Hormus: Drei Stimmen, eine Diagnose zur europäischen Autonomie

Seit April haben drei Autoren von European Security die Krise in der Straße von Hormus je auf ihre Weise seziert: Admiral Christian Girard in einer dreiteiligen Marineanalyse, Jérôme Denariez in einem zweiteiligen geoökonomischen Dechiffrierversuch, Françoise Thom in einer historischen Warnung vor Europas Versuchung, sich wieder Russland zuzuwenden. Drei Methoden, die nie miteinander abgestimmt wurden. Ein gemeinsames Fazit: Europa kann es sich nicht mehr leisten, diese Krise von der Tribüne aus zu beobachten.

Das Wichtigste

  • Drei Autoren von European Security haben, ohne sich abzustimmen, die Hormus-Krise zwischen April und Juli 2026 analysiert.
  • Jeder kommt unabhängig zum selben Befund: die europäische strategische Unentschlossenheit.
  • Die Synthese zeigt, wie drei unterschiedliche Methoden — militärisch, wirtschaftlich, historisch — zu einer einzigen Diagnose zusammenlaufen.

von François de Vries — Paris, den 18.Juli 2026.[*]

Eine Krise, drei Lesarten

Am 26. April 2026 eröffnete Admiral Christian Girard in diesen Spalten eine Trilogie zur Blockade der Straße von Hormus. Zwei Monate später schlug Jérôme Denariez ein radikal anderes Lektüreraster vor, um das zwischen Washington, Teheran und Israel unterzeichnete Waffenstillstandsmemorandum zu entschlüsseln. Dazwischen, Ende Mai, warnte Françoise Thom vor einem ganz anderen Risiko: dass die aus demselben Konflikt entstandene Ölkrise Europa aus Schwäche dazu treiben könnte, den Dialog mit Wladimir Putin wiederaufzunehmen.

Drei Texte, drei Autoren, drei Methoden – und doch ergibt sich, zusammengenommen, eine einzige, gemeinsame Diagnose. Das ist kein redaktioneller Zufall: Es ist der Beweis, dass eine aus mehreren Blickwinkeln zugleich betrachtete Krise eine stabilere Wahrheit hervorbringt als jede ihrer Einzellesarten für sich genommen.

Infographie Iran © European-Security
Bevor Krieg strategisch wird, ist er geografisch“ » — Infografik © European-Security » — Foto © European-Security

Admiral Girard: Die Lektion der Marine — Das Meer unterwirft nicht das Land

Admiral Girard geht vom Gelände aus, im wörtlichsten Sinne. In seinem ersten Text zeigt er, dass die „Blockade“ von Hormus weitgehend virtuell bleibt: Die Meerenge ist nicht physisch geschlossen, doch ihre Blockierung erzeugt sehr reale Effekte – steigende Versicherungsprämien, Frachtkosten, Ölpreise – allein durch das Zusammenspiel von psychologischer und rechtlicher Kriegsführung. Im zweiten Teil weitet er den Blick zu einer militärhistorischen Lektion: von Waterloo bis Afghanistan hat keine Macht ein Gebiet je dauerhaft allein durch die Beherrschung von Meer und Luftraum unterworfen. Das amerikanische Scheitern, die iranische Küste trotz überwältigender technologischer Überlegenheit zu kontrollieren, reiht sich in diese Kontinuität ein.

Vice-Amiral Christian Girard — Photo © DR

Sein dritter, am 14. Juli veröffentlichter Text schließt den Kreis: Da es Washington nicht gelungen ist, seine Luftüberlegenheit in territoriale Kontrolle umzumünzen, lässt es zu, dass der Iran die Meerenge in eine Vergeltungswaffe verwandelt und dabei nun Küstenstellungen ins Visier nimmt – Über-wachungsposten, Abschussbasen für Droh-nen und Raketen, Unterstände für Schnell-boote – statt die Durchfahrt selbst.

Vizeadmiral Christian Girard © Alle Rechte vorbehalten

Sein Fazit bleibt von Text zu Text konstant, fast wie ein Refrain: Staaten haben keine Gefühle, sie haben nur Interessen.

Pétroliers à l'arrêt dans le détroit d'Ormuz — Photo © European-Security
„In einem geschlossenen Meer muss man die Kontrolle über die Küstengebiete erlangen. Die US-Regierung hätte der Kontrolle über die Meerenge Vorrang einräumen sollen. Was fehlte, war weniger die technische Überlegen-heit als vielmehr der Wille, diese auch umzusetzen, da die Vereinigten Staaten weiterhin an die Diplomatie glauben wollten. Wie lange noch?“ (Admiral Christian Girard) — In der Straße von Hormus festsitzende Öltanker — Foto © European-Security

Europa hat ein vitales, wirtschaftliches und strategisches Interesse an der Wiedereröffnung der Meerenge – es kann sich daher nicht damit begnügen, das Ergebnis der amerikanisch-iranischen Verhandlungen abzuwarten.

Jérôme Denariez: Das unsichtbare Raster — Bestände, Ströme, Zugänge, Schwellen

Wo Girard wie ein Offizier denkt, denkt Jérôme Denariez wie ein geopolitischer Ökonom. Sein Lektüreraster – Bestände, Ströme, Zugänge, Schwellen – geht von einer einfachen Feststellung aus: Der zeitgenössische Krieg endet nicht mehr mit einer Kapitulation oder einem Vertrag, sondern verlagert sich in mehrdeutigere Objekte – ein Memorandum, einen Korridor, eine Inspektionsklausel.

Auf Hormus angewandt, offenbart dieses Raster, was offizielle Mitteilungen verber-gen. Der Bestand, der zählt, ist nicht nur militärisch: Es ist auch das angereicherte iranische Uran, dessen Verbleib trotz der Angriffe ungeklärt bleibt. Der Strom, der zählt, ist nicht nur das Öl: Es ist das Ver-trauen der Versicherer und Reeder, ohne das eine „rechtlich wiedereröffnete“ Meer-enge in der Praxis geschlossen bleibt.

Jérôme Denariez — Foto © Alle Rechte vorbehalten

Jérôme Denariez — Photo © DR

Und der Akteur, der laut Denariez am meisten zählt, ist womöglich nicht der vermutete: China, scheinbar am Rande der Krise, wird zur „Verankerungsmacht“ – zu jener, ohne die keine dauerhafte Normalisierung der Ströme möglich ist.

Sein Fazit im zweiten, am 9. Juli veröffentlichten Text lässt an Europas Position keinen Zweifel: Es bleibt „im Bühnenbild der Mitte“ – institutionell präsent, beim G7, in den Kommuniqués – doch abgekoppelt von den Hebeln, die tatsächlich über den Ausgang der Krise entscheiden.

Françoise Thom: Die historische Lektion — Moskau wartet auf seine Stunde

Der dritte Text erwähnt Hormus kaum direkt – und genau das macht ihn zum unverzichtbaren Ergänzungsstück. Françoise Thom zeichnet, vom russischen Ultimatum vom Dezember 2021 bis heute, die Beständigkeit der Kreml-Strategie nach: jede westliche Krise auszunutzen, auch solche, die nichts mit der Ukraine zu tun haben, um den europäischen Zusammenhalt zu schwächen.

Françoise Thom — Portrait © European Security

Ihre Beweisführung ist unmissverständlich: Die durch den Krieg im Nahen Osten verur-sachte Gas- und Ölknappheit beraubt Euro-pa seiner alternativen Lieferanten am Golf und macht es damit anfälliger für russische Energieerpressung – just in dem Moment, in dem manche Mitgliedstaaten erwägen, den Dialog mit Moskau wiederaufzunehmen. Putin, schreibt sie, lauere auf diesen Moment scheinbarer Schwäche, um seine als Verhandlung getarnten Kapitulations-bedingungen zu übermitteln.

Françoise Thom — Porträt © European-Security

Die Verbindung zu Hormus, die Thom selbst nicht zieht, die aber die Gegenüberstellung der drei Texte offenkundig macht, ist direkt: Weil die Meerenge instabil bleibt, gerät Europa energiepolitisch in die Zange – und wird so für die russische diplomatische Fata Morgana empfänglich.

Der Konvergenzpunkt: Europa mitten in der Furt

Keiner der drei Autoren zitiert die beiden anderen. Keiner hat seinen Text mit Blick auf die anderen verfasst. Ihre Entwicklung ließe sich dennoch in einem Satz zusammenfassen: Girard beschreibt die sichtbare Schlacht, Denariez enthüllt das unsichtbare System, Thom stellt die Tiefe der Zeit wieder her. Drei Blickwinkel, die übereinandergelegt dasselbe Dreieck zeichnen:

•  Girard zeigt, dass Europa sowohl die Mittel als auch das Interesse hat, militärisch zur Sicherung von Hormus zu handeln, sich dem aber aus Kleinmut verweigert.

•  Denariez zeigt, dass Europa, indem es im Bühnenbild der Mitte verharrt, ohne auf die realen Hebel einzuwirken, andere Mächte – allen voran China – unentbehrlich für die Lösung von Krisen werden lässt, die es unmittelbar betreffen.

•  Thom zeigt, dass eben diese Passivität, fortgesetzt auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz, russischer Energieerpressung mit potenziell irreversiblen Folgen Tür und Tor öffnet.

Der Faden, der diese drei Diagnosen verbindet, ist also nicht Hormus als solches. Es ist die europäische strategische Unentschlossenheit selbst – ihre Fähigkeit, sich unter dem gleichzeitigen Druck mehrerer unkoordinierter Krisen eher in kumulative Verwundbar-keit als in einen Moment des Erwachens zu verwandeln.

Was unsere Leser daraus mitnehmen sollten

Drei Federn, drei Methoden, eine gemeinsame Entwicklung: von der sichtbaren Schlacht über das unsichtbare System bis zur Tiefe der Zeit. Es fehlt Europa weder an Mitteln noch an Gründen zu handeln. Es fehlt ihm noch immer die kollektive Fähigkeit, seine Interessen in Entscheidungen und seine Mittel in Handeln zu verwandeln.

François de Vries

[*] Dieser Text fasst sechs zwischen dem 26. April und dem 14. Juli 2026 veröffentlichte Analysen zusammen:

[01] Vizeadmiral Christian Girard, „Die Blockade der Straße von Hormus (1)“ — (2026-0429).

[02] Vizeadmiral Christian Girard, „Muss der Soldat Trump gerettet werden? (2) — Die Straße von Hormus und die strategische Autonomie Europas“ — (2026-0514).

[03] Françoise Thom, „Europa auf dem Prüfstand“ — (2026-0531).

[04] Jérôme Denariez, „Clausewitz an der Straße von Hormus: Das unmögliche Memorandum“ — (2026-0702).

[05] Jérôme Denariez, „Hormus: Die Rückkehr der Realität“ — (2026-0709).

[06] Vizeadmiral Christian Girard, „Die Straße von Hormus (3): Die unmittelbare und vorrangige strategische Herausforderung im Iran-Krieg“ — (2026-0714).

Siehe auch: