Frankreich-Deutschland: Die Achse und ihre Bewährungsproben 1958-1989 (5)

Fünfundzwanzig Jahre trennen das Treffen von Colombey vom Mauerfall. Fünfundzwanzig Jahre, in denen zwei Länder, seit 1963 auf dem Papier versöhnt, lernen mussten, einander in der Praxis zu vertrauen — durch Krisen, strategische Differenzen und eine Reihe wechselnder Führungspaare hindurch. Der fünfte Teil dieser Serie zeichnet nach, wie die deutsch-französische Achse standhielt, bis ein Erdbeben, das niemand hatte kommen sehen, sie ein letztes Mal erschütterte.

Das Wichtigste in Kürze

  • September 1958: De Gaulle und Adenauer treffen sich erstmals in Colombey — zwei Männer, die beide Weltkriege erlebt hatten, persönliches Vertrauen noch vor jedem institutionellen Abkommen.
  • 22 Januar 1963: Unterzeichnung des Élysée-Vertrags — unmittelbar gefolgt von einer Geste, die seine Tragweite begrenzt: der vom Bundestag hinzugefügten Präambel.
  • Die 1970er Jahre: Willy Brandts Ostpolitik führt zu einer grundlegenden Divergenz zwischen den beiden Hauptstädten, während Paris die Öffnung nach Osten mit Sorge beobachtet.
  • 20 Januar 1983: François Mitterrand spricht vor dem Bundestag in Bonn — eine starke Geste der Solidarität, gegen den Strom eines Teils seines eigenen politischen Lagers.
  • September 1984: Mitterrand und Kohl, Hand in Hand in Verdun — der symbolische Höhepunkt der Aussöhnung.
  • 9 November 1989: Der Mauerfall überrascht alle, auch Paris.

von Joël-François Dumont — Paris, 22. August 2026

Plaque à la mémoire de De Gaulle et d'Adenauer devant la KAS à Berlin — Photo © Joël-François Dumont
Gedenktafel für De Gaulle und Adenauer vor dem Sitz der KAS in Berlin — ein Vierteljahrhundert gemeinsamer Geschichte, in Stein gemeißelt — Foto © Joël-François Dumont

Einleitung

Der vierte Teil dieser Serie endete mit einem Versprechen: dem eines Treffens im September 1958 zwischen zwei Männern, die scheinbar alles trennte und die die Geschichte doch gerade zusammengeführt hatte. Dieser fünfte Teil erzählt, was darauf folgte — nicht mehr der Aufbau einer wirtschaftlichen Architektur wie bei der EGKS, sondern die Bewährungsprobe einer politischen Beziehung über die Zeit. Denn die Unterzeichnung eines Vertrags allein garantiert noch kein Vertrauen. Es sollte fünfundzwanzig Jahre, mehrere Führungsgenerationen und mindestens zwei schwere Krisen brauchen, bis die deutsch-französische Achse ihre Belastbarkeit unter Beweis stellte — bevor ein Ereignis, das niemand vorausgesehen hatte, sie ein letztes Mal auf die Probe stellte.

1. Colombey, September 1958: Die Gründungsbegegnung

De Gaulle und Adenauer trafen sich am 14. und 15. September 1958 erstmals in La Boisserie, dem Landsitz des Generals in Colombey-les-Deux-Églises. Die Wahl des Ortes war kein Zufall: De Gaulle empfing seinen Gast bei sich zu Hause, in privater Atmosphäre, statt im Rahmen eines Pariser Palastprotokolls. Adenauer übernachtete dort — bis heute bleibt er der einzige ausländische Regierungschef, der je in La Boisserie geschlafen hat.[01]

Le général de Gaulle et le chancelier Adenauer à Bonn le 4 juillet 1963 — Les consultations régulières prévues par le traité de l’Élysée prennent corps dès les premiers mois : la poignée de main de janvier devient une pratique institution-nelle — Photo Bundesarchiv © Ludwig Wegmann

Die beiden Männer hatten dies gemeinsam: Sie hatten beide Weltkriege am eigenen Leib und in ihren Überzeugungen erlebt. Kanzler Adenauer, Kölner Oberbürgermeister zur Zeit der Weimarer Republik, bereits 1933 von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben, verkörperte ein Deutschland, das den Preis seiner eigenen Geschichte gezahlt hatte. De Gaulle, der Mann des 18. Juni, verkörperte ein Frankreich, das die Nieder-lage verweigert hatte. Ihre Begegnung war somit nicht die zweier Technokraten, die ein Abkommen aushandeln, sondern die zweier Staatsmänner, die einander abtasteten und sich entschieden — jeder auf seine Weise, jeder mit seinen eigenen Hintergedanken —, dem anderen zu vertrauen.

De Gaulle und Adenauer in Bonn, 4. Juli 1963. Die im Élysée-Vertrag vorgesehenen regelmäßigen Konsultationen nehmen bereits in den ersten Monaten Gestalt an: Aus dem Handschlag vom Januar wird gelebte institutionelle Praxis

Foto Bundesarchiv © Ludwig Wegmann

Das Vertrauen war jedoch noch nicht vollständig. De Gaulle hatte während dieser zwei Tage in La Boisserie durchaus sein Projekt eines Dreier-Direktoriums innerhalb der NATO angesprochen — ein Triumvirat der drei westlichen Siegermächte von 1945, USA, Vereinigtes Königreich und Frankreich —, ohne Adenauer je darin einzubeziehen.[02] Der Kanzler, der in der Euphorie des Treffens nach Bonn zurückgekehrt war, erhielt nur wenige Tage später Bestätigung davon, und die Begeisterung der Heimkehr kühlte sich schlagartig ab. Die Lehre entging Adenauer nicht: De Gaulle würde niemals ein einfacher Partner sein, auch nicht für ihn selbst. Doch das Wesentliche stand bereits fest: Beide Männer wussten, dass sie trotz allem miteinander arbeiten konnten.

Dieses persönliche Vertrauen, aufgebaut noch vor jedem schriftlichen Abkommen, sollte fünf Jahre später zum Fundament werden, auf dem die institutionelle Formalisierung der Beziehung ruhen würde.

Die Beziehung, die den beiden Männern so sehr am Herzen lag, entstand nicht allein hinter den verschlossenen Türen von La Boisserie. Adenauer, überdrüssig, in jeder seiner Bewegungen von amerikanischen Diensten überwacht zu werden — die CIA hatte das Auswärtige Amt selbst infiltriert —, hatte sich entschieden, einen dauer-haften, vertraulichen Kontakt zu de Gaulle in Paris zu unterhalten. Er ernannte dazu einen Mann aus dem engsten Kreis, einen Mann seines vollsten Vertrauens, der ihm allein und unter vier Augen Bericht erstatten sollte. Seine Wahl fiel auf einen Offizier des BND, Oberst i.G. Dr. Heinrich Bucksch. General de Gaulle seinerseits informierte das Quai d’Orsay auch nicht umfassender — er wusste besser als jeder andere, in welchem Maße Deutschland ein amerikanisches Einflussgebiet blieb und dass die CIA es im Blick hatte.

General de Gaulle im Élysée-Palast, an der Seite des deutschen Botschafters, im Gespräch mit Oberst i.G. Dr Heinrich Bucksch — Foto Présidence de la République

Colonel Dr Heinrich Bucksch — Photo Présidence de la République

Eines Tages, Jahre nach unserer ersten Begegnung, erzählte mir der Oberst eine Anekdote, die ich seither in bester Erinnerung behalten habe. Nach seinem ersten Vier-Augen-Gespräch mit dem General erwarteten ihn Botschafter und Militärattaché, zurück in der Botschaft, ungeduldig, mehr zu erfahren. „Und?“, fragte der Botschafter. Oberst Bucksch antwortete knapp: „Sehr interessant. Ich nehme heute Abend um zwanzig Uhr den Nachtzug, morgen früh um neun habe ich einen Termin beim Kanzler.“ Kein Wort mehr. Ich hatte mich lange gefragt, warum dieser außergewöhnliche Mann nie zum General befördert worden war — an jenem Tag verstand ich, warum.

De Gaulle offre un dîner en l’honneur d’Adenauer au Palais des Affaires étrangères, 5 juillet 1962 — au cœur de la visite officielle du chancelier en France (2-8 juillet), entre l’Élysée et la messe de Reims — Photo Bundesarchiv © Egon Steiner
De Gaulle gibt zu Ehren Adenauers ein Abendessen im Außenministerium, 5. Juli 1962 — inmitten des offiziellen Staatsbesuchs des Kanzlers in Frankreich (2.-8. Juli), zwischen dem Élysée und der Messe in Reims — Foto Bundesarchiv © Egon Steiner

Das Geheimnis wurde auf beiden Seiten des Rheins gut gehütet. Kein Wunder also, dass selbst Botschafter Pierre Maillard, über so viele Jahre Berater für deutsche Angelegenheiten im Élysée, nie von Oberst Bucksch gehört hatte — und sichtlich erschüttert war, als ich ihn zu Hause in Boulogne aufsuchte, um ihn zu interviewen, und ihm dabei ankündigte, dass zu diesem „großen Dossier“ über die deutsch-französische Beziehung im Wandel der Zeit für die Revue Défense [03] auch ein Beitrag des Sohns dieses Obersten, Georg Bucksch, gehören würde — ein Mann, dem man deutlich anmerkte, in wen er geraten war.

Anders als so viele unserer Politiker sprach General de Gaulle wenig. Er wusste besser als jeder andere, dass man „seine Geheimnisse geheim halten“ musste — eine Formel, die sich Charles Pasqua, ehemaliger Widerstandskämpfer, während des Krieges zu eigen gemacht hatte. Eines Abends, als Innenminister, versammelte Pasqua sämtliche ehemaligen Leiter der DST zur Feier des 50. Jahrestags der Institution in der Rue Nélaton und schloss seine Rede mit den Worten: „Meine Damen und Herren, es gibt eine Regel, von der wir nicht abweichen: ‚Keep your secrets secret.'“ Der beste Beweis dafür, dass Charles Pasqua durchaus Englisch sprach.

De Gaulle - Adenauer : Entretien à l’Élysée lors de la visite officielle (2 au 8-7-1962) – Photo BPA © Egon, Steiner
General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer im Élysée, 2.-8. Juli 1962 — der offizielle Staatsbesuch des Kanzlers in Frankreich, der zwei Monate vor Ludwigsburg in einer gemeinsamen Messe in der Kathedrale von Reims gipfeln sollte — Foto BPA © Egon Steiner

2. Ludwigsburg, September 1962: De Gaulle wendet sich an die deutsche Jugend

Arrivée de Charles de Gaulle à l’aéroport de Cologne, 4 septembre 1962 — premier jour d’une tournée de six jours à travers l’Allemagne, accueilli par Adenauer et le président fédéral Heinrich Lübke — Photo Bundesarchiv © Egon Steiner
Ankunft Charles de Gaulles auf dem Flughafen Köln, 4. September 1962 — erster Tag einer sechstägigen Reise durch Deutschland, empfangen von Adenauer und Bundespräsident Heinrich Lübke — Foto Bundesarchiv © Ludwig Wegmann
De Gaulle et Adenauer au balcon de l’Altes Rathaus de Bonn, 4-5 septembre 1962 — la scène qui suit ou précède le discours à la foule sur la place du marché : le même lieu, le même souffle populaire — Photo Bundesarchiv
De Gaulle und Adenauer auf dem Balkon des Bonner Alten Rathauses, 4.-5. September 1962 — die Szene, die der Ansprache an die Menge auf dem Marktplatz folgt oder vorausgeht: derselbe Ort, derselbe Volksjubel — Foto Bundesarchiv

Vier Jahre nach Colombey bereitet eine Geste den Boden für die Unterzeichnung des Vertrags. Im September 1962 unternimmt de Gaulle eine triumphale Reise durch Deutschland, überall bejubelt. Höhepunkt ist seine Rede an die deutsche Jugend, gehalten im Schloss Ludwigsburg, größtenteils in der Sprache seiner Gastgeber…

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle auf dem Bonner Marktplatz, 5. September 1962. Bundesregierung/Simon Müller
Konrad Adenauer und Charles de Gaulle auf dem Bonner Marktplatz, 5. September 1962 — die Menge hält Schilder hoch, die „ein vereintes Europa“ und „einen europäischen Bundesstaat“ fordern: Die Begeisterung des Volkes geht der politischen Geste voraus und bereitet sie vor — Foto Bundesregierung © Simon Müller

Auf dem Bonner Marktplatz ruft er der jubelnden Menge am 5. September zu:

Es ist mir eine große Freude und eine große Ehre, in Ihrem Land empfangen zu werden. […] Wenn ich Sie so um mich herum versammelt sehe, wenn ich Ihre Kundgebungen höre, empfinde ich noch stärker als zuvor die Würdigung und das Vertrauen, das ich für Ihr großes Volk, jawohl! – für das große deutsche Volk, hege. Sie können versichert sein, daß in Frankreich, wo man beobachtet und verfolgt, was jetzt in Bonn geschieht, eine Welle der Freundschaft in den Geistern und in den Herzen aufsteigt und um sich greift. Es lebe Bonn! Es lebe Deutschland! Es lebe die deutsch-französische Freundschaft![04]

General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer im Élysée, 2.-8. Juli 1962 — der offizielle Staatsbesuch des Kanzlers in Frankreich, der zwei Monate vor Ludwigsburg in einer gemeinsamen Messe in der Kathedrale von Reims gipfeln sollte — Foto BPA © Egon Steiner

Der französische Präsident beglückwünscht die jungen Deutschen dazu, „Kinder eines großen Volkes“ zu sein, und erkennt zugleich unumwunden die „großen Fehler“ und die „großen, verwerflichen und verurteilten Unglücke“ an, die dieses Volk im Laufe seiner Geschichte begangen hat. Die Formulierung ist riskant: Sie verlangt, die Vergangenheit zu benennen, ohne sie zur Waffe zu machen, und sich an eine Generation zu wenden, die diese Geschichte nicht gewählt hat, ohne sie ihr gänzlich zu erlassen.

Diese Rede, die in die Geschichte einging, verdankt sich keiner Improvisation. Es war der Diplomat Pierre Maillard, Berater für deutsche Angelegenheiten im Élysée, der sie vorbereitet und mit de Gaulle geduldig dessen Deutsch vor dem großen Tag eingeübt hatte. Eine von der Tribüne aus unsichtbare Arbeit im Hintergrund, ohne die die öffentliche Geste nicht dieselbe Wirkung entfaltet hätte.

Pierre Maillard, Botschafter Frankreichs — Foto © Joël-François Dumont

Rede an die deutsche Jugend: General de Gaulle im Schloss Ludwigsburg, September 1962 — Foto BPA © Simon Müller

Diese von Emotion getragene Geste öffentlicher Diplomatie bereitet die Gemüter auf beiden Seiten des Rheins auf das vor, was sechs Monate später folgen sollte. Sie erinnert zugleich daran, dass die Aussöhnung, um von Dauer zu sein, nicht allein Sache der Staatsoberhäupter bleiben durfte: Sie musste eine Generation erreichen, die den Krieg nicht erlebt hatte und die diese Beziehung noch lange tragen sollte, nachdem de Gaulle und Adenauer von der Bühne abgetreten waren.

Begegnung zwischen General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer in Deutschland — der Beginn einer persönlichen Beziehung, die jedem institutionellen Abkommen vorausgeht und es vorbereitet — Foto © Bundesarchiv

3. Der Élysée-Vertrag und seine umstrittene Präambel

Am 22. Januar 1963 unterzeichnen de Gaulle und Adenauer im Élysée-Palast den Vertrag, der dessen Namen trägt. Der Text sieht regelmäßige Konsultationen zwischen den beiden Regierungen in Fragen der Außenpolitik, der Verteidigung und der Bildung vor — ein Vorhaben, das auf dem Papier weit über ein einfaches Kooperationsabkommen hinausgeht.

„Der Vergangenheit ein Ende setzen…“ Der Élysée-Vertrag, unterzeichnet am 22. Januar 1963 — Foto BPA © Ernst Schwann

Nach der Unterzeichnung der Handschlag — De Gaulle und Adenauer, umgeben von sichtlich gelösten Zeugen: der Moment, in dem das Protokoll der Emotion weicht, an jenem 22. Januar 1963 im Élysée — Foto: Bundesregierung / Ernst Schwahn

Doch der gaullistische Anspruch einer relativ von Washington unabhängigen deutsch-französischen Achse stößt sehr rasch an die politische Realität Deutschlands. Der Bundestag fügt dem Vertrag bei seiner Ratifizierung eine Präambel hinzu, die die Treue der Bundesrepublik zum atlantischen Bündnis und zum Ziel einer für das Vereinigte Königreich offenen europäischen Integration bekräftigt — zwei Punkte, in denen sich de Gaulle zu jener Zeit deutlich zurückhaltender zeigte.

Diese scheinbar protokollarische Geste sagt viel über die strukturellen Grenzen der entstehenden Beziehung aus: Frankreich und Deutschland können eine Achse errichten, doch jedes Land tut dies innerhalb unterschiedlicher strategischer Zwänge — das eine einer Form von Unabhängigkeit zugewandt, das andere fest unter dem amerikanischen Schutzschirm verankert. Der Élysée-Vertrag beseitigt diese Divergenz nicht; er lehrt die beiden Länder lediglich, mit ihr zu leben.

4. Die Ostpolitik, oder die erste Divergenz

Ende der 1960er Jahre leitet Bundeskanzler Willy Brandt die Ostpolitik ein: eine Öffnungspolitik gegenüber Osteuropa und der Sowjetunion, die insbesondere zur faktischen Anerkennung der aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen Grenzen und zu einer schrittweisen Normalisierung der Beziehungen zur DDR führt.

Georges Pompidou und Willy Brandt — Die Ostpolitik führt, zum ersten Mal seit Colombey, zu einer grundlegenden Divergenz zwischen Paris und Bonn, ohne die Achse selbst je zu brechen — Foto © [Bildnachweis noch zu bestätigen]

Diese Entwicklung führt, zum ersten Mal seit Colombey, zu einer grundlegenden Divergenz zwischen den beiden Hauptstädten. Paris beobachtet diese deutsche Öffnung nach Osten mit spürbarer Vorsicht: Der Gedanke an ein Deutschland, das erneut direkt mit Moskau in Dialog tritt, selbst in einem friedlichen und demokratischen Rahmen, weckt Reflexe, die älter sind als der Élysée-Vertrag selbst.

Die Episode bleibt jedoch beherrschbar. Die deutsch-französische Beziehung entwickelt sich unter Pompidou und später unter Brandt auf anderen Feldern weiter — insbesondere beim Aufbau der Gemeinschaft —, ohne dass diese strategische Divergenz die Achse selbst infrage stellt. Es ist eine erste, erfolgreich bestandene Bewährungsprobe für die Fähigkeit beider Länder, eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit nicht zum Bruch werden zu lassen.

5. Giscard und Schmidt: Die wirtschaftliche Achse

Das von Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt ab 1974 gebildete Duo markiert wohl den Höhepunkt der deutsch-französischen Wirtschaftskooperation dieser Periode. Die beiden Männer, die einander kennen und persönlich schätzen, richten 1979 das Europäische Währungssystem ein — eine ferne Vorstufe der künftigen gemeinsamen Währung — und institutionalisieren mit der Gründung der G7 den Dialog auf höchster Ebene zwischen den führenden Industriemächten.

Diese Periode veranschaulicht eine Achse, die ihre Reisegeschwindigkeit gefunden hat: weniger spektakulär als die Gründungsbegegnung von Colombey, weniger feierlich als die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, aber von großer Wirksamkeit in ihrer Fähigkeit, konkrete Ergebnisse zu erzielen. Es ist zugleich die Phase, in der die deutsch-französische Beziehung aufhört, allein Sache zweier charismatischer Staatschefs zu sein, und zu einer eingespielten institutionellen Routine wird.

6. Der 20. Januar 1983: Mitterrand im Bundestag

Am 20. Januar 1983 ergreift François Mitterrand, seit weniger als zwei Jahren sozialistischer Präsident, im Bundestag in Bonn das Wort. Dort verteidigt er, gegen den Strom eines Teils der europäischen Linken und seines eigenen Lagers, die Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen als Antwort auf die sowjetischen SS-20, im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses.[05]

Die Geste ist mutig. Mitterrand, der zu diesem politischen Risiko keineswegs verpflichtet ist, wählt sie im Namen der Solidarität mit einem deutschen Partner, der zu jener Zeit von einer mächtigen Friedensbewegung durchzogen wird, die dem Stationieren der Euroraketen ablehnend gegenübersteht. Begleitet wird er an diesem Tag von Jean Lecanuet — ein Detail, das kaum kommentiert wurde, das jedoch von dem Willen zeugt, diese Rede über die rein französischen parteipolitischen Gräben hinauszuheben.

Dies ist ein Moment, in dem Frankreich ein Risiko für Deutschland eingeht, statt umgekehrt. Man sollte ihn im Gedächtnis behalten, um sechs Jahre später das volle Ausmaß des Kontrasts zu ermessen.

7. Verdun, 1984: Der symbolische Höhepunkt

Am 22. September 1984 treffen sich Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl in Verdun, an eben jenem Ort einer der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs — jener Schlacht, die im ersten Teil dieser Serie das Räderwerk des Hasses in seiner äußersten Zuspitzung verkörperte. Der Handschlag der beiden Männer vor dem Beinhaus von Douaumont wird zu einem der meistverbreiteten Bilder der deutsch-französischen Aussöhnung.

Helmut Kohl und François Mitterrand vor dem Beinhaus von Douaumont, Verdun, 22. September 1984 — in stillem Gedenken, die Hand des einen auf der des anderen, vor den Kränzen in den Farben Frankreichs und Deutschlands — Foto Bundesregierung © Ulrich Wienke

Verdun, 22. September 1984 — das zur Ikone der deutsch-französischen Aussöhnung gewordene Bild: die ausgestreckte Hand, die Farben beider Nationen vereint vor dem Beinhaus von Douaumont, unter dem stillen Blick der Menge — Foto © Bundesbildstelle/Richard Schulze-Vorberg

Diese Geste ist nicht bloß symbolisch. Sie begleitet konkrete Projekte: Die Deutsch-Französische Brigade, deren Gründung kurz darauf beschlossen wird, nimmt vorweg, was Jahre später zum Eurokorps werden soll. Nach Colombey, nach dem Élysée-Vertrag, nach den Bewährungsproben der Ostpolitik und dem 1983 eingegangenen Risiko markiert Verdun 1984 den Punkt, an dem die deutsch-französische Beziehung ihre volle Reife erreicht zu haben scheint — so sehr, dass sich der Ort eines Massakers in ein Symbol wiedergewonnener Brüderlichkeit verwandelt.

8. November-Dezember 1989: Das Erdbeben und die französische Verdrängung

Mitterrands Zurückhaltung reichte nicht erst bis 1989 zurück. Bereits 1952, noch als junger Minister der Vierten Republik, hatte er öffentlich gewarnt: „Die Einheit Deutschlands bedeutet Krieg.“[06] Siebenunddreißig Jahre später sollte der Mauerfall diese lange gehegte Überzeugung auf die Probe der Ereignisse stellen.

Nichts im Herbst 1989 hatte die europäischen Kanzleien auf die Geschwindigkeit der Ereignisse vorbereitet. Am 9. November fällt die Berliner Mauer. Am 28. November, kaum drei Wochen später, stellt Bundeskanzler Kohl vor dem Bundestag sein Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit vor — eine Geste, die die meisten seiner Partner überrumpelt, Paris eingeschlossen. Der Journalist Louis Wiznitzer, Korrespondent von Le Monde, berichtet damals von dem Wort, das im Élysée die Runde macht: „Verrat.“[07]

Anfang Dezember reist Mitterrand nach Kiew — eine Ortswahl, die Gorbatschow bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz selbst als seinen eigenen Vorschlag reklamieren wird —, wo er den sowjetischen Staatschef trifft und ihn, nicht ohne Zweideutigkeit, an den Siegerstatus erinnert, den die vier alliierten Mächte von 1945 weiterhin innehaben.[08] Das Treffen hinterlässt dennoch einen bitteren Nachgeschmack: Gorbatschows Berater Wadim Sagladin wird später von Mitterrands „Enttäuschung“ nach diesem Gespräch sprechen. Wenige Tage später schlägt er der britischen Premierministerin Margaret Thatcher ein französisch-britisches Bündnis vor. Als Kohl anschließend vor seinen europäischen Partnern um Unterstützung für die deutsche Einheit wirbt, schlägt ihm eisige Kälte entgegen.

Am 19. Dezember, dem Vorabend von Mitterrands Ankunft in der DDR, reist Kohl nach Dresden. Vor den Ruinen der Frauenkirche spricht er erstmals öffentlich das Wort aus, auf das alle gewartet hatten: „Mein Ziel bleibt — wenn es die geschichtliche Stunde zulässt — die Einheit unserer Nation.“[09] – Helmut Kohl in Dresden, auf dem Altmarkt, 19. Dezember 1989 — vor einer riesigen Menschenmenge verkünden Transparente „Dresden grüßt den Kanzler“: Hier spricht Kohl, am Vorabend von Mitterrands Ankunft in der DDR, zum ersten Mal öffentlich das Wort „Einheit“ aus — Foto © Bundesarchiv

Mitterrand trifft somit in Ost-Berlin ein, einen Tag nachdem Kohl ihm bereits, zumindest teilweise, den Boden unter den Füßen weggezogen hat: Worauf konnte er noch hoffen, wenn nicht darauf, das hinauszuzögern, was Kohl am Vortag öffentlich unumkehrbar gemacht hatte?

Die französische Reaktion steht in scharfem Kontrast zu der Begeisterung, die im selben Jahr gegenüber Polen und der Tschechoslowakei beim Ausscheren aus dem Sowjetblock gezeigt worden war — es war vielmehr ein Moment der Verdrängung. Am 20. Dezember 1989 reist Mitterrand nach Ost-Berlin, wo er Hans Modrow trifft, der seit dem 13. November Regierungschef der DDR ist — inmitten eines Klimas zerfallender Staatsmacht, in dem Egon Krenz, bereits von den eigentlichen Entscheidungen ausgeschlossen, dennoch eine sichtbare Präsenz im Hintergrund bleibt. Er kehrt mit der Überzeugung zurück, dass die Mehrheit des ostdeutschen Volkes zwar eine demokratische Erneuerung anstrebe, jedoch innerhalb des bestehenden staatlichen Rahmens — eine Lesart, die schon bald durch die Wahlurnen widerlegt werden sollte.

Früher an jenem Tag hatte ich den französischen Präsidenten gefragt, was er sich von seinen Gesprächen mit der ostdeutschen Führung erhoffe. Er antwortete mit einem Scherz — doch alles lag in seinem Blick. Ich befand mich zu jener Zeit mit einem deutschen Kollegen, mit dem ich mich in dieser Sprache unterhielt. Wenige Minuten später fand sich Mitterrand allein Krenz gegenüber; Brigitte Sauzay, seine Dolmetscherin, unterhielt sich ihrerseits mit einem ostdeutschen Verantwortlichen. In diesem Moment bat mich der Präsident, der bemerkt hatte, dass ich Deutsch sprach, eine Frage an Krenz zu übersetzen: „Was kann ich tun, um Ihnen zu helfen?“ Krenz hob die Arme in einer Geste der Ohnmacht. „Ich weiß es nicht“, antwortete er. Moskau hatte bereits entschieden; das Ende der DDR war besiegelt. An jenem Tag gab es nichts mehr zu retten. Genau in diesem Moment sagte ich mir, dass sich nun eine Wende vollziehen und vieles verändern würde — und dass die kommende Wiedervereinigung Deutschland einen günstigeren Horizont eröffnen würde als Frankreich.

Zwei Tage später, am 22. Dezember, weihen Kohl und Modrow gemeinsam die symbolische Wiedereröffnung des Brandenburger Tors ein — achtundzwanzig Jahre lang verschlossen. Zu jener Zeit passierte man noch nicht durch das Tor selbst, sondern durch die anderswo in die Mauer geschlagenen Breschen:[10] Diese Geste vom 22. Dezember ist somit ebenfalls ein weiterer Vorsprung Bonns vor Paris — beinahe ein letztes Siegel, das den drei — vergeblichen — Tagen von Mitterrands Bemühungen aufgedrückt wird.

West- und Ostdeutsche versammeln sich auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor, November-Dezember 1989 — das Volk hatte sich diesen Ort bereits angeeignet, noch bevor Kohl und Modrow ihn am 22. Dezember offiziell wiedereröffneten — Foto © Lear 21 / Wikipedia / CC BY-SA 3.0

Dieser Besuch, weit davon entfernt, die von Bonn eingeleitete Bewegung aufrichtig zu begleiten, fügt sich in eine Linie der Wirklichkeitsverdrängung ein, die Außenminister Roland Dumas in den folgenden Monaten selbst noch weitertreiben sollte — bis hin zu der Hoffnung, noch im Dezember, Gorbatschow werde die DDR „wieder in Ordnung bringen“, statt sie verschwinden zu lassen.[11] Der Kontrast zur Geste vom Januar 1983 — einem Präsidenten, der damals ein politisches Risiko für Deutschland einging — ist vollständig: Sechs Jahre später ist es Frankreich, das die Realität nicht sehen will, während Deutschland bereits Geschichte schreibt.

Die deutsch-französische Achse, Stein für Stein seit Colombey errichtet, tritt damit in ihr unsichersten Jahrzehnt ein — jenes, in dem die Wiedervereinigung, der sich der sechste Teil dieser Serie im Detail widmen wird, auf die Probe stellen wird, wie weit das über ein Vierteljahrhundert aufgebaute Vertrauen tatsächlich trägt.

Joël-François Dumont

[01] Fondation Charles de Gaulle, „Visite du chancelier Adenauer à La Boisserie, 15 septembre 1958.“

[02] Yvonne Blomann, „Deutsch-französische Beziehungen“, Konrad-Adenauer-Stiftung.

[03] Georg Bucksch, „De Gaulle – Adenauer: une communauté de destin“, Revue Défense.

[04] Konrad-Adenauer-Stiftung, „5. September 1962.“

[05] „La relation franco-allemande à l’épreuve du temps (1)“ — (2010-0223)

[06] Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung, biografischer Beitrag über François Mitterrand.

[07] Louis Wiznitzer, Le grand gâchis: faillite de la politique étrangère de François Mitterrand, Paris, First, 1991.

[08] Gemeinsame Pressekonferenz von François Mitterrand und Michail Gorbatschow, Kiew, 6. Dezember 1989 (vie-publique.fr); sowie Guerres mondiales et conflits contemporains, Cairn.info, zum Bericht Sagladins.

[09] Rede von Helmut Kohl in Dresden, 19. Dezember 1989 (Bundesarchiv/offizieller Text).

[10] Encyclopædia Universalis; Encyclopædia Britannica; Wikipedia, zur Wiedereröffnung des Brandenburger Tors.

[11] Roland Dumas, Le fil et la pelote, Paris, Plon, 1996, S. 384.

[12] Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung, biografischer Beitrag über François Mitterrand.

Siehe auch:

„Frankreich-Deutschland: Das Räderwerk des Hasses, 1805-1871 (1)“ — (2026-0814) „Frankreich-Deutschland: Der Marsch in den Abgrund, 1871-1914 (2)“ — (2026-0816) „Frankreich-Deutschland: Der Höhepunkt, 1914-1945 (3)“ — (2026-0819) „Frankreich-Deutschland: Von den Ruinen zum werdenden Europa, 1945-1959 (4)“ — (2026-0820)

Analyse: Wenn das Vertrauen ins Wanken gerät

„Die Nüchternheit der Rede unterstreicht das Relief der Haltung. Nichts erhöht die Autorität besser als das Schweigen — der Glanz der Starken und die Zuflucht der Schwachen.“ — Charles de Gaulle, Le fil de l’épée, 1932

Die ersten vier Teile dieser Serie folgten einem präzisen Muster: dem eines sich beschleunigenden Zählers, zunächst hin zur Rache, dann hin zum Frieden. Dieser fünfte Teil folgt einem anderen, weniger geradlinigen Muster: dem des Vertrauens, das sich nicht in einem Block aufbaut, sondern durch eine Abfolge von Bewährungsproben — manche erfolgreich bestanden, wie die Wette von Ludwigsburg, die Ostpolitik oder die Rede von 1983, andere zweideutiger, wie die Verdrängung vom Dezember 1989.

Bemerkenswert ist im Rückblick, dass die deutsch-französische Achse nie durch eine Meinungsverschiedenheit zwischen Gleichrangigen auf die Probe gestellt wurde, sondern durch Momente, in denen eines der beiden Länder dem anderen voraus war — Deutschland mit der Ostpolitik, Frankreich mit der Rede von 1983, dann erneut Deutschland mit der Wiedervereinigung. Jedes Mal musste sich der zurückgebliebene Partner entscheiden: sich anpassen oder zurückbleiben. 1969 wie 1983 hielt die Achse stand. 1989, zum ersten Mal seit Colombey, ist es Frankreich, das zurückbleibt — eine Entscheidung, deren Folgen der sechste Teil dieser Serie umfassend beleuchten wird, bis hin zur heutigen Beziehung.

„Unsere gesellschaftlichen Vorstellungen, unser politisches Engagement und, wer weiß, unsere Charaktere: alles musste uns a priori trennen“, schrieb François Mitterrand am Ende seines Lebens über Helmut Kohl. „Wir waren eigentlich überhaupt nicht ‚füreinander geschaffen'“, bestätigte Kohl einige Jahre später auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung.[12] Dass der sozialistische Staatspräsident und der christdemokratische Bundeskanzler die deutsch-französischen Beziehungen wie auch die europäische Einigung in den 1980er- und 1990er-Jahren auf ein neues Niveau heben sollten, war keineswegs selbstverständlich. Heute werden sie zu Recht zu den Vätern Europas gezählt.