Sachsen-Anhalt: Die AfD-Flutwelle

Am Sonntag, den 6. September, wählten 1,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Das Ergebnis — eine AfD nahe 44 %, eine am Boden liegende CDU, eine SPD, die den Schaden begrenzt, ohne sich zu erholen — wurde von den Spitzen beider Regierungs-parteien selbst, in Magdeburg wie in Berlin, als „Zäsur“ bezeichnet. Die Süddeutsche Zeitung ging noch weiter und urteilte, „die Bundesrepublik, die als Gegenentwurf zum NS-Verbrecherstaat gegründet wurde, ist nicht mehr immun gegen die extreme Rechte der AfD“. Das Ergebnis verdient es, jenseits der ersten Fassungslosigkeit gelesen zu werden — mit den Nuancen, die sich die deutsche Presse selbst nur mühsam abringt.

„Die AfD gewinnt Sachsen-Anhalt“, titelt die Süddeutsche Zeitung nüchtern. Handelsblatt und Berliner Zeitung sprechen von einem „historischen Sieg für die AfD“. Im Gegenzug spricht Die Welt von einem „Rück-schlag für die CDU“, während FAZ und Tagesspiegel deutlicher von einem „Zusammenbruch der CDU“ sprechen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die AfD unter Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (35) gewinnt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 % der Stimmen (+23,6 Punkte gegenüber 2021) — ihr bestes Landesergebnis seit ihrer Gründung 2013.
  • Die CDU des scheidenden Ministerpräsidenten Sven Schulze (47) stürzt auf 17,2 % ab (−19,9 Punkte): buchstäblich halbiert.
  • Die SPD erreicht rund 9 % — ein schwaches, aber im Vergleich zu ihren jüngsten ostdeutschen Ergebnissen kontinuierliches Resultat, keineswegs der Absturz, wie ihn etwa die französische Sozialistische Partei erlebt hat.
  • Die FDP fliegt aus dem Landtag (2,3–2,6 %); das BSW von Sahra Wagenknecht schafft mit knapper Not den Einzug (5,0–5,3 %).
  • Rekord-Wahlbeteiligung: 78 %, so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung.
  • Das Spiegel-Titelbild vom 13. August („Der gefährlichste Mann Deutschlands“) bleibt ein Lehrbuchbeispiel für einen medialen Bumerangeffekt.
Le séisme électoral en Saxe-Anhalt, en un graphique : l’AfD plus que double son score (20,2 % → 43,8 %), la CDU s’effondre de vingt points (37,1 % → 17,2 %), quand le SPD se maintient et que le FDP disparaît du Landtag — Infographie © European-Security.com — Source : Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt.
Le séisme électoral en Saxe-Anhalt, en un graphique : l’AfD plus que double son score (20,2 % → 43,8 %), la CDU s’effondre de vingt points (37,1 % → 17,2 %), quand le SPD se maintient et que le FDP disparaît du Landtag — Infographie © European-Security.com — Source : Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt.

Was dieses Ergebnis wirklich über Deutschland aussagt

von Joël-François Dumont — Berlin, den 7.September 2026.

1. Wie lässt sich ein solches AfD-Ergebnis erklären?

Drei unterschiedliche, aber kumulative Erklärungsebenen werden von den Meinungsforschungsinstituten (Infratest dimap, ARD-Deutschlandtrend) dokumentiert und diese Woche von zahlreichen deutschen Medien aufgegriffen:

Eine alte strukturelle Ebene. Sachsen-Anhalt trug lange den Beinamen „Land der roten Laterne“ des wiedervereinigten Deutschlands — 24,1 % Arbeitslosigkeit im Jahr 2002 — und seine Bevölkerung ist seit 1990 um ein Viertel geschrumpft (Süddeutsche Zeitung, 5. September). Es handelt sich ebenso sehr um eine Stimme der territorialen Abwertung wie um eine ideologische.

Eine migrationspolitische Ebene, seit 2015 wiederbelebt und dann durch die Ukraine-Krise verstärkt: Unterbringung von Geflüchteten, wahrgenommene Unsicherheit, das Gefühl, Berlin entscheide ohne Rücksprache.

Eine Ebene des Misstrauens gegenüber dem „Block“ der Regierungsparteien, die als austauschbar wahrgenommen werden — vier Themen wurden von den Wählern laut Infratest dimap als entscheidend genannt: das Misstrauen gegenüber CDU, SPD, FDP & Co., soziale Sicherheit, Wirtschaft und Migration.

Eine Zahl verdeutlicht das Ausmaß des Phänomens: Die AfD lag in allen Alters-, Geschlechts-, Bildungs- und Einkommensgruppen vorn und mobilisierte auch unter Erst-wählern stark. Die Süddeutsche Zeitung fasst zusammen: Es ist „die Niederlage der Mitte“ — nicht bloß der Durchbruch einer auf eine bestimmte soziale Gruppe begrenzten Protestwahl.

Ein bemerkenswerter Gegenpunkt sei erwähnt, wenige Tage vor der Wahl von der Westfälischen Rundschau veröffentlicht: Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) fehlen in Ostdeutschland 191.000 Fachkräfte — ein um 5,3 Punkte höheres Defizit als im Westen. Die Region, die am stärksten auf Arbeitsmigration angewiesen ist, ist zugleich diejenige, die am massivsten gegen sie stimmt.

Friedrich Merz à Erfurt-2024-0821-— Photo © Stepro
Friedrich Merz à Erfurt-2024-0821-— Photo © Stepro

2. Erklärt sich das Ost-West-Wahlverhalten durch DDR-Nostalgie?

Das ist der verbreitetste Reflex — und einer der umstrittensten in der deutschen Debatte selbst. In einem viel beachteten Kommentar der FAZ vom 5. September („Die Ignoranz des Westens“) räumt Korrespondent Stefan Locke mit dem Ritual auf, bei jeder Wahl über die Ostdeutschen zu psychologisieren, und erinnert daran, dass die AfD „kein isoliertes ostdeutsches Problem, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen“ sei: In Rheinland-Pfalz (Westen) holte sie im März 19,5 %, in Baden-Württemberg 18,8 %.

Angela Merkel, chancelière fédérale, à Berlin (octobre 2018) — sa politique d’accueil de 2015 reste au cœur du débat sur les origines de la radicalisation de l’AfD, huit ans après son départ de la chancellerie — Photo PX © M.H.
Angela Merkel, chancelière fédérale, à Berlin (octobre 2018) — sa politique d’accueil de 2015 reste au cœur du débat sur les origines de la radicalisation de l’AfD, huit ans après son départ de la chancellerie — Photo PX © M.H.

Ein Wort zur Geschichte der Partei selbst ist an dieser Stelle nötig, die zu oft vorschnell auf „die von Merkel geschaffene AfD“ verkürzt wird. Chronologisch ist das unzutreffend: Die AfD wurde 2013 von euro-kritischen Ökonomen um Bernd Lucke gegründet, als Reaktion auf die Eurorettungspakete — vor jeder Migrationskrise. Erst die Flüchtlingspolitik von 2015, unter der Kanzlerschaft Merkels beschlossen, ermöglichte es dem identitären Flügel der Partei um Björn Höcke, die Kontrolle über den Apparat zu übernehmen und sie zu dem zu machen, was sie heute ist: eine von mehreren Landesämtern für Verfassungsschutz — darunter dem von Sachsen-Anhalt — als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Partei. Zu sagen, Merkel habe die AfD „geschaffen“, blendet also ihre Phase 2013–2015 aus; zu sagen, ihre Migrationspolitik habe deren Radikalisierung und zweiten Aufschwung befeuert, ist dagegen ein weithin geteiltes Urteil — auch innerhalb der CDU selbst.

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, im selben FAZ-Artikel zitiert, dreht das Argument der Psychologisierung des Ostens um: „Auch der Wessi als solcher kann Diktatur.“

3. Ist die Angst vor Russland im Osten stärker?

Das ist eine wesentliche, kontraintuitive Nuance. Der jüngste ARD-Deutschlandtrend unterscheidet zwei ganz unterschiedliche Ängste:

  • Die Angst vor Eskalation / vor Krieg ist im Osten tatsächlich stärker ausgeprägt.
  • Die Wahrnehmung Russlands als direkte Bedrohung ist im Osten hingegen schwächer: 59 % der Westdeutschen halten Russland für eine starke oder sehr starke Bedrohung der deutschen Sicherheit, im Osten sind es nur 42 % — eine Differenz von 17 Punkten.

Diese beiden Reflexe konvergieren politisch (größere Aufgeschlossenheit gegenüber AfD und BSW, die beide eine Linie gegen Waffenlieferungen und für Dialog mit Moskau vertreten), entspringen aber nicht derselben Quelle. Es ist also weniger das Trauma der sowjetischen Besatzung, das dominiert, als vielmehr eine grundsätzliche Aversion gegen Eskalation — kombiniert mit einem Bild des heutigen Russlands, das im Osten weniger feindselig wahrgenommen wird als im Westen, möglicherweise ein Erbe jahrzehntelanger kultureller Nähe zur UdSSR und später zu Russland. Im Gespräch mit dem Nordkurier am 6. September, mitten auf Wahlkampftour im Osten, brachte es FDP-Chef Wolfgang Kubicki auf den Punkt: „Der Osten ist der Kriegsangst stärker ausgesetzt. Wir müssen unbedingt Eskalationslogiken vermeiden.“

4. Bricht die SPD zusammen wie die französischen Sozialisten 2022?

Nein — und diese Nuance sollte klar benannt werden, da der Vergleich schnell die Runde macht. Die SPD in Sachsen-Anhalt kommt auf rund 9 % (je nach Quelle 8,7 bis 9,3 %) — ein Rückgang, aber in Kontinuität zu ihren jüngsten ostdeutschen Ergebnissen (2021 waren es bereits 8,4 %). Das ist in keiner Weise vergleichbar mit den 2 %, die Anne Hidalgo bei der französischen Präsidentschaftswahl 2022 erzielte. Das eigentliche Erdbeben dieser Wahl ist die halbierte CDU.

Une de Die Welt du 7 septembre 2026 : « AfD triumphiert in Sachsen-Anhalt, CDU halbiert » (« L’AfD triomphe en Saxe-Anhalt, la CDU divisée par deux »). En colonne, l’éditorial d’Helge Fuhst, « Links ist vorbei » (« La gauche, c’est fini »), salue en Siegmund « le vainqueur éclatant de la soirée », dont le score dépasse même le record historique de Björn Höcke en Thuringe. © Die Welt / Axel Springer.
Une de Die Welt du 7 septembre 2026 : « AfD triumphiert in Sachsen-Anhalt, CDU halbiert » (« L’AfD triomphe en Saxe-Anhalt, la CDU divisée par deux »). En colonne, l’éditorial d’Helge Fuhst, « Links ist vorbei » (« La gauche, c’est fini »), salue en Siegmund « le vainqueur éclatant de la soirée », dont le score dépasse même le record historique de Björn Höcke en Thuringe. © Die Welt / Axel Springer.

Gleichwohl ist die strukturelle Diagnose zur europäischen Sozialdemokratie — eine Verschiebung der politischen Achse, der Verlust der Arbeiterbasis zugunsten eines akademisch gebildeten städtischen Wählermilieus, die Fokussierung auf gesellschaftspolitische Themen, während die traditionelle Basis Kaufkraft und Sicherheit forderte — weithin geteilt, auch innerhalb der SPD-Führung selbst. Parteichef Lars Klingbeil bezeichnete das Ergebnis am Sonntagabend als „Zäsur“ und als „einen Abend, der mich betrübt“.

Une du B.Z. du 7 septembre 2026 : « Hier lacht der ‘gefährlichste Mann Deutschlands' » — le B.Z. retourne la Une contestée du Spiegel contre elle-même, au lendemain du triomphe électoral de Siegmund. © B.Z. / Axel Springer.
Une du B.Z. du 7 septembre 2026 : « Hier lacht der ‘gefährlichste Mann Deutschlands‘ » — le B.Z. retourne la Une contestée du Spiegel contre elle-même, au lendemain du triomphe électoral de Siegmund. © B.Z. / Axel Springer.

5. Hat das Spiegel-Titelbild der AfD genutzt?

Am 13. August veröffentlichte der Spiegel (Nr. 34) Siegmund in einem Foto im Stil eines Fahndungsfotos, unter dem Titel „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit musste sich drei Tage später rechtfertigen: Das zusammen, das Umgängliche und das Extreme, machen Siegmund zu einem gefährlichen Mann, aktuell zum gefährlichsten Mann Deutschlands, aus Sicht liberaler Demokraten.“ Er berief sich auf den bekannten Satz des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein: „Sagen, was ist.“

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Die FAZ urteilte, dies könne sich als Bumerang erweisen, und sprach von einer Wahlkampfhilfe für die AfD; Ulf Poschardt (Welt) nannte es einen „traurigen Moment“ für das einst mächtigste Blatt Deutschlands. Siegmund selbst signierte das Titelblatt bei einer Wahlkampf-veranstaltung und machte daraus ein Kampagnenargument. Die taz hingegen verteidigte die redaktionelle Entscheidung, sprach von einer „Fehl- und Überinterpretation“ der Geste und erinnerte daran, dass eine Verharmlosung der Gefahr keineswegs vorzuziehen gewesen wäre. Am 7. September, dem Tag nach der Wahl, brachte das B.Z. das Paradox auf eine Formel: „Hier lacht der ‚gefährlichste Mann Deutschlands‘.“

6. Sind Merz und die Berliner Koalition unmittelbar geschwächt?

Das Ergebnis wird von mehreren Medien als „Belastungsprobe“ für Friedrich Merz‘ schwarz-rote Koalition in Berlin beschrieben. Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) sprach von einer „Zäsur“ und einem „sehr, sehr schwierigen Ergebnis„; CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann nannte es ein Ergebnis, „das wirklich emotional etwas mit uns macht„.

Merz‘ eigene Beliebtheit im Land war vor der Wahl auf 9 % eingebrochen — ein Absturz, den die Berliner Morgenpost unumwunden benennt und Merz als „den größten Verlierer dieser Wahl, der sich neu erfinden muss“ bezeichnet.

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag äußerte sich gegenüber der Berliner Morgenpost in dieselbe Richtung: „Dieses Wahlergebnis markiert eine Zäsur“ für das politische Leben Deutschlands. Die FAZ spricht unverblümt von einem „Schock für Berlin“, und die Presse erwartet bereits eine erneute — gedämpfte, aber reale — Debatte über einen möglichen Kanzlerwechsel während der laufenden Legislaturperiode, auch wenn kein Medium einen unmittelbaren Personalwechsel meldet. Die FAZ vom 7. September verteidigt in ihrem Leitartikel („Keine Experimente“) dennoch die Koalition als die einzig rationale Option der CDU, mangels tragfähiger Alternative.

Une de la Neue Zürcher Zeitung du 7 septembre 2026 : « Erdrutschsieg der AfD — Debakel für die CDU » (« Victoire écrasante de l’AfD — débâcle pour la CDU »). Vue depuis la Suisse, la formule résume l’ampleur du basculement mieux qu’aucun commentaire © NZZ
Une de la Neue Zürcher Zeitung du 7 septembre 2026 : « Erdrutschsieg der AfD — Debakel für die CDU » (« Victoire écrasante de l’AfD — débâcle pour la CDU »). Vue depuis la Suisse, la formule résume l’ampleur du basculement mieux qu’aucun commentaire © NZZ

Politisch betrifft der konkreteste Nachbeben die „Brandmauer“ der CDU. Sven Schulze deutete am Tag nach seiner Niederlage an, „man werde mit diesem Ergebnis umgehen müssen“ — ein zweideutiges Signal für eine mögliche Öffnung, sowohl nach rechts als auch, paradoxerweise, gegenüber der Linken, wie sie in Thüringen bereits lokal praktiziert wird.

7. Und das BSW?

Sahra Wagenknechts Bewegung zieht knapp in den Landtag ein (5,0–5,3 %) und entgeht damit dem, was Bild vor der Wahl als drohende politische „Frührente“ bezeichnet hatte. Ihre Präsenz kompliziert die Gleichung weiter: Ohne absolute AfD-Mehrheit erfordert jede Anti-AfD-Koalition nun ein Bündnis der CDU mit der Linken und/oder dem BSW — ein Szenario, das die CDU eigentlich ausgeschlossen hatte.

Bild bringt die Lage auf den Punkt: „Der steinige Weg zur Regierung“ in Sachsen-Anhalt. Zum jetzigen Zeitpunkt zeichnet sich keine klare Mehrheit ab: Die AfD hat keine absolute Mehrheit, und die CDU hält an ihrer Brandmauer sowohl gegenüber ihr als auch gegenüber der Linken fest. Als stärkste Kraft obliegt es dennoch zunächst der AfD, in den kommenden Tagen einen ersten Versuch zur Bildung einer Regierungsmehrheit zu unternehmen.

8. Hat Washington auf die Wahl eingewirkt?

In den Stunden nach der Verkündung des Ergebnisses kommentierte Elon Musk auf X, auf Deutsch, einen Beitrag von Alice Weidel, in dem sie Siegmund gratulierte: „Gut gemacht!“ Siegmund antwortete auf Englisch, dankte ihm für seine „Unterstützung“ und bot ausdrücklich eine Zusammenarbeit an: „If we take on responsibility here, I would very much welcome the opportunity for a strong and constructive collaboration. Germany would then once again become a place worth investing in.“ Der frühere US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, der wie Musk Trump nahesteht, gratulierte seinerseits: „Ein großer Sieg und ein neuer Tag in Deutschland.“ Trump selbst hatte zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes keine offizielle Stellungnahme abgegeben.

Die Episode wirft ein Schlaglicht auf ein tieferliegendes strukturelles Paradox. Friedrich Merz hat seine Legitimität als Kanzler auf das Versprechen einer unerschütterlichen transatlantischen Bindung gegründet — verlässlicher Partner Washingtons, harter Kurs gegenüber Russland, Treue zur NATO. Und doch ist es die AfD — lange Trägerin einer NATO- und amerikakritischen Rhetorik in Europa —, die heute die öffentliche Zustimmung jener Figuren erhält, die im Umfeld der derzeitigen amerikanischen Macht tatsächlich Gewicht haben. Das Lager, um dessen Bündnis Merz wirbt, ist faktisch nicht mehr dasjenige, das ihn unterstützt.

Joël-François Dumont

Quellen:

ZDFheute, Bild, B.Z., FAZ, Süddeutsche Zeitung, Nordkurier/Demminer Zeitung, taz, NZZ, ARD-Deutschlandtrend, Infratest dimap — Auswertung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Presse vom 31. August bis 7. September 2026.

Analyse — Jenseits von Sachsen-Anhalt

Das AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt lässt sich nicht isoliert betrachten. Es reiht sich ein in einen Rechtsruck, der in den vergangenen Jahren auch anderswo in Europa zu beobachten war — Fratelli d’Italia an der Macht in Rom, Vox fest etabliert in der spanischen Parteienlandschaft, der Rassemblement National in starker Position in Frankreich, Reform UK, das die britische politische Landschaft aufmischt. Was Sachsen-Anhalt diesem Bild hinzufügt, ist der seltene Fall eines Durchbruchs, der erstmals zur Führung eines deutschen Bundeslandes führen könnte — ein Unterschied nicht nur graduell, sondern grundsätzlich gegenüber europäischen populistischen Parteien, die andernorts elektoral Gewicht haben, ohne (bislang) die regionale Exekutive zu übernehmen.

Die bei der Wahl anwesende ausländische Presse — 800 Journalisten aus 70 Medien, so Bild — rahmte das Ereignis als kontinentales Signal statt als rein lokales; das Handelsblatt selbst merkte an, „selten habe eine Wahl in einem ostdeutschen Bundesland derart große nationale wie internationale Medienaufmerksamkeit erregt“. Die Korrespondentin des italienischen Senders RAI, Emma Farnè, sagte der Mitteldeutschen Zeitung: „Es gibt in Italien ein großes Interesse, ob eine rechtsextreme Partei wieder an die Macht kommt. Es besorgt Europa, es besorgt uns.“ Die spanische Zeitung El País wiederum deutete den AfD-Durchbruch als „Symptom der Unzufriedenheit über die Nöte des Landes“ und nicht als ostdeutsche Besonderheit.

Die vielleicht aufschlussreichste Parallele ist eine methodische: Wie der Spiegel im Fall Siegmund haben in den vergangenen Jahren mehrere europäische Redaktionen dieselbe Spannung erlebt — zwischen der Pflicht, vor einer als gefährlich eingeschätzten politischen Figur zu warnen, und dem Risiko, ihr durch das Ausmaß der Berichterstattung eine Bekanntheit zu verschaffen, die sie sonst nicht erlangt hätte. Sachsen-Anhalt erfindet dieses Dilemma nicht neu — es liefert dafür einmal mehr ein Lehrbuchbeispiel.

Die Glückwünsche von Musk und Grenell an Siegmund fügen Sachsen-Anhalt schließlich in eine bereits andernorts in Europa beobachtete Dynamik ein: Das Interesse des Trump-Umfelds an den insurgenten Parteien des Kontinents — ob deutsch, italienisch oder französisch — äußert sich zunehmend weniger in grundsätzlichen Erklärungen als in gezielter, wahl-um-wahl-gestaffelter Unterstützung, je näher diese Parteien der regionalen oder nationalen Macht rücken.