © Europäische Union

Die Idee ist so einfach wie revolutionär: Statt Deutschland durch Zwang zu entwaffnen, wie es Versailles mit bekanntem Misserfolg versucht hatte, entscheidet man sich, die wirtschaftlichen Interessen beider Länder so eng zu verflechten, dass eine Rückkehr zum Krieg absurd würde. Es ist die genaue Umkehrung der Straflogik von 1919.

Robert Schuman honoré sur un timbre de la Deutsche Bundespost, émis le 19 avril 1968 — jour du premier anniversaire de la mort de Konrad Adenauer, dans un même hommage collectif rendu aux pères fondateurs de l'Europe (Adenauer, Schuman, Churchill, De Gasperi). C'est l'Allemagne elle-même qui choisit de graver le visage du Lorrain sur ses propres timbres-poste — Deutsche Bundespost, valeur 30 Pfennig
Robert Schuman, geehrt auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost, ausgegeben am 19. April 1968 — am ersten Jahrestag des Todes Konrad Adenauers, in einer gemeinsamen Hommage an die Gründerväter Europas (Adenauer, Schuman, Churchill, De Gasperi). Deutschland selbst wählt es, das Gesicht des Lothringers auf seinen eigenen Briefmarken zu prägen — Deutsche Bundespost, Wert 30 Pfennig

4. Die EGKS (1951): Der erste Souveränitätsverzicht

Der Schuman-Plan wird bereits im folgenden Jahr konkret: Der am 18. April 1951 unterzeichnete Vertrag von Paris begründet die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien und die drei Beneluxstaaten angehören. Zum ersten Mal in der euro-päischen Geschichte willigen souveräne Staaten freiwillig ein, einen Teil ihrer wirtschaftlichen Souveränität auf eine supranationale Institution zu übertragen.

Von der Erklärung zur materiellen Unmöglichkeit: die Mechanik des Schuman-Plans, in einem Bild zusammengefasst. Kohle und Stahl, gemeinsam verwaltet statt umkämpft, machen den Kanonenbau obsolet — „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“. Kaum ein Jahr trennt die Erklärung vom 9. Mai 1950 von der Geburt der EGKS, wo zwischen Versailles und Rethondes einundzwanzig Jahre nötig gewesen waren — KI-Infografik © European-Security

Es ist ein politischer Akt von erheblicher Tragweite, weit über seinen scheinbar technischen Gegenstand hinaus. Die EGKS ist nicht nur ein Handelsabkommen: Sie ist der erste Stein eines institutionellen Bauwerks, das von Anfang an darauf angelegt ist, einen deutsch-französischen Krieg strukturell unmöglich zu machen, statt ihn nur unwahrscheinlicher zu gestalten.

5. Das Scheitern der EVG (1950-1954): Als Frankreich sich selbst untergräbt

Der Schwung von 1950-1951 treibt noch weiter: Bereits im Oktober 1950 schlägt René Pleven, Präsident des französischen Ministerrats, die Schaffung einer integrierten europäischen Armee vor, der Euro-päischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die westdeutsche Kontingente unter supranationalem Kommando einschließen würde — eine Idee, die auf die von den Alliierten im Kontext des Kalten Krieges für notwendig erachtete Wiederbewaffnung Westdeutschlands antworten soll, ohne eine voll souveräne deutsche Armee wiederherzustellen.

Signature du traité instituant la Communauté européenne de défense, 27 mai 1952, au Quai d’Orsay — les six pays fondateurs (Allemagne, Belgique, France, Italie, Luxembourg, Pays-Bas) scellent solennellement le projet d’armée européenne intégrée. Deux ans plus tard, c’est la France elle-même, pourtant à l’origine du projet, qui l’enterrera sans même en débattre le fond — Photo Nationaal Archief (Pays-Bas)
Unterzeichnung des Vertrags zur Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, 27. Mai 1952, im Quai d’Orsay — die sechs Gründerländer (Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande) besiegeln feierlich das Projekt einer integrierten europäischen Armee. Zwei Jahre später wird ausgerechnet Frankreich, obgleich Urheber des Projekts, es begraben, ohne auch nur über seinen Inhalt zu debattieren  Foto Nationaal Archief (Pays-Bas)

Der Vertrag wird bereits im Mai 1952 unterzeichnet. Doch das politische Klima in Frankreich wendet sich gegen das eigene Projekt. Die Debatte in der Nationalversammlung beginnt am 28. August 1954. Am 30. August lehnen die Abgeordneten, durch einen Verfahrenskniff — die von General Aumeran und dem ehe-maligen Parlamentspräsidenten Édouard Herriot eingebrachte „Vorfrage“ —, die Ratifizierung mit 319 gegen 264 Stimmen ab, ohne den Inhalt des Vertrags überhaupt zu debattieren. Die fünf anderen Unterzeichnerstaaten hatten bereits ratifiziert oder standen kurz davor.

„Das Verbrechen vom 30. August“: der Verfahrensmechanismus, der es am 30. August 1954 ermöglichte, die EVG abzulehnen, ohne auch nur über ihren Inhalt zu debattieren — 319 gegen 264 Stimmen, getragen von der „Vorfrage“ Aumerans und Herriots. Die Waage der Gerechtigkeit bleibt leer; über den Notausgang der WEU, eine bescheidenere Ausweichlösung, wird die europäische Verteidigung schließlich doch noch Einzug halten — KI-Infografik © European-Security

Die Episode geht für die enttäuschten Anhänger des europäischen Föderalismus als „das Verbrechen vom 30. August“ in die Geschichte ein. Frankreich, Urheber des Projekts, torpediert seine eigene Initiative selbst. Die am 23. Oktober 1954 gegründete Westeuropäische Union (WEU) ist nur ein blasser Ersatz, dem jede echte militärische Integration fehlt.

Anders als die EVG, die die deutschen Kontingente in eine einzige europäische Armee einschmelzen wollte, ohne ihnen je eine eigene nationale Existenz zurückzugeben, ebnet die WEU den Weg zu einer weit klassischeren Lösung: einer wirklich souveränen deutschen Armee, der künftigen Bundeswehr, die bereits 1955 selbst in die NATO auf-genommen wird.

Dieses Scheitern ist eine nützliche Mahnung: Der Weg zur Aussöhnung verlief keineswegs geradlinig oder unausweichlich. Er stieß bereits in seinem ersten Jahrzehnt auf massive Ablehnung aus dem Inneren des Landes, das die Initiative selbst ergriffen hatte.

6. Das Saarland: Der letzte Gebietsstreit (1945-1957)

Zwischen 1945 und 1957 bleibt ein letzter Reibungspunkt bestehen, der unmittelbar aus dem Zyklus stammt, den diese Serie seit 1806 nachzeichnet: das Saarland. Von 1947 bis 1956 unter französisches Protektorat gestellt, ist diese Industrie- und Kohleregion Gegenstand eines von Paris getragenen Europäisierungsprojekts — eine Lösung, die auf dem Papier dieses umstrittene Gebiet sowohl Frankreich als auch Deutschland entzogen und ihm einen gemeinsamen europäischen Status verliehen hätte.

Volksbefragung - Référendum sur la Sarre - Timbres
Ersttagsbrief, gestempelt in Saarbrücken am 23. Oktober 1955 — dem Tag der Volksbefragung über den europäischen Status des Saarlands. Die Briefmarkenwerte, noch in Saar-Franken ausgewiesen, erinnern daran, dass in dem Moment, in dem die Saarländer gegen die Europäisierung und für eine Rückkehr zu Deutschland stimmten, ihre Währung bereits seit 1947 an den französischen Franc gekoppelt war — Philatelistische Sammlung

Am 23. Oktober 1955 werden die Saarländer per Referendum zu diesem Status befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 423.344 Nein-Stimmen, 201.973 Ja-Stimmen — eine Ablehnung von mehr als 67 Prozent des europäischen Projekts, getragen von politischen Parteien, die einen schlichten Anschluss an die Bundes-republik befürworten. Das Scheitern der EVG im Vorjahr hatte den supranationalen Schwung bereits gedämpft; dieses Referendum zieht die unmittelbaren Konsequenzen daraus.

Die am 27. Oktober 1956 unterzeichneten Luxemburger Verträge regeln daraufhin die schlichte Rückkehr des Saarlands zur Bundesrepublik, wirksam zum 1. Januar 1957. Es ist eine Regelung, die radikal mit dem Präzedenzfall von 1871 bricht: Diesmal wird ein deutsch-französischer Gebietsstreit durch ein Referendum und einen Vertrag gelöst, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Der Kontrast zu den aufeinanderfolgenden Annexionen Elsass-Lothringens 1871 und dann 1940 ist vollständig.

Le général de Gaulle en conférence de presse au Palais d’Orsay, le 19 mai 1958 — en pleine crise politique, deux semaines avant son retour au pouvoir, il se déclare prêt à assumer « les pouvoirs de la République ». Ce jour marque le point de départ de l’année de refondation institutionnelle qui, en s’achevant avec son investiture comme président de la République le 8 janvier 1959, lui permettra de se consacrer pleinement, dès cette même année, à la relation avec Bonn — Photo Fondation Charles de Gaulle
General de Gaulle auf einer Pressekonferenz im Palais d’Orsay, 19. Mai 1958 — inmitten einer politischen Krise, zwei Wochen vor seiner Rückkehr an die Macht, erklärt er sich bereit, „die Vollmachten der Republik“ zu übernehmen. Dieser Tag markiert den Ausgangspunkt des Jahres institutioneller Neugründung, das mit seiner Amtseinführung als Staatspräsident am 8. Januar 1959 endet und es ihm erlaubt, sich noch im selben Jahr voll und ganz den Beziehungen zu Bonn zu widmen — Foto Charles de Gaulle Stiftung

In diesem Klima methodischer Befriedung — Schuman-Plan, EGKS, geklärte Saarfrage — widmet sich General de Gaulle, im Juni 1958 an die Macht zurückgekehrt, zunächst ein Jahr lang dem Wiederaufbau der französischen Institutionen: eine neue Verfassung, Wahlen, dann seine eigene Wahl, gefolgt von seiner Amtseinführung als Staatspräsident am 8. Januar 1959. Erst nach Abschluss dieser inneren Neugründung kann er sich voll und ganz der französischen Außenpolitik zuwenden, mit den Beziehungen zu Bonn als oberster Priorität — er trifft Bundeskanzler Adenauer erstmals bereits im September 1958, mitten im institutionellen Übergang, bevor er die bilaterale Beziehung ab 1959 wirklich vertieft.

Der fünfte Teil dieser Serie wird diesem Gründungstreffen folgen und dem Weg, der fünf Jahre später zur Unterzeichnung des Élysée-Vertrags führen wird.

Joël-François Dumont

Siehe auch:

Der Zähler läuft rückwärts: Derselbe Beschleunigungsmechanismus, der einst die Rache vorantrieb — vierundsechzig Jahre zwischen Jena und Sedan, dreiundvierzig zwischen Frankfurt und Sarajevo, einundzwanzig zwischen Versailles und Rethondes, achtzehn zwischen der Kapitulation und dem Élysée-Vertrag —, dient nun dem Aufbau des Friedens. Fünf Jahre trennen 1945 von der Schuman-Erklärung; kaum ein Jahr trennt diese von der EGKS — KI-Infografik © European-Security

Analyse: Warum der Frieden diesmal hielt

Dem aufmerksamen Leser dieser Serie wird ein Muster aufgefallen sein, das sich seit dem ersten Teil beschleunigend wiederholt: vierundsechzig Jahre zwischen Jena und Sedan, dreiundvierzig Jahre zwischen Frankfurt und Sarajevo, einundzwanzig Jahre zwischen Versailles und Rethondes. Jeder Rachezyklus brauchte halb so lange zum Reifen wie der vorangegangene — bis die Katas-trophe 1945 ihren absoluten Endpunkt erreichte.

Bemerkenswert am Jahrzehnt 1945-1955 ist, dass derselbe beschleunigende Mechanismus — Modernität, Dringlichkeit, Notwendigkeit — weiterhin wirkt, jedoch umgekehrt: Kaum fünf Jahre trennen die Kapitulation von der Schuman-Erklärung; ein Jahr trennt diese Erklärung von der EGKS. Dasselbe Bedürfnis nach Schnelligkeit, das anderthalb Jahrhunderte lang der Beschleunigung der Rache diente, dient nun dem Aufbau des Friedens. Doch war das Jahrzehnt keineswegs ein ruhiger Fluss: Das schmerzliche Scheitern der EVG 1954 erinnert daran, dass keine Aussöhnung jemals im Voraus gesichert ist und dass der europäische Föderalismus ein zweites Mal beinahe gestorben wäre, kaum vier Jahre nach seiner Geburt.