Zwei Nächte, eine Wende
Eine Nacht im Kaukasus, im Juli 1990. Eine Nacht vor dem Reichstag, drei Monate später. Dazwischen wird Deutschland wieder ein voll souveräner Staat — und in der deutsch-französischen Beziehung wird nichts mehr ganz so sein wie zuvor.
Es ist warm, in jener Julinacht 1990, in den Bergen des Kaukasus. An einem im Freien aufgestellten Holztisch unterhalten sich Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow entspannt, fast vertraut — die Szene wirkt eher wie ein Treffen unter Freunden in einer Datscha als wie ein diplomatischer Gipfel. Und doch wird genau hier, in dieser Atmosphäre, die nichts von der Tragweite ahnen lässt, eine der folgenreichsten Vereinbarungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts getroffen: Gorbatschow gibt nach. Das wiedervereinigte Deutschland darf Mitglied der NATO bleiben. Die UdSSR, im vollen Zerfall begriffen, hat nicht mehr die Mittel, Neutralität zu erzwingen.

Niemand auf diesem Foto scheint zu ahnen, was gerade gekippt ist. Kohl lächelt. Gorbatschow lächelt. Es sieht aus wie ein Familientreffen.

Zwei Nächte. Zwei Fotografien. Und dazwischen etwas, das nie ganz laut ausgesprochen werden wird, weder in Paris noch in Berlin: Frankreich hat gerade — ohne ein Wort, ohne einen Vertrag, ohne es im Moment selbst zu bemerken — das Einzige verloren, was ihm die deutsch-französische Beziehung seit 1949 erträglich gemacht hatte: ein Deutschland, das es brauchte.
Der vorangegangene Teil dieser Reihe endete in der Nacht des Mauerfalls, bei Mitterrand in Ost-Berlin, bei einem Mann, der genau verstanden hatte, was da ins Kippen geriet — und der gerade deshalb immer neue Initiativen ergriff, Kiew, London, bis hin zu jenem inzwischen berühmten Satz über die Beschleu-nigung der Geschichte, die „uns niemals aufhören wird, ins Gesicht zu lachen“. Wenn der Boden unter den Füßen wegbricht, bleibt man nicht vorsichtig — man sucht, woran man sich festhalten kann.
![- Francois Mitterrand AS Rainer Unkel 1 Portrait de François Mitterrand] François Mitterrand — le sol se dérobe, et il le sait — Photo Konrad-Adenauer-Stiftung © Rainer Unkel](https://european-security.com/wp-content/uploads/2026/08/Francois-Mitterrand_AS_Rainer-Unkel_1-1024x686.jpg)
Dieser Teil beginnt dort, wo der vorige endete — nicht mehr beim Fall einer Mauer, sondern bei dem, was sich in den folgenden Monaten fast im Stillen aufbaute. Denn die Wiedervereinigung veränderte nicht nur die Landkarte Europas. Sie veränderte, tiefer und dauerhafter, als man es diesseits wie jenseits des Rheins je zugeben wollte, das Wesen selbst der Bindung zwischen Frankreich und Deutschland.
Die Präambel, die alles ankündigte
Am 22. Januar 1963 umarmt de Gaulle Adenauer vor den Fotografen. Eine bewusst kraftvolle Geste, um den Anbruch einer neuen Ära zu markieren.

Doch die Euphorie währt nur kurz. Im Mai 1963 fügt der Bundestag dem Vertrag eine Präambel hinzu, die daran erinnert, dass die Beziehung zu den Vereinigten Staaten die wesentliche Grundlage der deutschen Außenpolitik bleibt.
Für de Gaulle, so Georg Bucksch, wird dieser Schlag als Verrat empfunden.[01]

Foto Présidence de la République

Zur Zeit General de Gaulles sollte die Beziehung zu Deutschland vorrangig sein, ohne exklusiv zu sein. Um sich einen geheimen Kanal nach Paris zu sichern, hatte Bundeskanzler Adenauer einen Mann gewählt, der zugleich ein großer und ein diskreter Diener des Staates war: Oberst Dr. Heinrich Bucksch vom Generalstab, der mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Paris zog. Der Sohn, Georg, wuchs im Schatten dieses Vaters auf, dessen Beruf keinerlei Ausnahme von der Geheimhaltung duldete. Von Ausbildung her Jurist, begann er seine Laufbahn bei Eurocopter, bevor er sie als weltweiter Personal-direktor des EADS-Konzerns beendete. Doch wer in einem solchen Umfeld aufgewachsen ist, kann nicht anders, als dieses deutsch-französische Abenteuer, wenn auch unfreiwillig, geteilt zu haben. Eines Tages willigte er ein, sich der Zeitschrift Défense des IHEDN anzuvertrauen — und zu erzählen, wie die berühmte Präambel dem Elysée-Vertrag jede Dynamik genommen hatte, ein Akt, den de Gaulle und Adenauer als regelrechten Verrat empfanden.
Diese Präambel war keine bloße protokollarische Randnotiz. Sie entleerte den Vertrag seiner politischen Substanz und beschränkte ihn faktisch auf die Bereiche Kultur und Jugend — der „künftige deutsch-französische Motor“ wurde so, gleich bei seiner Geburt, eines Großteils seiner Kraft beraubt.

Warum ließ Adenauer, der so viel auf diese Beziehung gesetzt hatte, dies geschehen? Georg Buckschs Zeugnis gibt eine scho-nungslose Antwort: Das Deutschland von 1963 hatte nicht die Mittel zur Unabhän-gigkeit.
Kaum zwanzig Jahre nach der Niederlage war es noch immer abhängig vom Marshall-plan, vom amerikanischen Schutz gegenüber der sowjetischen Bedrohung, von einer über Generationen gewachsenen Dankbarkeit gegenüber Washington, die keine noch so aufrichtige französische Freundschaft aus-löschen konnte. Es fehlten, so schreibt er, „die finanziellen Mittel, der politische Wille und die historische Reife„, um anders zu handeln.[01]
Bundeskanzler Konrad Adenauer — Photo Bundesarchiv/Katherine Young
Dieser Satz verdient es, dass man bei ihm verweilt. Denn dies war kein Unfall des Jahres 1963. Es war eine Linie. Der 1994 von der CDU vorgeschlagene „harte Kern“ sollte zu nichts Konkretem führen. Dreißig Jahre später sollte sich die deutsch-französische Verteidigungskooperation — FCAS, MGCS — weiterhin auf punktuelle Partnerschaften beschränken, nie auf eine echte Integration. Die Präambel vom Mai 1963 war kein zufälliger Ausrutscher: Sie war bereits das ganze Programm.
Der Faden der Warnungen
Georg Buckschs Text bleibt bei dieser Feststellung nicht stehen. Über die Seiten verstreut findet sich eine Reihe von Zitaten, die, fünfzehn Jahre vor Trump, bereits alles sagten.
Adenauer selbst berichtet von einem Wort des Außenministers John Foster Dulles, unmissverständlich und schneidend: „In Europa macht man keine französische oder deutsche Politik, man macht amerikanische Politik.“[01] Die Formel stammt aus den 1950er Jahren. Sie hat keine Falte bekommen.
Zehn Jahre später, 1965, berichtet Adenauer dem Botschafter François Seydoux von einem noch schärferen Gespräch. Er hatte vorgeschlagen, Westeuropa möge sich zusammenschließen, notfalls unter französischer Führung. Die Antwort McGeorge Bundys, Berater Kennedys und dann Johnsons, lässt keinen Zweifel offen: „Für die nächsten fünfzehn Jahre wird Amerika die Richtung Europas bestimmen.“[01] Sind diese fünfzehn Jahre jemals zu Ende gegangen?
Man muss noch weiter zurückgehen, um den Ursprung dieses Verzichts zu finden — bis 1944, als de Gaulle Churchill ein fran-zösisch-britisches Bündnis vorschlägt. Die Antwort des britischen Premier-ministers, von Georg Bucksch zitiert, ist ein kaum verhülltes Eingeständnis: ein Bündnis „aus Prinzip“, gewiss, aber „in der Politik wie in der Strategie ist es besser, die Starken zu überzeugen, als gegen sie anzutreten.“ [01] London hatte seine Seite gewählt, zwanzig Jahre bevor Bonn die seine wählen musste.
Georg Bucksch beschließt seinen Text mit einem Ruf, mehr als mit einer Schluss-folgerung: „De Gaulle, Adenauer, weckt uns auf! Die Überzeugungskraft Chur-chills gegenüber Amerika reicht uns nicht mehr!„[01] 2010 geschrieben, liest sich dieser Satz heute, als sei er für 2026 verfasst worden.
Foto Sir Winston Churchill par Yousuf Karsh

Es bleibt eine letzte Idee, dem Sohn des Obersten zufolge de Gaulle selbst entlehnt, die es verdient, umgedreht zu werden: „Ein unabhängiges Frankreich ist ein verlässlicherer Partner als ein beherrschtes Frankreich, weil es sich seiner nationalen Interessen und seines Schicksals bewusst ist.“[01] Ersetzen Sie „Frankreich“ durch „Deutschland“. Der Satz hat noch nie so sehr nachgehallt.
Die CDU brauchte sechzig Jahre, um niemals anzuerkennen, was die ganze Welt bereits 1963 wusste: Sie hatte, noch bevor er überhaupt in Kraft trat, einen Vertrag seiner Substanz beraubt, den ihre eigenen Führer gerade erst unterzeichnet hatten. Sie hatte ihren eigenen Vorbehalt hineingeschrieben. Sie musste sich dafür nie entschuldigen. Sie sollte es.
Von Visionären zu Verwaltern
Kohl und Mitterrand halten sich 1984 in Verdun an den Händen. Fünfundzwanzig Jahre später gibt es kein einziges Bild dieser Art mehr, das sich von selbst ins kollektive Gedächtnis einbrennt. Das ist kein Zufall des Kalenders. Es ist das Zeichen eines Epochenwechsels.

Kohl bleibt bis zuletzt in der Traditionslinie de Gaulles und Adenauers — der Mann, der die Wiedervereinigung durchträgt und dabei Mitterrand beruhigt, der Maastricht unterzeichnet in dem Wissen, dass der Euro der Preis für die Einheit war. Mitterrand zögert 1989, versucht es mit Kiew, mit London, bevor er sich einreiht; doch bis zuletzt bleibt er von einer Idee Europas beseelt. Die beiden Männer sind sich uneinig, mitunter tiefgreifend — aber sie verfolgen ein gemeinsames Ziel.
Was danach kommt, hat damit kaum noch etwas zu tun.
Angela Merkel regiert Deutschland sechzehn Jahre lang, von 2005 bis 2021. Nach der Vision gefragt, die sie für ihr Land hatte, antwortet die Germanistin Hélène Miard-Delacroix im Point, sie habe „eindeutig“ keine gehabt — es sei denn, man betrachte das, was man auf Deutsch durchwursteln nennt, als eine Vision: sich durchlavieren, ohne je etwas zu riskieren, das Erreichte bewahren.[02] Kann man sie dann als Verwalterin bezeichnen? „Das war sie tatsächlich — eine Verwalterin des deutschen Erbes und seiner Errungen-schaften“, heißt es im selben Beitrag — sie führt die von Schröder eingeleitete Arbeitsmarktreform fort, bewahrt die exportorientierte Ausrichtung des Mittelstands, praktiziert einen Multilateralismus, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. Ihre Methode: „Sparsamkeit in allem. Wenn sie es mit fünf Worten sagen konnte, benutzte sie nie sechs“ — das genaue Gegenteil eines gewissen französischen Stils, redselig und theatralisch.[02]
Diese Sparsamkeit hatte ihren Preis. Sechzehn Jahre lang blieben Verteidigung und Sicherheit die beiden Bereiche, in denen Merkel jedes eigene Engagement verweigerte, „nicht einmal das absolute Minimum“. Nord Stream 2 wird trotz der Warnungen aus Mitteleuropa zu Ende geführt. Die Bundeswehr, einst die bestausgerüstete Armee Europas, wird zu einem Koloss auf tönernen Füßen.

Der Stabilität selbst muss hier Gerechtigkeit widerfahren: Für ein Land, das tief in sich noch immer die Angst vor der Instabilität von Weimar trägt, sind sechzehn Jahre ohne Regierungskrise nicht nichts. Doch Stabilität und fehlende Vision können durchaus koexistieren — schlimmer noch, sie können sich gegen-seitig nähren. Das Ergebnis sehen wir heute: eine Armee, die ab 2022 hastig wiederaufgebaut werden muss, eine russische Energieabhängigkeit, die schmerzhaft rückgängig gemacht werden muss, ein Fähigkeitsrückstand, den weder Geld noch der erklärte Wille eines Nachfolgers in wenigen Jahren aufholen können.

Auf französischer Seite ist die Bilanz nicht rühmlicher. Sarkozy, dann Hollande: Keiner von beiden trägt einen Entwurf, der mit dem ihrer Vorgänger vergleichbar wäre. Am 22. Januar 2022 markiert der CDU-Parteitag den Bruch mit der Ära Merkel, indem er mit 95 Prozent der Stimmen ihren erbittertsten historischen Gegner an die Spitze wählt. Nicolas Baverez fasst im Figaro das Unbehagen zusammen: Deutschland, so schreibt er, habe „von der Rendite der Schröder-Reformen“ gelebt, seine europäische Führungsrolle sei „eine Führung nach dem Ausfallprinzip“ gewesen, „die es vorzog, zu wenig und zu spät zu reagieren, statt vorauszudenken“ — was sich insbesondere während der Eurokrise als verheerend erweisen sollte.
Der Kontrast zur vorangegangenen Generation ist scharf. De Gaulle, Adenauer, Pompidou, Giscard, Schmidt, Mitterrand, Kohl: Selbst in ihren tiefsten Meinungsverschiedenheiten bewegten sie sich auf etwas zu. Merkel, Sarkozy, Hollande: Sie verwalten, was übrig bleibt.
Die Kooperation im Plural

Vor der Kampfflugzeugfrage stand die Elektrizität. Jahrelang forderte Berlin — durch die Stimme seiner Umweltministerin Barbara Hendricks — die Schließung von Fessenheim, dem ältesten französischen Kernkraftwerk, das man für zu alt hielt, um weiter in Betrieb zu bleiben. Paris gab schließlich nach: Beide Reaktoren wurden 2020 abgeschaltet.

Zwanzig Jahre, nachdem es selbst aus innenpolitischen Gründen auf die zivile Kernkraft verzichtet hatte, kehrt Deutsch-land massiv zur Kohle zurück — und am 14. Januar 2026 wird Bundeskanzler Friedrich Merz diesen Atomausstieg selbst als „schweren strategischen Fehler“ bezeichnen, der zur „teuersten Energiewende der Welt“ geführt habe. Frankreich seinerseits hat inzwischen Fessenheim verloren.
Dieser gedämpfte Streit um EDF, der mehr als ein Jahrzehnt andauerte, ist tatsächlich der Ausgangspunkt einer schleichenden Trennung, die sich anschließend, in der-selben Logik, in jedem der großen Industrie-projekte wiederholen sollte: FCAS, der Kampfpanzer MGCS, der Schiffbau.
Friedrich Merz, Bundeskanzler — Viele Worte, wenige starke Taten. Lange ein treuer Gefolgsmann der Amerikaner, heute gelähmt vom US-Rückzug und der Trump-Methode — und der weiterhin F-35 kauft —Foto © Steffen Prößdorf
Am 28. Juli 2026 gab Safran das Ende von EUMET bekannt, des Gemeinschaftsunternehmens mit dem deutschen Triebwerkshersteller MTU zur Entwicklung des Antriebs für das künftige deutsch-französische Kampfflugzeug — einen Monat nach der Aufgabe des FCAS-Programms selbst, wobei Airbus die Führung eines rein deutschen Konsortiums übernahm. Der Kampfpanzer MGCS folgt einer vergleichbaren Entwicklung, belastet von denselben Fragen der Aufteilung geistigen Eigentums — bis hin zu der öffentlich gestellten Frage des KNDS-Chefs Tom Enders, ob Frankreich in dem Programm „wie China behandelt“ werde. Und die Marine, die sich davon verschont glauben durfte, leidet an einem entgegengesetzten, aber ebenso kostspieligen Übel: Die Angst vor einem „SCAF der Meere“ treibt Europa eher in die Zersplitterung als in die Zusammenarbeit — 25 verschiedene Fregatten- und Zerstörerklassen in der Union, gegenüber 2 in den Vereinigten Staaten.
Der Vorstandsvorsitzende von Dassault Aviation, Éric Trappier, brachte diese Logik vor dem Senat auf die schärfste Formel: Das Triebwerk, so sagte er, „gibt uns unsere Unabhängigkeit und unsere Souveränität.“ Genau das nennt dieses Werk ein „Familienwerkzeug“ — nicht das Objekt selbst, sondern die intakte Fähigkeit, es zu entwerfen und zu reproduzieren, ohne vom guten Willen eines Dritten abhängig zu sein.
Ein einziges Gegenbeispiel zeigt, dass nichts davon unausweichlich war: Der Demonstrator Neuron, in den 2000er Jahren mit sechs europäischen Partnern entwickelt, gelang gerade deshalb, weil keiner der beiden größten Beitragszahler dem anderen je die industrielle Führung streitig machte. Das ist genau das Gegenteil dessen, was sich bei der Elektrizität, beim FCAS, beim MGCS und heute zur See abgespielt hat.

Die deutsch-französische Verteidigungskooperation wurde also nie als Integration aufgebaut. Sie wiederholte sich, Sektor für Sektor, als eine Reihe von Gemeinschaftsunternehmen auf Zeit, die nur so lange Bestand haben, wie der Haushaltszwang keine Entscheidung erzwingt. Etwas im Plural zu konjugieren heißt bereits, den Bruch anzukündigen: Kooperationen, niemals Kooperation.
Joël-François Dumont
Quellen
[01] Georg Bucksch, „De Gaulle – Adenauer: une communauté de destin„, European-Security — (2010-0221)
[02] „Allemagne: La CDU tourne la page Merkel“ (mit Zitaten von Hélène Miard-Delacroix und Nicolas Baverez) — (2022-0123)
[03] « Das SCALP-Naval-Syndrom: Autopsie eines europäischen Fähigkeitsschiffbruchs » — (2026-0728)
[04] „SCAF: Die Scheidung ist vollzogen — Safran schließt die letzte Tür“ — (2026-0802)
Siehe auch:
- « Frankreich-Deutschland: Der Kreislauf des Hasses (1) » — (2026-0814)
- « Frankreich-Deutschland: Der Marsch in den Abgrund (2) » — (2026-0819)
- « Frankreich-Deutschland: Der Höhepunkt, 1914–1945 (3) » — (2026-0819)
- « Frankreich-Deutschland: Von den Ruinen zum werdenden Europa, 1945-1959 (4) » — (2026-0820)
- « Frankreich-Deutschland: Die Achse und ihre Bewährungsproben 1958-1989 (5) » — (2026-0822)
- « Frankreich-Deutschland: Ich liebe dich, ich dich auch nicht 1990-2025 (6) » — (2026-0824)
Entschlüsselung: Autopsie einer Geisterehe
Man muss eine bequeme Lüge aufgeben, die seit sechzig Jahren diesseits und jenseits des Rheins in offiziellen Reden wiederholt wird: Es hat nie ein deutsch-französisches Paar gegeben. Es gab, auf französischer Seite, das Bedürfnis, zu glauben, dass es eines gebe — und ein Deutschland, das sich von 1963 bis 2026 systematisch weigerte, den Preis dieser Fiktion zu zahlen, sobald es galt, zwischen Paris und Washington zu wählen.
Die Präambel vom Mai 1963 war kein Zwischenfall am Rande. Sie war das Eingeständnis, kaum einen Monat nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags, dass Deutschland sich nicht auf ein Paar einließ: Es ließ sich auf eine Koexistenz unter amerikanischer Vormundschaft ein, mit Frankreich als bloßem Partner zweiten Ranges. De Gaulle empfand es als Verrat, weil es einer war. Die CDU hat sich nie dafür entschuldigt, weil sie es nie musste — Frankreich zog es vor, immer wieder so zu tun, als sei nichts geschehen.
Dann kam 1990, und die Maske musste nicht länger getragen werden. Das wiedervereinigte Deutschland brauchte Frankreich nicht mehr, um seine historische Schuld auszugleichen, noch dessen Patronage, um sich einen Platz unter den Großen zurückzuholen. Es wurde einfach es selbst — voll souverän, in seinen Entscheidungen völlig frei. Und seine Entscheidung, von Kohl bis Merz, über sechzehn Jahre merkelschen Durchwurstelns hinweg — jene Kunst, das Fleisch in die Wurst zu drücken, ohne je über den nächsten Bissen hinauszudenken —, war immer dieselbe: verwalten, niemals errichten.
Frankreich seinerseits hat es nicht besser gemacht. Sarkozy und Hollande haben nichts errichtet, das es verdiente, neben Colombey, dem Elysée, Verdun zu stehen. Das Paar erlosch, ohne dass jemand das Wort Scheidung auszusprechen wagte — man sprach lieber von „Kooperationen“, im Plural, jenem Wort, das, wie stets, eher Verlust als Bindung anzeigt. FCAS, MGCS, die Marine: drei getrennte Autopsien derselben Verweigerung — der Verweigerung der Integration, die geradewegs auf den Mai 1963 zurückführt.
Die Tragödie besteht nicht darin, dass Deutschland seine eigenen Interessen wählte. Das tun alle Staaten, und de Gaulle selbst hätte daran nichts auszusetzen gehabt — die Unabhängigkeit, die er für Frankreich forderte, konnte er den anderen nicht verweigern. Die Tragödie besteht darin, dass Frankreich weiterhin „Paar“ nannte, was nie mehr war als eine interessengeleitete Koexistenz, und dafür den Preis in Naivität zahlte, in gescheiterten Programmen, in Illusionen, die weit über ihr Verfallsdatum hinaus gepflegt wurden.
Es bleibt die Frage, die dieses Werk von Bucksch bis zu Trump stellt: Wo sind die Staatsmänner? De Gaulle sprach von der Leere der Geschichte, jenem Raum, den nur echter Wille füllen konnte. Was wir heute haben, ist das Gegenteil — ein Übermaß an Politikern, bestenfalls vorsichtigen Verwaltern eines Erbes, das sie nicht zum Blühen zu bringen wussten, gerade in einem Augenblick, der genau das verlangte, was ihnen am meisten fehlt: den Mut zu sagen, dass das Paar nie existiert hat, und den Ehrgeiz, an seiner Stelle etwas zu errichten, das endlich aus eigener Kraft steht.
Georg Bucksch, ein würdiger Sohn eines Vaters, der selbst ein großer Diener des Staates im Verborgenen war, ruft nach der Rückkehr von Staatsmännern ans Licht der Öffentlichkeit. Beten wir mit ihm, dass wir eines Tages wieder Männer vom Format eines de Gaulle, eines Adenauer oder eines Churchill an den Schalthebeln finden.
Zum Glück haben wir noch große Diener des Staates.