Sachsen-Anhalt: Die russische Desinformationskampagne vor der Wahl

In den letzten Tagen vor der Wahl am 6. September versuchte eine von den deutschen Behörden dem Netzwerk „Storm-1516“ zugeschriebene Einflussoperation — verbunden mit dem russischen Militärgeheimdienst (GRU) —, die Briefwahl in Sachsen-Anhalt zu diskreditieren. Es war kein Einzelfall: Dieselbe Kampagne hatte bereits wenige Wochen zuvor den amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU) über einen gefälschten Klon der Website der Süddeutschen Zeitung ins Visier genommen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein seit dem Freitag vor der Wahl verbreitetes Video wollte angeblich zeigen, wie ein Verwaltungsmitarbeiter vorab Briefwahlumschläge öffnete und AfD-Stimmzettel systematisch mit großflächigen Kreuzen ungültig machte.
  • Das Video weist eklatante Widersprüche auf: Die drei sichtbaren Stimmzettel sind auf denselben Namen ausgestellt, und es fehlt ihnen die Eck-Lochung, mit der deutsche Wahlbehörden Stimmzettel mithilfe von Schablonen authentifizieren.
  • Die deutschen Nachrichtendienste schreiben das gefälschte Video „Storm-1516“ zu, einer Einflussoperation, die sie mit dem GRU in Verbindung bringen.
  • Dasselbe Netzwerk hatte bereits wenige Wochen zuvor falsche Vorwürfe gegen Sven Schulze über einen betrügerischen Klon der Website der Süddeutschen Zeitung verbreitet — aufgegriffen von englischsprachigen Konten mit insgesamt über 100.000 Followern.
  • Am Wahltag selbst wurde kein tatsächlicher Wahlbetrug festgestellt; die Stimmenauszählung bleibt in Deutschland grundsätzlich öffentlich und für jedermann vor Ort beobachtbar.

von Joël-François Dumont — Berlin, 8. September 2026.

Ein bereits erprobtes Szenario

Die Operation kommt nicht aus dem Nichts. Laut der Leipziger Volkszeitung vom 7. September hatte dieselbe Kampagne bereits wenige Wochen vor der Wahl zugeschlagen und dabei direkt Sven Schulze ins Visier genommen: Ein gefälschter Klon der Website der Süddeutschen Zeitung diente als Grundlage für erfundene Vorwürfe gegen den amtierenden Ministerpräsidenten, die von mehreren englischsprachigen X-Konten aufgegriffen und verstärkt wurden — darunter einige mit über 100.000 Followern, die normalerweise eher verschwörungsideologische, pro-iranische oder israelfeindliche Inhalte verbreiten. Das Vorgehen beim Video zur Briefwahl, das ab dem Freitag vor der Wahl verbreitet wurde, folgt demselben Verbreitungskanal.

Ein gefilmter Betrug — aber grob gefälscht

Das in Umlauf gebrachte Video sollte angeblich zeigen, wie ein Wahlamtsmitarbeiter Briefwahlumschläge vorzeitig öffnet und für die AfD abgegebene Stimmzettel methodisch mit großen Kreuzen ungültig macht. Die Montage hält jedoch einer genauen Prüfung nicht stand: Alle drei in der Sequenz sichtbaren Stimmzettel tragen denselben Wählernamen, und keiner weist die Eck-Lochung auf, mit der echte deutsche Wahlunterlagen mithilfe vorgesehener Schablonen von den Wahlbehörden authentifiziert werden. Eine erkennbare Fälschung also, verbreitet jedoch im sensibelsten Moment des Wahlkalenders.

Storm-1516 und der GRU

Nach Erkenntnissen der von der Leipziger Volkszeitung zitierten deutschen Nachrichtendienste unterhält die hinter dieser Kampagne stehende Gruppierung — bekannt als „Storm-1516“ — enge Verbindungen zum russischen Militärgeheimdienst (GRU). Es ist nicht das erste Mal, dass dieses Netzwerk im Zusammenhang mit Operationen gegen deutsche Wahlen identifiziert wird; seine bereits von mehreren westlichen Sicherheitsdiensten festgestellte Handschrift besteht in der Kombination aus Deepfakes oder groben Montagen, Klon-Websites legitimer Medien und der Verbreitung über X-Konten mit vorbestehend großer, aber thematisch nicht mit deutscher Politik verbundener Reichweite.

Maßgeblich betrieben wird das Netzwerk von John Mark Dougan, einem ehemaligen stellvertretenden Sheriff aus Florida, der 2016 nach einer FBI-Razzia in seinem Haus nach Russland floh — und im Dezember 2025 als erster US-Bürger von der Europäischen Union wegen Einflussoperationen gegen westliche Länder sanktioniert wurde. Laut europäischen Geheimdienstunterlagen, die der Washington Post vorliegen, wird die Finanzierung der Server und der generativen KI-Werkzeuge des Netzwerks der GRU-Einheit 29155 zugeschrieben, die von Oleg Kuschnir geleitet wird; die operative Koordination soll der GRU-Offizier Yury Choroschenki übernehmen, der auch die Hackergruppe Ember Bear beaufsichtigen soll.

Storm-1516 agiert dabei nicht allein: Bloomberg beschreibt das Netzwerk als eine von mehreren komplementären russischen Kampagnen, darunter insbesondere die Operation „Doppelgänger“, die auf das Klonen von Websites legitimer Medien spezialisiert ist (Bild, The Guardian, ANSA sowie in der französischen Version Le Monde und Le Figaro), um dort pro-kremlnahe Desinformation zu verbreiten — ein Phänomen, das wir bereits 2023 dokumentiert haben (siehe « Cherchez l’intrus ! (Opération Doppelgänger) »). Die Beobachtung dieser russischen Einflussnetzwerke verdankt Europa vor allem zwei besonders leistungsfähigen Diensten viel: Viginum, dem französischen Dienst zur Wachsamkeit gegen ausländische digitale Einmischung, angesiedelt beim SGDSN, und EUvsDisinfo, der Beobachtungsstelle des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) in Brüssel — beide mehrfach in diesem Artikel zitiert.

Die von Analysten „Matroschka“ getaufte Vorgehensweise des Netzwerks folgt einem eingespielten Dreischritt: Ein Video, das als Aufnahme eines „Whistleblowers“ oder „Bürgerjournalisten“ präsentiert wird, taucht auf einem neu angelegten Kanal auf; der Inhalt wird anschließend von einem Netzwerk gefälschter, sich als unabhängig ausgebender Nachrichtenseiten aufgegriffen; schließlich wird er von russischen Emigranten, politischen Verantwortlichen und Sympathisanten verstärkt. Weltweit wird Storm-1516 mehr als 171 gefälschte Websites, 32 einzelne Falschnarrative und über 67 Millionen kumulierte Aufrufe in sechzehn Sprachen zugeschrieben, mit dokumentierten Einmischungsversuchen bei mindestens sieben verschiedenen Wahlen weltweit, darunter in Deutschland, Moldau und den Vereinigten Staaten.

Eine Desinformation, die paradoxerweise der Erzählung der AfD selbst dient

Die Wahl des Themas — der angebliche Betrug bei der Briefwahl — ist nicht beliebig. Die Leipziger Volkszeitung weist darauf hin, dass die deutsche extreme Rechte seit Langem selbst behauptet, ohne dafür je Beweise vorzulegen, die Briefwahl werde manipuliert. In den Wochen vor der Wahl hatten AfD-Politiker gemeinsam mit dem rechtsextremen Verein „Ein Prozent“ zur Mobilisierung bürgerschaftlicher „Wahlbeobachter“ aufgerufen. Die russische Desinformationskampagne und die AfD-Rhetorik zum Wahlbetrug laufen somit zusammen, ohne dass sich zum jetzigen Zeitpunkt feststellen ließe, ob es sich um eine bewusste Koordination oder um ein bloßes Zusammentreffen der Interessen zweier Akteure handelt, die beide ein Interesse daran haben, das Vertrauen in den deutschen Wahlprozess zu untergraben.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), der im Anschluss ein Schutzprogramm gegen hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur ankündigte, fasste das allgemeine Klima in einem Interview mit der Bild am Sonntag zusammen: Russlands hybride Angriffe — eingeschleuste Agenten in Städten, Cyberangriffe, Sabotage — seien inzwischen „tägliche Realität“.

Kein nachgewiesener Betrug

Nach Abschluss der Auszählung wurde in Sachsen-Anhalt kein Versuch von Wahlbetrug festgestellt. Das deutsche System gilt in diesem Punkt im internationalen Vergleich weiterhin als eines der sichersten: Die Stimmenauszählung ist grundsätzlich öffentlich, und jede interessierte Person kann ihr vor Ort beiwohnen, sofern sie den Zählvorgang nicht stört.

Joël-François Dumont

Quellen:

Leipziger Volkszeitung — Auswertung der deutschen Presse vom 7. September 2026. Washington Post, Bloomberg, Meduza, EDMO/Viginum, Ukrainian Week — zum Profil des Netzwerks Storm-1516.

Siehe auch:

Hintergrund — Wenn sich die Infrastruktur der Propaganda ändert

Der Fall des von Yandex, dem russischen Technologiekonzern, entwickelten KI-Assistenten „Alice“ verdient es, über die bloße Anekdote hinaus betrachtet zu werden, weil er schwarz auf weiß dokumentiert, was Storm-1516 nur indirekt veranschaulicht: Staatliche Propaganda wird nicht mehr allein über Fernsehsender oder soziale Netzwerke exportiert, sondern inzwischen über die Alltagsgegenstände der digitalen Welt — eine Suchmaschine, einen smarten Lautsprecher, einen Sprachassistenten.

Die eindrücklichste Episode wurde von unabhängigen Forschern dokumentiert (Studie 2026 von Ihor Samokhodskyi, Gründer von Policy Genome, zitiert von EUvsDisinfo, der Beobachtungsstelle des Europäischen Auswärtigen Dienstes). Auf Russisch nach dem Massaker von Butscha gefragt, erzeugte Alice zunächst eine sachlich korrekte Antwort — nein, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Ukraine dieses Massaker organisiert habe —, bevor diese Antwort augenblicklich gelöscht und durch ein einprogrammiertes Ausweichmanöver ersetzt wurde: „Es gibt Themen, bei denen ich mich irren könnte, da schweige ich lieber.“ Das Modell kannte die Wahrheit; das System löschte sie, bevor sie den Nutzer erreichte. Auf Englisch gestellt, löste dieselbe Frage diese Zensur nicht aus — ein Hinweis darauf, dass die Filterung gezielt das russischsprachige Publikum betrifft.

Das ist kein Zufall, sondern erklärte Politik. Bereits 2024 warf Dmitri Medwedew Alice öffentlich „Feigheit“ bei heiklen Themen vor; seither stuft ein am Institut für Sozialwissenschaften der Präsidialakademie Russlands entwickeltes „Bewertungskriterium für die Wahrung der ideologischen Souveränität“ russische KI-Systeme danach ein, wie stark sie sich an die Sprachregelungen des Kremls halten — Alice belegt dabei den ersten Platz. Eine Dokumentenleck, das der Social Design Agency zugeschrieben wird, einer Organisation unter direkter Aufsicht der russischen Präsidialverwaltung, brachte zudem gezielte Operationen ans Licht, die darauf abzielen, die von KI-Systemen in bestimmten geografischen Zielgebieten erzeugten Ergebnisse zu „vergiften“, um die Antworten zu steuern, die Nutzer erhalten, wenn sie sich über ihre lokalen Machthaber oder bevorstehende Wahlen informieren.

Die Parallele zu Storm-1516 ist kein Zufall: Beide Operationen folgen derselben strategischen Logik, wirken aber auf zwei unterschiedlichen Ebenen desselben Systems. Storm-1516 verschmutzt die vorgelagerte Ebene — es überschwemmt das offene Internet mit fabrizierten Inhalten, in der Erwartung, dass westliche KI-Modelle, die mit öffentlich zugänglichen Daten trainiert werden, diese irgendwann aufnehmen und als Fakten wiedergeben. Yandex hingegen kontrolliert die nachgelagerte Ebene direkt: Es muss niemanden vergiften, da es das Modell, die Plattform und den Endnutzer selbst besitzt. Das eine mogelt sich in die Regeln des westlichen Spiels; das andere hat sich auf eigenem Terrain schlicht von jeder Regel befreit.

Das Problem geht weit über Russland selbst hinaus. Der Yandex-Browser mit integrierter Alice beansprucht weltweit 71 Millionen monatlich aktive Nutzer — mehr als ein bloßes russisches Werkzeug, ein globaler Akteur der KI für Endverbraucher. Seine Präsenz außerhalb Russlands ist alles andere als marginal: rund 34,5 % Marktanteil in Belarus, 28,5 % in Kasachstan, und eine reale, wenn auch kleinere Präsenz in mehreren baltischen EU-Mitgliedstaaten — 10 % in Lettland, 7 % in Estland, 6,2 % in Litauen, trotz Sperrmaßnahmen einiger dieser Staaten. Die smarten Alice-Lautsprecher, offiziell nicht in der EU vermarktet, finden sich dort dennoch problemlos über Wiederverkäufer mit Sitz in Lettland selbst oder über Plattformen wie eBay.

Was dieser Fall verdeutlicht, ist eher ein Wechsel der Infrastruktur als ein Wechsel der Methode. Autoritäre Regime haben lange versucht, das Fernsehen zu kontrollieren; nun lernen sie, den Algorithmus zu kontrollieren. Der Unterschied ist nicht nur technischer Natur: Eine verzerrte Fernsehnachricht ist als solche erkennbar, mit einer identifizierbaren redaktionellen Linie und einer offen zutage tretenden oder angeprangerten Voreingenommenheit. Eine Chatbot-Antwort hingegen präsentiert sich als neutrale Zusammenfassung, ohne Gesicht, ohne erkennbare Redaktion — was sie für den Nutzer, der sie erhält, umso schwerer anfechtbar macht. Zum ersten Mal exportiert sich staatliche Propaganda nicht mehr als Inhalt, den man bewusst aufruft, sondern als Funktion, die man beiläufig installiert, neben einer Navigations-App oder einem Lieferdienst.

Für die europäischen Demokratien ergibt sich eine doppelte Lehre. Erstens muss die Wachsamkeit gegenüber klassischen Desinformationskampagnen — gefälschte Videos, Fake-Websites, koordinierte Konten — nun auch auf die technische Vorstufe ausgeweitet werden: Welche KI-Modelle nutzen die Bürger, mit welchen Daten wurden sie trainiert, und vor allem, wer kontrolliert ihre endgültige Ausgabe? Zweitens, und das ist vielleicht der unbequemste Punkt: Die Grenze zwischen „ausländischer Propaganda“ und „importiertem Technologieprodukt“ verschwimmt zunehmend, je mehr sich diese Werkzeuge in den digitalen Alltag einfügen — eine Herausforderung für die informationelle Souveränität, die sich, anders als die Brandmauer bei Wahlen, nicht durch eine einfache Abstimmung lösen lässt.