Frankreich-Deutschland: Der Höhepunkt, 1914–1945 (3)

Vom „Diktat“ von Versailles zur Kapitulation

Vom Attentat in Sarajevo bis zu den Trümmern von 1945 erreicht der deutsch-französische Antagonismus seinen Höhepunkt: zwei Weltkriege, ein Frieden, der demütigte statt zu befrieden, und der Aufstieg einer verbrecherischen Ideologie, die die Logik der Rache bis zur Vernichtung trieb. Der dritte Teil dieser Serie zeichnet nach, wie das „Diktat“ von Versailles, ohne es zu wollen, die Revanche von 1940 vorbereitete — und wie Europa den Tiefpunkt berührte, bevor es endlich wieder aufsteigen konnte.

Proclamation à Versailles dans la galerie des glaces de l'empire d'Allemagne (18 janvier 1871)
Proklamation in Versailles im Spiegelsaal des Deutschen Kaiserreichs (18. Januar 1871)
Traité de Versailles signé dans la galerie des glaces — US National Archives
Die Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Spiegelsaal, 28. Juni 1919 — im selben Saal, in dem 1871 das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden war — Foto US National Archives

on Joël-François Dumont — Paris, den 19. August 2026

Einleitung

Der Funke von Sarajevo entzündete am 28. Juni 1914 einen Kontinent, der durch seine rivalisierenden Bündnisse und sein Wettrüsten bereits verriegelt war. Was der Erste Weltkrieg dem besiegten Deutschland auferlegen sollte — ein Vertrag, der als „Diktat“ statt als Frieden empfunden wurde — sollte seinerseits mit nahezu mechanischer Präzision die Revanche von 1940 vorbereiten. Der Kreislauf, der 1806 bei Jena und Auerstedt in Gang gesetzt und 1870 bei Sedan fortgesetzt worden war, erreichte hier seinen Höhepunkt: zwei Weltkriege binnen dreißig Jahren, und die Menschheit sah sich mit der Shoah dem Abgrund gegenüber, zu dem eine bis zu ihrem absoluten Ende getriebene Logik der Rache führen konnte.

1. Der Erste Weltkrieg und der Versailler Vertrag: Ein fortgesetzter Kreislauf der Demütigungen

Der Große Krieg als Fortsetzung

Der im August 1914 entfesselte Erste Weltkrieg lässt sich als Fortsetzung und Eskalation des deutsch-französischen Konflikts von 1870 lesen. Die Elsass-Lothringen-Frage blieb eine offene Wunde für Frankreich und nährte einen revanchistischen Nationalismus. In Deutschland trugen Pangermanismus und imperiale Ambitionen zu einem Klima der Konfrontation bei. Die aufeinanderfolgenden internationalen Krisen und die Starrheit der Bündnissysteme — beschrieben im vorangegangenen Teil dieser Serie — machten die Konflagration nahezu unausweichlich.

Le haut commandement allemand : Hindenburg (à gauche), Guillaume II (au centre) et Ludendorff (à droite), penchés sur une carte d’état-major. C’est pourtant Hindenburg lui-même qui, en novembre 1918, convainc le Kaiser que l’armée ne le suivra plus — précipitant l’abdication qu’aucun des trois hommes ici réunis n’aurait imaginée quelques mois plus tôt — Photo Robert Senneke / Wikimedia
Das deutsche Oberkommando: Hindenburg (links), Wilhelm II. (Mitte) und Ludendorff (rechts), über eine Stabskarte gebeugt. Es war ausgerechnet Hindenburg selbst, der im November 1918 den Kaiser davon überzeugte, dass die Armee ihm nicht mehr folgen werde — und damit die Abdankung beschleunigte, die sich keiner der drei hier versammelten Männer wenige Monate zuvor hätte vorstellen können — Photo Robert Senneke / Wikimedia
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Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 und die Vorboten des „Diktats“

Des dizaines de milliers de prisonniers de guerre allemands capturés à Amiens, août 1918 par la 4e Armée britannique. La bataille d’Amiens, ouverte le 8 août, sera qualifiée par Ludendorff lui-même de « jour de deuil de l’armée allemande » — le moment où le haut commandement comprend que la guerre est militairement perdue, trois mois avant l’armistice — Photo David McLellan prise le 26.8.1918 — Collection Imperial Museum
Zehntausende deutsche Kriegsgefangene, im August 1918 von der britischen Vierten Armee bei Amiens gefangen genommen. Die am 8. August eröffnete Schlacht von Amiens sollte von Ludendorff selbst als „der schwarze Tag des deutschen Heeres“ bezeichnet werden — der Moment, in dem die Oberste Heeresleitung erkannte, dass der Krieg militärisch verloren war, drei Monate vor dem Waffenstillstand — Foto David McLellan, aufgenommen am 26.8.1918 — Sammlung Imperial War Museum

In Berlin ging der Zusammenbruch der Front mit einem ebenso brutalen politischen Zusammenbruch einher. Am 9. November 1918 verkündete Reichskanzler Max von Baden, ohne überhaupt eine formelle Bestätigung erhalten zu haben, die Abdankung Wilhelms II. — bevor er selbst kurz darauf zurücktrat und die Kanzlerschaft an Friedrich Ebert übergab, den Wortführer der sozialdemokratischen Mehrheit.

Philipp Scheidemann, bras levé, proclame la République allemande depuis un balcon du Reichstag, le 9 novembre 1918 — Guillaume II vient de renoncer au trône le jour même, mettant fin à près de cinquante ans de monarchie. À quelques centaines de mètres de là, Karl Liebknecht proclame, ce même jour, une République socialiste rivale : une nouvelle époque commence, mais deux Allemagnes s’en disputent aussitôt le sens — Photo Erich Greiser / Wikipedia
Philipp Scheidemann, den Arm erhoben, proklamiert am 9. November 1918 von einem Balkon des Reichstags die Deutsche Republik — Wilhelm II. hatte noch am selben Tag auf den Thron verzichtet und damit die Monarchie nach fast fünfzig Jahren beendet. Wenige hundert Meter entfernt proklamierte Karl Liebknecht am selben Tag eine rivalisierende sozialistische Republik: Eine neue Ära beginnt, doch zwei Deutschlands streiten sofort um ihre Deutung — Foto Erich Greiser / WikipediaPhoto Erich Greiser / Wikipedia Foto Erich Greiser / Wikipedia

Am selben Tag proklamierte Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstags die Deutsche Republik, während Karl Liebknecht, wenige hundert Meter entfernt, eine freie sozialistische Republik ausrief: Zwei rivalisierende Deutschlands wurden an einem einzigen Tag geboren, auf den Trümmern desselben Reiches.

Poste de mitrailleuse au pied de la fontaine du château (Schloss-Brunnen), Berlin, novembre 1918 : la révolution qui emporte l'Empire ne se joue pas que dans les discours de balcon — elle se joue aussi, très concrètement, dans les rues de la capitale — Photo Bundesarchiv
Ein Maschinengewehrposten am Fuß des Schlossbrunnens, Berlin, November 1918: Die Revolution, die das Kaiserreich hinwegfegt, spielt sich nicht nur in Balkonreden ab — sie spielt sich auch, sehr konkret, in den Straßen der Hauptstadt ab — Foto Bundesarchiv

Wilhelm II., selbst im eigenen Lager desavouiert, überquerte bereits am folgenden Tag die niederländische Grenze und fand dort ein Exil, das bis zu seinem Tod 1941 andauern sollte — ohne jemals offiziell abzudanken, bis zum 28. November.

In diesem Chaos unterzeichnete die deutsche Delegation, angeführt vom Staatssekretär Matthias Erzberger — ein Zivilist, da kein General bereit war, die Niederlage öffentlich zu verantworten —, am 11. November um 5:15 Uhr morgens den Waffenstillstand, im Salonwagen des Marschalls Foch, der im Wald von Compiègne stationiert war. Die Kampfhandlungen endeten um 11 Uhr. Doch der Waffenstillstand war kein Frieden: Die britische Seeblockade, die Deutschland seit 1914 von Nahrungsmitteln und Rohstoffen abschnitt, blieb noch mehrere Monate nach dem Verstummen der Waffen bestehen, verschärfte eine bereits mörderische Hungersnot und nährte bei den Deutschen das Gefühl einer endlosen Kapitulation statt eines ehrenvollen Waffenstillstands. Dieses Gefühl sollte im Zentrum der Legende vom „Dolchstoß in den Rücken“ (Dolchstoßlegende) stehen, die bereits latent vorhanden war, noch bevor der Vertrag unterzeichnet wurde, der sie sieben Monate später kristallisieren sollte.

érémonie de clôture après la signature de l’armistice du 11 novembre 1918 dans le wagon-salon, forêt de Compiègne. De gauche à droite : Ernst Vanselow (capitaine de vaisseau), le comte Alfred von Oberndorff (ministère allemand des Affaires étrangères), Detlof von Winterfeldt (général allemand), Jack Marriott (capitaine de la Royal Navy britannique), Matthias Erzberger (chef de la délégation allemande, secrétaire d’État — il sera assassiné en 1921 pour son rôle dans l’armistice), George Hope (contre-amiral britannique), Rosslyn Wemyss (amiral de la flotte britannique, Premier Lord de la Mer), Ferdinand Foch (maréchal de France) et Maxime Weygand (général français) — Photo National Trust
Abschlusszeremonie nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 11. November 1918 im Salonwagen, Wald von Compiègne. Von links nach rechts: Ernst Vanselow (Kapitän zur See), Graf Alfred von Oberndorff (Auswärtiges Amt), Detlof von Winterfeldt (deutscher General), Jack Marriott (Kapitän der Royal Navy), Matthias Erzberger (Leiter der deutschen Delegation, Staatssekretär — er wird 1921 wegen seiner Rolle beim Waffenstillstand ermordet), George Hope (britischer Konteradmiral), Rosslyn Wemyss (britischer Flottenadmiral, Erster Seelord), Ferdinand Foch (Marschall von Frankreich) und Maxime Weygand (französischer General) — Foto National Trust
Adieu à la délégation allemande après la signature de l’armistice, tableau de Maurice Pillard Verneuil. Face à Foch et Weygand debout, ainsi qu’aux amiraux britanniques Wemyss et Hope, Erzberger s’apprête à quitter la clairière de Rethondes, escorté par von Winterfeldt, von Oberndorff et Vanselow
Abschied von der deutschen Delegation nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands, Gemälde von Maurice Pillard Verneuil. Foch und Weygand stehen aufrecht, ebenso die britischen Admirale Wemyss und Hope; Erzberger schickt sich an, die Lichtung von Rethondes zu verlassen, begleitet von von Winterfeldt, von Oberndorff und Vanselow

Am Tag nach der Unterzeichnung berichtete die französische Presse über diesen Moment mit einer Feierlichkeit, gemischt mit Erleichterung. Anders als die amerikanische Presse, die das Ereignis aus der Ferne erfuhr und es in die umfassendere Erzählung des Berliner Chaos einbettete, hatten die Pariser Zeitungen nur eine einzige Nachricht zu verkünden — das Ende von viereinhalb Jahren Krieg.

Une du Journal, mardi 12 novembre 1918, édition de cinq heures du matin : « Hier, 1 561e jour de la guerre. Aujourd'hui, premier jour de la paix. » Sous le titre « L'Allemagne a capitulé », le quotidien publie le texte intégral de la convention d'armistice, article par article — dont l'article 2, cité en tête, qui prévoit le retour immédiat de l'Alsace-Lorraine à la France, quarante-sept ans après l'annexion de 1871 — Source : Gallica-BnF
Titelseite von Le Journal, Dienstag, 12. November 1918, Ausgabe fünf Uhr morgens: „Gestern, der 1.561. Kriegstag. Heute, der erste Friedenstag.“ Unter der Schlagzeile „Deutschland hat kapituliert“ veröffentlichte das Blatt den vollständigen Text des Waffenstillstandsabkommens, Artikel für Artikel — darunter Artikel 2, an erster Stelle zitiert, der die sofortige Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich vorsah, siebenundvierzig Jahre nach der Annexion von 1871 — Quelle: Gallica-BnF
Metz et la Lorraine rendues à la France » — Une du Petit Journal, supplément illustré, 8 décembre 1918. Quarante-sept ans après l'annexion de 1871, l'Alsace-Lorraine revient à la France : la première clause de l'armistice, retrouvée ici sous les traits d'une allégorie populaire, plutôt que dans le langage sec d'un traité — Source : Le Petit Journal
„Metz und Lothringen an Frankreich zurückgegeben“ — Le Petit Journal, illustrierte Beilage, 8. Dezember 1918. Siebenundvierzig Jahre nach der Annexion von 1871 kehrt Elsass-Lothringen zu Frankreich zurück: die erste Klausel des Waffenstillstands, hier in Gestalt einer volkstümlichen Allegorie dargestellt, statt in der trockenen Sprache eines Vertrags — Quelle: Le Petit Journal
Matthias Erzberger (au centre), membre de la commission allemande d'armistice, à Spa (Belgique) en 1919, aux côtés du général von Hammerstein (à gauche) et du sous-secrétaire d'État Freiherr von Langwerth-Simmern (à droite). Après avoir signé l'armistice du 11 novembre, Erzberger poursuivra pendant des mois cette tâche ingrate de négociateur — celle-là même qui le désignera, aux yeux de l'extrême droite nationaliste, comme cible à abattre — Photo Bundesarchiv, Bild 183-R10390
Matthias Erzberger (Mitte), Mitglied der deutschen Waffenstillstandskommission, in Spa (Belgien) 1919, an der Seite von General von Hammerstein (links) und Unterstaatssekretär Freiherr von Langwerth-Simmern (rechts). Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 11. November sollte Erzberger diese undankbare Aufgabe als Verhandler noch monatelang fortsetzen — eben jene Aufgabe, die ihn in den Augen der nationalistischen extremen Rechten zur Zielscheibe machen sollte — Foto Bundesarchiv
Une du NYT du 11.11.191 8 (Source Wikipedia)
Titelseite der New York Times, 11. November 1918: vier Schlagzeilenetagen für einen einzigen historischen Tag — der Waffenstillstand, die Revolution in Berlin, die Flucht des Kaisers nach Holland. Die in der rechten Spalte aufgeführten Waffenstillstandsklauseln nennen an erster Stelle den deutschen Rückzug aus Elsass-Lothringen — achtundvierzig Jahre fast auf den Tag genau nach der Annexion von 1871 — Quelle: New York Times Archiv, via Wikipedia
Le New York Evening World annonce prématurément la fin de la guerre dans son édition du 7 novembre 1918 — quatre jours avant l'armistice réel, sur la foi de rumeurs non confirmées. Un avant-goût de la confusion informationnelle qui entourera, jusqu'au bout, les derniers jours du conflit — Photo Library of Congress, via HistoryNet/MHQ
Die New York Evening World verkündet in ihrer Ausgabe vom 7. November 1918 vorzeitig das Kriegsende — vier Tage vor dem tatsächlichen Waffenstillstand, gestützt auf unbestätigte Gerüchte. Ein Vorgeschmack auf die informationelle Verwirrung, die die letzten Kriegstage bis zuletzt begleiten sollte — Foto Library of Congress, via HistoryNet/MHQ

Der Versailler Vertrag (28. Juni 1919): das deutsche „Diktat“

Nach vier Jahren eines entsetzlich mörderischen Krieges waren Deutschland und seine Verbündeten besiegt. Der am 28. Juni 1919 — dem Jahrestag des Attentats von Sarajevo — unterzeichnete Versailler Vertrag wurde von den siegreichen Mächten, vor allem Frankreich, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten, ausgearbeitet, ohne dass Deutschland an den Verhandlungen tatsächlich beteiligt gewesen wäre. Für Deutschland wurde der Vertrag sofort als „Diktat“ wahrgenommen, als aufge-zwungener und strafender Frieden.

Geprges Clemenceau par Nadar

Georges Clemenceau, der französische Ministerpräsident, dessen Land am meis-ten unter der deutschen Invasion gelitten hatte, forderte eine „bedingungslose Unterschrift“ und suchte, Deutschland dauerhaft zu schwächen, um die Sicher-heit Frankreichs zu gewährleisten.

Georges Clemenceau, Ministerpräsident— Porträt von Nadar

Die Vertragsklauseln waren von besonderer Härte. Territorial musste Deutschland Elsass-Lothringen an Frankreich zurückgeben, verlor bedeutende Gebiete an Polen, Belgien und Dänemark, sah das Saarbecken unter internationale Verwaltung gestellt und alle seine Kolonien konfisziert: insgesamt rund 15 % seines europäischen Territoriums und 10 % seiner Bevölkerung. Militärisch wurde seine Armee auf 100.000 Mann reduziert, ohne Luftwaffe, ohne Panzer, ohne U-Boote, und das Rheinland wurde entmilitarisiert.

Georges Clemenceau (au premier plan) et Woodrow Wilson quittent le palais de Versailles, le 28 juin 1919, jour de la signature du traité. Deux des trois artisans du « Big Three » — avec David Lloyd George — qui ont imposé à l'Allemagne vaincue les termes d'une paix que Clemenceau lui-même jugeait déjà trop indulgente, et que les Allemands, eux, jugeront impitoyable — Photo Keystone (Domaine public)
Georges Clemenceau (im Vordergrund) und Woodrow Wilson verlassen das Schloss von Versailles am 28. Juni 1919, dem Tag der Vertragsunterzeichnung. Zwei der drei Architekten der „Big Three“ — neben David Lloyd George —, die dem besiegten Deutschland die Bedingungen eines Friedens auferlegten, den Clemenceau selbst schon für zu milde hielt und den die Deutschen ihrerseits als gnadenlos empfinden sollten — Photo Keystone (gemeinfrei)

Wirtschaftlich und finanziell erklärte Artikel 231 — die berühmte „Kriegsschuldklausel“ — Deutschland und seine Verbündeten als alleinige Verantwortliche für den Kriegsausbruch, die rechtliche Grundlage für kolossale Reparationen, die 1921 auf 132 Milliarden Goldmark beziffert wurden.

Retour des troupes à Berlin, en décembre 1918 : les soldats, fleuris et couronnés de feuillage en signe d'accueil triomphal, défilent sous les acclamations d'une foule immense. C'est ce jour-là qu'Ebert lance aux régiments : « Aucun ennemi ne vous a vaincus » — une phrase de réconfort patriotique qui deviendra, malgré lui, l'un des piliers du mythe du coup de poignard dans le dos — Photo Bundesarchiv/ Wikipedia
Rückkehr der Truppen nach Berlin, Dezember 1918: Die Soldaten, mit Blumen und Laubkränzen als Zeichen triumphalen Empfangs geschmückt, marschieren unter dem Jubel einer riesigen Menschenmenge. An diesem Tag richtet Ebert an die Regimenter die Worte: „Kein Feind hat euch überwunden“ — ein Satz patriotischen Trostes, der, ohne dass er es wollte, zu einer der Säulen des Dolchstoßmythos werden sollte — Foto Bundesarchiv/ Wikipedia

Die deutsche Wahrnehmung dieses Vertrags war einhellig negativ. Der Präsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, empfing die aus dem Feld heimkehrenden deutschen Soldaten mit den Worten, „kein Feind hat euch überwunden“, und nährte damit den Mythos vom „Dolchstoß in den Rücken“ (Dolchstoßlegende), demzufolge die deutsche Armee militärisch nicht besiegt, sondern von Zivilisten und Revolutionären in der Heimat verraten worden sei. Diese Wahrnehmung eines ungerechten und demütigenden, mit Gewalt aufgezwungenen Friedens untergrub von Anfang an die Legitimität der jungen Weimarer Republik.

Sozioökonomische Folgen: der Nährboden der Krise

L'hyperinflation de 1923 : une brouette de billets ne suffit plus à acheter un pain. Le mark, dont la valeur s'effondre d'heure en heure, devient le symbole même de l'humiliation économique qui vient nourrir le ressentiment exploité, dix ans plus tard, par le national-socialisme — Illustration IA © European-Security
Die Hyperinflation von 1923: Eine Schubkarre voller Geldscheine reicht nicht mehr aus, um ein Brot zu kaufen. Die Mark, deren Wert stündlich verfällt, wird zum eigentlichen Symbol der wirtschaftlichen Demütigung, die zehn Jahre später den vom Nationalsozialismus ausgebeuteten Groll nährt — Illustration KI © European-Security
Billet de 100 milliards de marks (100 000 000 000 000 Mark), Reichsbank, 15 février 1924. À son émission, en novembre 1923, une coupure de ce montant valait environ 1 300 marks-or ; dix-huit jours plus tard, elle n'en valait plus que 100 — la plus grosse coupure jamais émise en Allemagne, symbole même de l'effondrement monétaire de 1923 — Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin
Banknote über 100 Billionen Mark (100.000.000.000.000 Mark), Reichsbank, 15. Februar 1924. Bei ihrer Ausgabe im November 1923 entsprach ein Schein dieses Nennwerts etwa 1.300 Goldmark; achtzehn Tage später war er nur noch 100 Goldmark wert — der höchste Nennwert, der je in Deutschland ausgegeben wurde, das eigentliche Symbol des Währungszusammenbruchs von 1923 — Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Die Last der Reparationen erdrosselte, zusammen mit den territorialen und industriellen Verlusten, die deutsche Wirtschaft und trug Anfang der 1920er Jahre zu einer verheerenden Hyperinflation bei.

Devant l'Arbeitsamt, 1929-1932 : la file s'allonge à mesure que le chômage explose, passant de moins d'un million à plus de six millions de sans-emploi en l'espace de trois ans. Ce terreau de misère et de désespoir, la République de Weimar — déjà discréditée par l'hyperinflation de 1923 — ne parvient plus à l'endiguer. C'est ce vide que le national-socialisme s'apprête à combler — Illustration IA © European-Security
Vor dem Arbeitsamt, 1929–1932: Die Schlange wird länger, während die Arbeitslosigkeit explodiert und binnen drei Jahren von unter einer Million auf über sechs Millionen Erwerbslose steigt. Diesen Nährboden aus Elend und Verzweiflung konnte die Weimarer Republik — bereits durch die Hyperinflation von 1923 diskreditiert — nicht mehr eindämmen. Es war diese Leere, die der Nationalsozialismus zu füllen im Begriff war — Illustration KI © European-Security
Les derniers soldats français quittent Dortmund, octobre 1924 — l'occupation de la Ruhr, déclenchée en janvier 1923 par le refus allemand de livrer charbon et bois selon les termes du traité de Versailles, s'achève après près de deux ans. Ironie du sort : c'est cette occupation elle-même, par la « résistance passive » qu'elle déclenche outre-Rhin, qui précipite la planche à billets et l'hyperinflation qui ravage l'Allemagne cette même année — Photo Bundesarchiv
Die letzten französischen Soldaten verlassen Dortmund, Oktober 1924 — die im Januar 1923 durch die deutsche Weigerung, Kohle und Holz gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags zu liefern, ausgelöste Ruhrbesetzung endet nach fast zwei Jahren. Eine Ironie der Geschichte: Es war eben diese Besatzung, die durch den von ihr ausgelösten „passiven Widerstand“ die Notenpresse in Gang setzte und die Hyperinflation entfesselte, die Deutschland im selben Jahr verwüstete — Photo Bundesarchiv

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf Deutschland dann mit voller Wucht und verschärfte Arbeitslosigkeit und soziale Not. Dieser Nährboden aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten, politischer Instabilität und nationaler Demütigung erwies sich als überaus fruchtbar für nationalistische und extremistische Bewegungen.

Die Unterzeichnung des Vertrags im Spiegelsaal von Versailles — genau dort, wo 1871 das Deutsche Kaiserreich proklamiert worden war — wurde als bewusste symbolische Demütigung empfunden, die jene von 1871 umkehrte, dem nationalen Stolz Deutschlands jedoch eine neue Wunde zufügte. Indem er Deutschland durch übermäßig harte und demütigende Maßnahmen zu bestrafen suchte, verfehlte der Versailler Vertrag somit sein Ziel, einen dauerhaften Frieden zu errichten. Im Gegenteil, er schuf die Bedingungen seines eigenen Scheiterns, indem er einen tiefen Rachewunsch nährte und, ohne es zu wollen, den Weg für eine neue Katastrophe ebnete.

2. Die Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg: der Höhepunkt des Konflikts

Hitler et ses co-accusés dans la cour du tribunal de Munich, le 1er avril 1924, avant l'annonce du verdict du procès pour le putsch manqué de la Brasserie (novembre 1923). La clémence du jugement — cinq ans de forteresse dont Hitler n'en purgera que neuf mois — scandalisa les observateurs de l'époque et lui permit de transformer le procès en tribune politique — Photo Heinrich Hoffmann / Bundesarchiv
Hitler und seine Mitangeklagten im Hof des Münchner Gerichtsgebäudes, 1. April 1924, vor der Urteilsverkündung im Prozess wegen des gescheiterten Hitlerputsches (November 1923). Die Milde des Urteils — fünf Jahre Festungshaft, von denen Hitler nur neun Monate absaß — empörte damalige Beobachter und erlaubte es ihm, den Prozess in eine politische Bühne zu verwandeln — Foto Heinrich Hoffmann / Bundesarchiv

Die Krise von 1929 und Hitlers Aufstieg

Die Weimarer Republik, bereits durch Putschversuche und Hyperinflation geschwächt, wurde von der Weltwirtschaftskrise hart getroffen. Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Partei nutzten diese Verzweiflung mit furchtbarer Wirksamkeit aus, indem sie versprachen, das „Diktat von Versailles“ zu zerreißen, Deutschlands Größe wiederherzustellen und ihm seinen Stolz zurückzugeben.

Défilé du parti nazi à Nuremberg, 1933 — Le premier grand rassemblement du régime depuis l'arrivée au pouvoir d'Hitler en janvier. Brassards à croix gammée, saluts hitlériens, drapeaux pendant aux fenêtres : en quelques mois, le NSDAP a transformé l'espace public allemand, prélude à la démolition méthodique des clauses de Versailles qui s'engage cette même année — Photo Robert Sennecke, Narodowe Archiwum Cyfrowe, domaine public
Aufmarsch der NSDAP in Nürnberg, 1933 — die erste große Kundgebung des Regimes seit Hitlers Machtübernahme im Januar. Hakenkreuz-Armbinden, Hitlergrüße, aus Fenstern hängende Fahnen: Binnen weniger Monate hatte die NSDAP den öffentlichen Raum Deutschlands verwandelt — ein Vorspiel zum methodischen Abbau der Versailler Bestimmungen, der im selben Jahr einsetzte — Foto Robert Sennecke, Narodowe Archiwum Cyfrowe, gemeinfrei

Die NSDAP, die 1928 nur 2 % der Stimmen erhalten hatte, sah ihren Stimmenanteil 1930 auf 18 % und 1932 auf 38 % steigen. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Der Groll über Versailles war ein entscheidender Faktor für seinen Aufstieg, aber nicht der einzige: Auch die Wirtschaftskrise und die Unterstützung bestimmter konservativer und industrieller Eliten, die glaubten, ihn kontrollieren zu können, spielten eine ausschlaggebende Rolle.

Revanchistische Rhetorik und Remilitarisierung

Einmal an der Macht, ging Hitler methodisch daran, die Klauseln des Versailler Vertrags zu demontieren. Er führte die allgemeine Wehrpflicht wieder ein, startete ein massives Aufrüstungsprogramm und remilitarisierte 1936 in eklatanter Verletzung des Vertrags das Rheinland.

Un blindé allemand franchit la frontière autrichienne à Schärding, le 13 mars 1938 — jour de la proclamation officielle de l'Anschluss. L'écusson autrichien surplombe encore l'arche, les panneaux de douane sont toujours en place ; dans quelques instants, ils n'auront plus aucun sens. Un an plus tard, à quelques kilomètres de là, ce jour sera immortalisé en pierre à Oberschützen — Photo Bundesarchiv
Ein deutsches Panzerspähfahrzeug überquert am 13. März 1938 die österreichische Grenze bei Schärding — dem Tag der offiziellen Proklamation des Anschlusses. Das österreichische Wappen thront noch über dem Torbogen, die Zollschilder stehen noch an ihrem Platz; wenige Augenblicke später werden sie bedeutungslos sein. Ein Jahr später, wenige Kilometer entfernt, wird dieser Tag in Oberschützen in Stein verewigt werden — Foto Bundesarchiv
Le « Anschlussdenkmal » d'Oberschützen (Burgenland), tel qu'il apparaît aujourd'hui — a été le plus grand monument national-socialiste jamais construit sur le sol autrichien, inauguré le 21 mai 1939 pour célébrer l'Anschluss de mars 1938. Sa construction avait mobilisé toute la population locale, enfants compris, dans plus de 33 000 heures de travail bénévole. Depuis 1997, une plaque y appelle à en faire un lieu de mémoire « contre la dictature, contre la violence, contre le racisme » — Photo Wikipedia
Das „Anschlussdenkmal“ von Oberschützen (Burgenland), wie es sich heute darstellt — das größte je auf österreichischem Boden errichtete nationalsozialistische Denkmal, eingeweiht am 21. Mai 1939 zur Feier des Anschlusses vom März 1938. Sein Bau mobilisierte die gesamte örtliche Bevölkerung, Kinder eingeschlossen, in mehr als 33.000 freiwilligen Arbeitsstunden. Seit 1997 ruft eine dort angebrachte Tafel dazu auf, daraus einen Gedenkort „gegen Diktatur, gegen Gewalt, gegen Rassismus“ zu machen Foto Wikipedia

Der Anschluss Österreichs im März 1938 und dann der Sudetenländer im September 1938 folgten derselben Logik, stets im Namen der Wiederherstellung der nationalen Ehre — ein Nationalismus, der unter der NS-Ideologie zu einer Doktrin rassischer Überlegenheit und brutalen Expansionismus pervertiert wurde.

Appel pour un dépôt d’une gerbe en l’honneur de Sedan — Archives allemandes (1928)
Aufruf zur Niederlegung eines Kranzes zu Ehren von Sedan — Deutsche Archive (1928)

Der Zweite Weltkrieg und die Symbolik von Sedan, dann von Rethondes

Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 löste den Zweiten Weltkrieg aus. Im Frühjahr 1940 startete die deutsche Armee ihre Offensive im Westen und überrannte rasch die Niederlande, Belgien, Luxemburg und dann Frankreich. Der deutsche Durchbruch durch die Ardennen und der Übergang über die Maas bei Sedan im Mai 1940 waren von enormer strategischer und symbolischer Bedeutung: Dieser Sieg, bei dem die französischen Streitkräfte überrannt und in die Flucht geschlagen wurden, glich einer umgekehrten und verschärften Wiederholung der französischen Niederlage von 1870 — genau an dem Ort, an dem Bismarck 1870 die Revanche für Auerstedt hatte Wirklichkeit werden sehen.

Carte d'état-major : la percée allemande à travers les Ardennes, mai 1940. Contournant la ligne Maginot par le nord (en hachures, à droite), les divisions blindées de Guderian et Kleist franchissent la Meuse à Sedan le 13 mai, ouvrant la brèche (en rose) qui isolera les armées alliées engagées en Belgique — Source : Cartes d'état-major, West Point Atlas of American Wars
Generalstabskarte: der deutsche Durchbruch durch die Ardennen, Mai 1940. Die Panzerdivisionen Guderians und Kleists umgehen die Maginot-Linie im Norden (schraffiert, rechts) und überqueren am 13. Mai die Maas bei Sedan, wodurch die Bresche (rosa) entsteht, die die in Belgien eingesetzten alliierten Armeen isolieren wird — Quelle: Generalstabskarten, West Point Atlas of American Wars

Doch erst einen Monat später, an einem anderen Erinnerungsort, sollte Hitler die stärkste symbolische Geste setzen: Am 22. Juni 1940 bestand er darauf, dass der deutsch-französische Waffenstillstand in demselben Eisenbahnwaggon unterzeichnet wurde, in Rethondes bei Compiègne, in dem Deutschland 1918 zur Unterzeichnung seiner eigenen Kapitulation gezwungen worden war.

Le 21 juin, Ribbentrop, Keitel (de profil), Göring, Hess, Hitler, Raeder (caché par Hitler) et Brauchitsch, devant le wagon de l'Armistice.
Am 21. Juni: Ribbentrop, Keitel (im Profil), Göring, Hess, Hitler, Raeder (hinter Hitler verdeckt) und Brauchitsch vor dem Waggon des Waffenstillstands — Foto Bundesarchiv

Diese bewusste Inszenierung — das besiegte Frankreich zweiundzwanzig Jahre später, in identischer Kulisse, die Demütigung nacherleben zu lassen, die Deutschland erlitten hatte — war eine bewusste Manipulation des kollektiven Gedächtnisses zu Zwecken der psychologischen Kriegsführung, mit dem Ziel, den Sieg von 1940 als Vollendung eines langen Kreislaufs der Rache zu krönen — von Sedan über Versailles bis Rethondes.

Bundesarchiv_— Le 22 juin 1940, l’armistice est signé en forêt de Compiègne — Photo Bindesarchiv
Die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 22. Juni 1940 in Rethondes, im Wald von Compiègne: links General Keitel, rechts die französische Delegation mit General Huntziger, flankiert von Luftwaffengeneral Bergeret und Vizeadmiral Le Luc (im Profil, rechts) — Foto Bundesarchiv
Hitler visite Paris au petit matin, sa seule visite dans la capitale française — dont il repartira dans les heures suivantes pour n'y jamais revenir. La date exacte de cette « Blitz Besuch » reste débattue par les historiens (23 ou 28 juin 1940) ; certains y voient un choix délibéré, tombant vingt et un ans jour pour jour après la signature du traité de Versailles, mais cette coïncidence calculée n'est pas établie avec certitude. Sedan, Rethondes, puis Paris : la mise en scène de la revanche de 1940 s'achève ici, sous la tour Eiffel — Photo Bundesarchiv
Hitler besucht Paris am frühen Morgen — sein einziger Besuch in der französischen Hauptstadt, aus der er innerhalb weniger Stunden abreisen und nie wieder zurückkehren wird. Das genaue Datum dieses „Blitzbesuchs“ bleibt unter Historikern umstritten (23. oder 28. Juni 1940); manche sehen darin eine bewusste Wahl, die genau einundzwanzig Jahre nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags fällt, doch diese berechnete Koinzidenz ist nicht mit Sicherheit belegt. Sedan, Rethondes, dann Paris: Die Inszenierung der Revanche von 1940 endet hier, unter dem Eiffelturm — Foto Bundesarchiv

Besatzung und Kollaboration

Frankreichs rasche Niederlage im Juni 1940 war ein nationales Trauma. Das Land wurde geteilt, mit einer von Deutschland besetzten Zone im Norden und entlang der Atlantikküste sowie einer „freien Zone“ im Süden unter dem Vichy-Regime Marschall Pétains, das sich auf eine Politik der Kollaboration mit dem NS-Besatzer einließ. Diese Zeit der Besatzung, der Entbehrungen, der Repression und der Kollaboration markierte den tiefsten Punkt der französischen Souveränität und ein besonders dunkles Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen.

Défilé de la Wehrmacht sur les Champs-Élysées le 14 juin 1940 — Photo Bundesarchivv
Wehrmachtsparade auf den Champs-Élysées, 14. Juni 1940 — Foto Bundesarchiv

Für Frankreich waren die Niederlage von 1940 und die Besatzung eine tiefe Demütigung. Für Deutschland endete der Krieg mit einer totalen Niederlage, massiven Zerstörungen, der Enthüllung des Grauens der Shoah und der Teilung des Landes.

Entrevue de Montoire entre Philippe Pétain et adolf Hitler
Das Treffen von Montoire, 24. Oktober 1940: der Händedruck zwischen Marschall Pétain und Adolf Hitler, der sechs Tage später dazu dienen sollte, Frankreichs Eintritt in „den Weg der Kollaboration“ öffentlich zu legitimieren. Zweiundzwanzig Jahre, nachdem er als Oberbefehlshaber der siegreichen französischen Armeen der symbolische Sieger von Rethondes gewesen war, findet sich Pétain nun auf der anderen Seite der Geschichte wieder — Staatsoberhaupt eines besiegten Staates, der sein Überleben mit dem Architekten der Revanche von 1940 selbst verhandeltFoto Bundesarchiv

Zwei ausgeblutete Nationen, ein Kontinent in Trümmern, und ein Kreislauf der Vergeltung, der diesmal seine absolute Grenze erreicht zu haben schien — jenen Punkt, jenseits dessen nichts mehr zu rächen bleiben konnte, so vollständig war die Vernichtung auf beiden Seiten gewesen.

Le « chef de l’État français » et le premier gouvernement du régime de Vichy, photo prise sur la terrasse du pavillon Sévigné à Vichy en juillet 1940. De g. à d. : Pierre Caziot, François Darlan, Paul Baudouin, Raphaël Alibert, Pierre Laval, Adrien Marquet, Yves Bouthillier, Philippe Pétain, Émile Mireaux, Maxime Weygand, Jean Ybarnégaray, Henry Lémery, François Piétri, Louis Colson. Source Wikipedia
Das „Staatsoberhaupt Frankreichs“ und die erste Regierung des Vichy-Regimes, fotografiert auf der Terrasse des Pavillon Sévigné in Vichy im Juli 1940. Von links nach rechts: Pierre Caziot, François Darlan, Paul Baudouin, Raphaël Alibert, Pierre Laval, Adrien Marquet, Yves Bouthillier, Philippe Pétain, Émile Mireaux, Maxime Weygand, Jean Ybarnégaray, Henry Lémery, François Piétri, Louis Colson — Quelle: Wikipedia

Auf diesen Trümmern, auf diesem Feld moralischer Verwüstung, sollte sich, allen Erwartungen zum Trotz, ein Versöhnungsprozess in Gang setzen.

Der vierte Teil dieser Serie wird dieser unwahrscheinlichen Wende folgen: wie es zwei Staatsmännern, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, gelang, siebzig Jahre zyklischer Feindschaft in eine gründende Partnerschaft für Europa zu verwandeln — und was uns diese Wende heute noch lehren kann.

Joël-François Dumont

Siehe auch:

Analyse: Warum 1945 nicht 1918 war

Dieser Höhepunkt verdient einen Moment des Innehaltens, bevor man das Blatt zur Versöhnung wendet. Der in den ersten beiden Teilen dieser Serie beschriebene Mechanismus — Demütigung, gepflegter Groll, aufgeschobene Rache — funktionierte 1940 ein letztes Mal mit verheerender Wucht: die bewusste Wahl von Rethondes, das Anklingen von Bismarcks Worten bei Sedan — all das deutet darauf hin, dass die damaligen deutschen Machthaber ganz bewusst glaubten, in direkter Kontinuität zu 1870 und 1918 zu handeln. Der Kreislauf reproduzierte sich genau so, wie er konzipiert worden war — bis zu seinem logischen, erschreckenden Ende.

Doch 1945 unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von 1871 oder 1918: Diesmal gibt es keinen Sieger mehr, der in der Lage wäre, den anderen zu demütigen, ohne sich dabei selbst zu zerstören. Frankreich verfügte 1945 nicht über die Mittel für einen Versailles vergleichbaren Diktat Frieden — es ging selbst erschöpft aus der Besatzung hervor. Und Deutschland, konfrontiert mit dem Ausmaß seiner eigenen Verbrechen, verfügte nicht mehr über denselben psychologischen Nährboden, um einen neuen, legitimen nationalen Groll zu kultivieren. Vielleicht war es diese doppelte Unmöglichkeit, mehr als ein plötzlicher Anflug von Tugend, die die Tür öffnete — vorausgesetzt, Staatsmänner wussten sie zu nutzen.