Einordnung: Über den Krieg in der Ukraine

Präsident Putin hält hartnäckig an derselben Rhetorik und denselben Zielen fest: die Ukraine zu „entnazifizieren“, das heißt ihre Führung auszutauschen, ihre Armee zu neutralisieren, einen Nato-Beitritt zu verhindern, den Anschluss aller von ihm annektierten Gebiete an die Russische Föderation zu erwirken und das Land implizit zu unterwerfen, wenn nicht gar langfristig vollständig zu annektieren. Die Ukraine kämpft nach wie vor um ihr Überleben.

Die Wesentlichen

  • Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn bleibt das Kräfteverhältnis ein scheinbares Patt, doch die geostrategischen Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert: Das Gewicht der militärischen Unterstützung hat sich von den Vereinigten Staaten auf die Europäer verlagert, die Mühe haben, das Defizit an Patriot-Flugabwehrraketen auszugleichen.
  • Der Drohnenkrieg hat beide Kriegsschauplätze verändert: An Land ein nahezu erstarrter Schützengrabenkrieg; auf See musste sich die russische Marine nach schweren Verlusten von Sewastopol nach Noworossijsk zurückziehen.
  • Der Admiral erinnert an sein seit 2022 unverändertes Analyseraster: zwei voneinander abhängige Strategien — eine ukrainische, klausewitzianische Überlebensstrategie gegenüber einer westlichen indirekten Strategie, die gemäßigt und nie wirklich geeint war.
  • Die anfänglich gesetzten roten Linien (Reichweitenbeschränkung für Schläge auf russischem Boden) wurden nach und nach überschritten, ohne dass Russland anders reagierte als mit der Fortsetzung des Krieges — die Ukraine hat eine eigene Raketenindustrie aufgebaut und schlägt nun tief im gegnerischen Hinterland gegen Raffinerien und Logistik zu.
  • Die informationelle Unterstützung der Nato bleibt entscheidend und wird von der Trump-Administration nicht infrage gestellt, doch der — durchaus gerechtfertigte — Ruf nach einem defensiven Luftschutzschirm über der Ukraine bleibt bislang unbeantwortet.
  • Seit Trumps Amtsantritt zielt Russland mit hybrider Kriegsführung direkt auf die Europäer — Einmischung, Finanzierung extremistischer Parteien wie der AfD, bereits registrierte Übergriffe (Leipzig) — und zieht sie, ob sie wollen oder nicht, näher an den Konflikt heran.
  • Eine klare, geeinte europäische Strategie zur Beendigung des Krieges zeichnet sich nicht ab; die „Koalition der Willigen“ bleibt eine operative Virtualität ohne Wirkung. Der Admiral fordert, insbesondere in Frankreich, die Alarmstufen im Bereich der operativen Territorialverteidigung anzuheben.
  • Die Unsicherheit über die amerikanische Haltung bleibt vollständig: Weder ein vollständiger Rückzug noch ein separates russisch-amerikanisches Abkommen scheinen kurzfristig auf der Tagesordnung zu stehen, da Washingtons Priorität inzwischen der Krieg im Iran ist.

von Vizeadmiral (a.d.) Christian Girard — Toulon, den 25.September 2026

Ein Kräfteverhältnis, das die Seiten gewechselt hat

Seit mehr als vier Jahren haben sich die geostrategischen Bedingungen, die zu diesem scheinbaren Patt geführt haben, grundlegend verändert. Ursprünglich von den USA und den europäischen Ländern unterstützt, militärisch jedoch vor allem von der Biden-Administration getragen, sah sich die Ukraine mit dem Amtsantritt Donald Trumps diese Last fast vollständig auf die europäischen Länder übertragen — mit der aktuellen Folge, dass der Mangel an US-gelieferten Patriot-Flugabwehrraketen die Luftverteidigung des Landes gefährlich schwächt. Die Europäer sind nicht in der Lage, dieses Defizit ausreichend auszugleichen.

Parallel dazu wurden die Mittel der Kriegsführung durch den Einsatz von Drohnen und die erhebliche Verbesserung ihrer Einsatzprofile, Eigenschaften und Leistungsfähigkeit tiefgreifend verändert. Der Krieg an der Landfront ist ein äußerst verlustreicher Stellungskrieg, nahezu erstarrt in einer Version des Ersten Weltkriegs des 21. Jahrhunderts, in der Drohnen die Hauptwaffe darstellen. Zur See hat, nach anfänglicher russischer Überlegenheit, der Einsatz von Raketen sowie Luft- und Seedrohnen das Gleichgewicht im Nordwesten des Schwarzen Meeres wiederhergestellt und die russische Flotte gezwungen, sich nach schweren Verlusten aus dem Hafen von Sewastopol in Richtung Noworossijsk zurückzuziehen. Der zeitweise blockierte Export ukrainischer Getreideproduktion hat wieder aufgenommen, scheint jedoch erneut durch die russische Gegenreaktion bedroht, die ihrerseits Drohnen gegen den zivilen Seehandelsverkehr einsetzt.

Eine strategische Emanzipation, die sich immer wieder bestätigt

Auf der Ebene der Militärstrategien wurde bereits zu Kriegsbeginn analysiert, dass auf ukrainischer wie auf westlicher Seite zwei Strategien[1] bestanden, von denen die eine von der anderen abhing. Die Ukraine, die um ihr Überleben kämpfte, verfolgte eine klausewitzianische Strategie, die sie zur Eskalation bis zum Äußersten trieb. Der Westen wiederum, sich des Status Russlands als Atommacht bewusst, verfolgte eine indirekte Strategie gemessener, schrittweiser Unterstützung der Ukraine — eine Strategie, die alles andere als einheitlich, ja nicht einmal ausdrücklich formuliert war, faktisch jedoch die Handlungsfähigkeit der Ukraine einschränkte. Dies geschah insbesondere aufgrund der von Russland ausgeübten Einschüchterungsabschreckung[2], das die nukleare Drohung regelmäßig ins Feld führte und weiterhin führt, ebenso sehr aber, und unabhängig von dieser Drohung, aufgrund der westlichen Furcht, direkt in den Konflikt hineingezogen zu werden.

Es war bereits festgestellt worden, dass die ukrainische Strategie zwangsläufig danach streben musste, sich von der ihr auferlegten Vormundschaft zu emanzipieren. Tatsächlich wurden die ihr ursprünglich gesetzten roten Linien — insbesondere die Reichweitenbegrenzung offensiver Waffen auf russisches Territorium — schrittweise überschritten, ohne auf russischer Seite andere Reaktionen als die unbeirrte Fortsetzung des Krieges zu provozieren. Weit bedeutsamer noch: Die Ukraine hat bemerkenswerte Anstrengungen unternommen, um ihre eigene Rüstungsindustrie zu entwickeln, über die der Drohnen hinaus auch im Bereich der Raketen. Sie schlägt heute tief im Gebiet ihres Gegners gegen Raffinerien und logistische Lager zurück, als Vergeltung für die Angriffe, die sie selbst erleidet. Diese strategische Selbstbefreiung kann sich nur fortsetzen und verstärken, um zu versuchen, der russischen „douhetschen“ Strategie der systematischen Zerstörung ukrainischer Infrastruktur durch Bombardierungen jeglicher Art ein Gegengewicht entgegenzusetzen.

Die indirekte Strategie wechselt den Motor

Die informationelle Unterstützung der Nato für die Ukraine ist — sicherlich zu Recht — nicht Gegenstand offener Debatten, obwohl sie militärisch von zentraler Bedeutung ist, da sie den Einsatz sowohl defensiver als auch offensiver Waffensysteme bedingt. Ihr ist ein eigenes Kapitel des bereits zitierten Buches gewidmet[3]. Sie ist grundlegend und scheint von der Trump-Administration nicht infrage gestellt zu werden. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der Ruf nach Errichtung eines „defensiven Luftschilds“ über ukrainischem Territorium — wie er über israelischem Territorium während der iranischen Luftangriffe errichtet wurde — trotz seiner operativen Notwendigkeit und seiner offenkundigen moralischen und rechtlichen Rechtfertigung bislang ungehört verhallt ist. Die von den Westmächten auf die ukrainische Strategie ausgeübten Zwänge haben sich somit schrittweise gelockert, ohne vollständig zu verschwinden. Sie beruhen heute eher auf dem Mangel an unmittelbar verfügbaren Mitteln — vor allem europäischen — als auf der Furcht, sich stärker in der Unterstützung zu engagieren.

Die amerikanische Unbekannte

Es ist besonders schwierig vorherzusagen, wie die amerikanische Haltung ausfallen wird. Über den Wunsch hinaus, sich nicht aktiv an der Unterstützung der Ukraine zu beteiligen, wird der Wille zum Rückzug aus dem europäischen Kriegsschauplatz kurzfristig wahrscheinlich nicht zu einem vollständigen Abzug und zur Aufgabe der amerikanischen Sicherheitsgarantie führen, insbesondere im Bereich der nuklearen Abschreckung. Dies wird die aggressiven Absichten Russlands gegenüber den Nato-Staaten sicherlich begrenzen — der jüngste Besuch des CIA-Direktors in Moskau ist ein Hinweis darauf. Die Aussicht auf ein direktes Abkommen zwischen dem russischen und dem amerikanischen Präsidenten, über die Köpfe der Europäer und Ukrainer hinweg, die zum Zeitpunkt des Treffens in Alaska als Risiko erschienen war, scheint sich zu entfernen. Die amerikanische Priorität liegt heute offensichtlich beim Krieg gegen den Iran.

Die Leerstelle angesichts des hybriden Krieges

Seit Donald Trumps Amtsantritt betrachtet Russland die Europäer als das Haupthindernis für seinen Sieg und entwickelt ihnen gegenüber eine indirekte Strategie mittels eines als hybrid bezeichneten Krieges, der Angst und Verwirrung in der öffentlichen Meinung säen und die Machtübernahme extremistischer, Russland offen wohlgesinnter Parteien wie der AfD in Deutschland begünstigen soll. Diese Situation ist an sich zunehmend gefährlich. Die Häufung von Warnsignalen, wie den bereits in verschiedenen europäischen Ländern festgestellten, Russland zurechenbaren Übergriffen, insbesondere in Leipzig, belegt dies eindeutig.

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Ob sie es wollen oder nicht — die europäischen Länder werden zunehmend in den Krieg in der Ukraine hineingezogen.

Angesichts dieser Lage versuchen die Verantwortlichen, ohne erkennbaren Erfolg, eine öffentliche Meinung zu alarmieren, die nur die steigenden Energiekosten wahrnimmt — deren wirtschaftliche Folgen in Wirklichkeit dem Krieg gegen den Iran geschuldet sind, aber ebenso dem Krieg in der Ukraine zugeschrieben werden.

Die Fortsetzung der rein politischen und finanziellen Unterstützung der Ukraine, so unverzichtbar sie ist, erscheint kurzfristig deutlich unzureichend, gerade jetzt, da dem Land ein weiterer Winter unter furchtbaren Bedingungen bevorsteht. Die „Koalition der Willigen“, eine an sich lobenswerte Initiative, bleibt eine operative Virtualität ohne Wirkung auf die laufenden Operationen oder deren mögliche Beendigung — die doch das unmittelbare und vorrangige Ziel sein sollte. Es gibt somit heute, ebenso wenig wie gestern mit den Amerikanern, keine klare und einheitliche Strategie der europäischen Länder zur Beendigung des Krieges. Es erscheint dennoch unerlässlich, die Alarmstufen anzuheben, insbesondere in Frankreich, im Bereich dessen, was man früher als operative Territorialverteidigung bezeichnete — ein Konzept aus dem Kalten Krieg, das in Vergessenheit geraten schien.

Wie im Ersten Weltkrieg muss die Ukraine mittels der indirekten militärischen Strategie durchhalten, die sie bereits umsetzt, indem sie ihre Verluste an der Frontlinie begrenzt und in der Tiefe des russischen Territoriums handelt, um Wirtschaft und Logistik des feindlichen Militärapparats zu schwächen. Sie muss ihre industrielle Entwicklung, mit Unterstützung der Europäer, fortsetzen, um sich von ausländischen Abhängigkeiten bei deren Einsatz und Logistik zu befreien.

Es wäre heute völlig unrealistisch, irgendeine Änderung der russischen Strategie zu erwarten oder auf einen Regime- oder Führungswechsel zu hoffen, wie es in manchen jüngeren Kommentaren anklingt. Das größte und unmittelbarste Risiko liegt zweifellos in einer Eskalation russischer hybrider Kriegsführung. Dies wirft die Frage nach den notwendigen und möglichen Reaktionen auf solche Angriffe auf, über passive Sicherheitsmaßnahmen hinaus. Werden sie in den Zuständigkeitsbereich der Nato fallen? Wie lassen sie sich auf europäischer Ebene angesichts des gegenwärtigen Zustands der Unionsinstitutionen koordinieren? Wohin können sie führen?

Die Ungewissheit ist vollständig. Die Fragestellung scheint nur selten in Betracht gezogen zu werden./.

Christian Girard

Fußnoten

[1] Strategischer Lagebericht zum Krieg in der Ukraine Ende 2022 – european-security.com

[2] Über den Krieg in der Ukraine, 2025 – Kapitel 6 – Der Schatten des Nuklearen, Éd. L’Harmattan

[3] Über den Krieg in der Ukraine, 2025 – Kapitel 8 – Die informationelle Unterstützung der Nato, Éd. L’Harmattan

[4] Sehen « Guerre en Ukraine : la dimension navale du conflit » — Quelle: Centre d’Études stratégiques de la Marine (CESM), mai 2022.

Einordnung: Über den Krieg in der Ukraine

Dieser Text steht in direkter Kontinuität zu der Analyse, die Admiral Girard seit Beginn des Konflikts ent-wickelt und die er bereits 2023 als „Emanzipation der ukrainischen Strategie“ bezeichnete: die Vorstellung, dass Kiew mit der Zeit zwangsläufig versuchen würde, sich aus dem Korsett der ihm von seinen westlichen Unterstützern auferlegten Beschränkungen zu befreien. Dieser Beitrag bestätigt, dass sich diese Bewegung tatsächlich fortgesetzt hat — Überschreitung der anfänglichen roten Linien, Aufbau einer eigenen Raketenindustrie, Schläge tief im russischen Hinterland —, ohne die anfangs befürchtete nukleare Eskalation auszulösen.

Carte de la guerre en Ukraine 5CESM, Mai 2022)
Häfen, Marinestützpunkte, Meerengen und Gasfelder im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer — Sewastopol, Noworossijsk und die Schlangeninsel erscheinen dabei im Zentrum des Geschehens. Quelle: Centre d’Études supérieures de la Marine, Bulletin Marine Nr. 261, Mai 2022 [4] — geografische Bezugspunkte weiterhin gültig, operative Lage seither weitgehend verändert — Karte, — Carte Marine Nationale © CESM

Was sich hingegen ändert, ist der zweite Teil der Gleichung, die er bereits Ende 2022 aufgestellt hatte: die „indirekte Strategie“ des Westens. Sie ist nicht verschwunden, aber ihr Antrieb hat sich verlagert — von einem Defizit an politischem Willen hin zu einem Defizit an Mitteln, vor allem europäischen, in dem Maße, wie sich Washington aus dem Dossier zurückzieht. Der Admiral verweist damit eher auf eine Verschiebung als auf eine Umkehr: Die Europäer sind nicht mehr nur aus freier Wahl indirekte Unterstützer, sondern zunehmend aus Notwendigkeit, mangels einer Verteidigungsindustrie, die dem amerikanischen Patriot-Defizit gewachsen wäre.

Der schwerwiegendste Punkt, den er anspricht — und den er mit seiner gewohnten Vor-sicht eher als Frage denn als Behauptung formuliert —, betrifft den russischen hybriden Krieg, der sich direkt gegen die europäischen Länder richtet: Einmischung in Wahlen, Finanzierung von Parteien wie der AfD, bereits registrierte Übergriffe. Er entscheidet nicht über die notwendige Antwort (Rolle der Nato, europäische Koordinierung), stellt die Frage aber als die dringlichste und am wenigsten behandelte des Augenblicks — eine strategische Leere, die auf einem anderen Weg an jene institutionellen Leerstellen anknüpft, die die internationale Presse anderswo, auf anderen Schauplätzen, feststellt.