Der Vergnügungspark von Macron und Bin Salman

Es gibt Treffen im Élysée-Palast, die weniger Aufsehen erregen, als sie sollten, und andere, die viel Aufsehen erregen für, letztlich, wenig — oder vielmehr für etwas anderes. Der Besuch des saudi-schen Kronprinzen Mohammed bin Salman in Paris fällt genau in diese zweite Kategorie, und Hedy Belhassine seziert ihn mit sichtlichem Vergnügen.

Auf dem Papier stand die Nachricht des Tages: ein Freizeitpark im Wert von 6 Milliarden Euro in Cergy-Pontoise, vom Präsidenten mit großem Pomp als das größte Projekt seit Disneyland Paris präsentiert. Der Substanz nach wurden an jenem Tag rund zwanzig Abkommen unterzeichnet — und merkwürdigerweise war es ausgerechnet das Manga- und Videospiel-Projekt, das Schlagzeilen machte, während die an einen palästinensischen Staat geknüpfte Anerkennung Israels, die iranische und jemenitische Bedrohung des Königreichs, der türkisch-pakistanisch-saudische Verteidigungspakt und der beinahe-diplomatische Bruch zwischen Riad und Abu Dhabi völlig unter dem Radar blieben.

Hedy Belhassine belässt es nicht dabei: Er holt einen vergessenen Geist aus der Kiste, den des Gaith Pharaon — ein schillernder saudischer Finanzier, der bereits in den 1980er Jahren ein 55 Hektar großes Grundstück in… Cergy-Pontoise besaß, wo er einen Vergnügungspark errichten ließ, Mirapolis, der zwei Jahre nach seiner Einweihung durch Jacques Chirac liquidiert wurde. Ein Fluch, der sich durchaus wiederholen könnte — es sei denn, wie der Autor zwischen den Zeilen andeutet, das eigentliche strategische Projekt verbirgt sich anderswo: hinter einem gewissen „Plan Prometheus“, auf 620 Milliarden Euro beziffert.

Halten Sie sich fest — die Ironie wird hier scharf wie eine Klinge geführt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beim Besuch von Kronprinz Mohammed bin Salman im Élysée-Palast wurden rund zwanzig Kooperationsprotokolle unterzeichnet; nur drei fanden mediale Beachtung — der Hafen von Jeddah (CMA CGM), die Verlängerung der französischen Finanzierung der Stätte AlUla, und vor allem ein Freizeitpark-Projekt im Wert von 6 Milliarden Euro in Cergy-Pontoise
  • Weitgehend im Schatten blieben: die an einen palästinensischen Staat geknüpfte Anerkennung Israels, die iranische und jemenitische Bedrohung des Königreichs, das in Riad unterzeichnete gegenseitige Verteidigungsabkommen mit der Türkei und Pakistan sowie der beinahe-diplomatische Bruch zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten
  • Der Autor erinnert daran, dass das Klischee des „ungebildeten, manipulierbaren Saudis“ eine solide wissenschaftliche und industrielle Realität ignoriert (international renommierte Chirurgen, Chemiker, Biologen; ein Supercomputer, leistungsfähiger als der des CNRS)
  • Eine auffällige historische Parallele: Das ins Auge gefasste Grundstück in Cergy-Pontoise gehörte bereits in den 1980er Jahren dem saudischen Finanzier Gaith Pharaon, der dort den Park Mirapolis errichten ließ — 1987 von Jacques Chirac eingeweiht, zwei Jahre später liquidiert
  • Die Freizeitpark-Branche ist strukturell hochriskant: Erfolge (Disney, Compagnie des Alpes) sind die Ausnahme, Konkurse die Regel — auch bei mehreren wohlhabenden arabischen Investoren in der Vergangenheit (Khashoggi, Gaddafi, Rifaat al-Assad, in Spanien)
  • Der Autor vermutet, dass die eigentlichen Interessen der französisch-saudischen Beziehung anderswo liegen könnten: beim „Plan Prometheus“, einem auf 620 Milliarden Euro veranschlagten Projekt, das Frankreich weltweit auf Rang drei der künstlichen Intelligenz heben soll, nach dem Vorbild der Finanzierung des Eurodif-Programms durch den Schah von Iran 1974

von Hedy Belhassine (Hedy Belhassines Blog) — Paris, 1. September 2026.

Nach einem Treffen im Élysée-Palast mit dem saudischen Prinzen verkündete der Präsident triumphierend den Start eines Freizeitpark-Projekts im Wert von 6 Milliarden Euro in Cergy-Pontoise. Eine Analyse.

In den Köpfen der französischen Eliten sind die Bewohner Arabiens ungebildete Kameltreiber, leicht zu manipulieren. Sie haben das Geld, wir haben die Ideen. Machen wir Geschäfte. Sie werden über den Tisch gezogen.

Le Royaume des Gaules rencontre le Royaume des Sables : à Cergy-Pontoise, le grand huit sera peut-être moins vertigineux que les 6 milliards annoncés — Illustration IA © European-Security
Le Royaume des Gaules rencontre le RoyaumDas Reich der Gallier trifft das Reich der Sande: In Cergy-Pontoise dürfte die Achterbahn weniger schwindelerregend werden als die angekündigten 6 Milliarden Euro — KI-Illustration © European-Security

Zugegeben, Saudis können unverantwortlich und launisch wirken, wenn sie Geld für kostspielige Nichtigkeiten verschwenden. So erwarb Kronprinz Mohammed bin Salman, Besitzer extravaganter Yachten, ein voreilig Leonardo da Vinci zugeschriebenes Gemälde für eine halbe Milliarde Dollar. In seiner Hand fließt Gold wie Sand. Er war schon immer verwöhnt, ist launenhaft und grausam, hat keinerlei Vorstellung vom Wert menschlichen Lebens oder von Gegenständen. Er ist der Ludwig XIV. Arabiens. Genau wie Ludwig, der Stunden damit verbrachte, in seinem Gemüsegarten zu tändeln oder im Spiegel-saal zu tanzen, ist dieser hier süchtig nach Videospielen und Mangas. Und doch ist der Wüstenkönig, wie einst der Sonnenkönig, weit davon entfernt, ein Narr zu sein. Der Staat, das ist er. Das Land schreitet unter seiner Führung voran und gedeiht. Er ist umgeben von einem Hof gewiefter, erfahrener Höflinge. Die meisten sind junge Wunderkinder aus gutem Hause, ausgebildet an den besten amerikanischen, britischen und französischen Schulen, aber es gibt auch altehrwürdige, hocherfahrene Berater. Alle sind ihm grenzenlos ergeben.

Die Araber sind nicht, wofür man sie hält

Anders als der Franzose wird der Saudi niemals mit seinen Fähigkeiten, seinem Wissen, seinen Kenntnissen prahlen. Demut und Bescheidenheit sind Tugenden, die von Kindesbeinen an gelehrt werden. Fragt man ihn nach der Höhe seines Vermögens, wird er lächeln, die Augen erheben und antworten, dass allein Gott, der es so gewollt hat, es weiß.

Dieses Land besteht nicht nur aus Reichgewordenen — es gibt dort auch zahlreiche Elende, aber ebenso Gelehrte, die in jeder Disziplin unseren eigenen ebenbürtig sind oder sie übertreffen. Wer kennt die Leistungen von Professor Abdullah Al-Rabeeah, Kinderchirurg, der Chemikerin Adha Al-Mutairi, der Biologin Hayat Sindi? Wer weiß, dass die Forscher der König-Abdulaziz-Universität (KACST) über einen Supercomputer verfügen, der leistungsfähiger ist als der des CNRS, und dass sie Laser und Störsender zur Zerstörung von Drohnen entwickelt haben — Technologien, die wir dringend benötigen?

Und dennoch wird das Klischee der Saudis fortgeschrieben. „Tim im Land des schwarzen Goldes“ (ein Bestseller-Manga des vergangenen Jahrhunderts) hat die Vorstellungswelt seiner Leser dauerhaft geprägt.

Der Rauchvorhang

So kommentierten die gut unterrichteten Medien beim jüngsten Besuch bin Salmans bei Macron nur wenige der rund zwanzig unterzeichneten Kooperationsprotokolle. Das Abkommen von CMA CGM zum Hafen von Jeddah, um chinesischen Ambitionen entgegenzuwirken. Die Verlängerung der großzügigen, bedingungslosen französischen Fördermittel für die Entwicklung der archäologisch-touristisch-kulturellen Stätte AlUla, „Das fabelhafte französisch-arabische Märchen“. Und schließlich und vor allem ein Mega-Manga-Freizeitpark-Projekt in einem Pariser Vorort.

Im Schatten blieben: der scheinbar belanglose Austausch über die an die Schaffung eines palästinen-sischen Staates geknüpfte Anerkennung Israels durch Saudi-Arabien. Ignoriert: die iranische und jemeni-tische Bedrohung, die das Königreich der Saud in die Zange nimmt. Übergangen: das jüngst in Riad unterzeichnete gegenseitige Verteidigungsabkommen mit dem türkischen Präsidenten und dem pakista-nischen Premierminister. Unbemerkt: der beinahe-diplomatische Bruch zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Beiseitegewischt: der US-Rückzug, die Neuausrichtung der Verteidi-gungssysteme, die Kernenergie, die Kriege im Sudan, im Iran, im Libanon, in Gaza — allesamt Themen, die von den offiziellen Mitteilungen vernachlässigt wurden.

Historischer Exkurs zur Wiederaufnahme des Pharaon-Projekts

Kehren wir zur Kernnachricht zurück, die für Aufsehen sorgte: 6 Milliarden Euro Investition für einen Freizeitpark in Cergy-Pontoise, „noch nie dagewesen seit Disneyland Paris!“, erklärte Emmanuel Macron. In dieser langen Geschichte, die begann, als weder Bin Salman noch Macron geboren waren, findet sich der Fluch des Pharaon wieder — benannt nach einem Sammler gigantischer Konkurse.

Öffnen wir eine Klammer, aus nächster Nähe beobachtet in meiner turbulenten Jugend.

Im Mai 1968 stellten die Studenten Frankreich auf den Kopf. Um sie zu besänftigen, versprach Bildungsminister Edgar Faure, in Vincennes eine neue Universität zu errichten, die schon zu Beginn des kommenden Schuljahres auch Nicht-Abiturienten offenstehen sollte. Versprochen, gehalten — die Gebäude schossen binnen weniger Wochen aus dem Boden. Ein technisches Kunststück ohnegleichen, zu verdanken dem Architekten Paul Chaslin, Gründer von Geep Industrie, dem führenden europäischen Konzern für industrialisiertes Bauen. Dieser sozialistische Aktivist, nahe an Michel Rocard und befreundet mit Stéphane Hessel, hatte das Baugewerbe revolutioniert. Sein Metallrahmensystem „YZ“ verkürzte die Bauzeiten drastisch. Öffentliche Aufträge strömten herein. Doch Chaslins 200 Ingenieure und 2.000 Arbeiter, die nach dem Prinzip der Selbstverwaltung arbeiteten, waren dem Unternehmertum und der Regierung Raymond Barres ein schlechtes Beispiel. Der Staat zahlte nur tröpfchenweise, das Unternehmen meldete Konkurs an.

Sofort trat ein Retter auf den Plan: Gaith Pharaon, ein mehrfach graduierter Saudi, Sohn des persönlichen Arztes des Königs. Zu jener Zeit erlebte das Baugewerbe in Saudi-Arabien einen phänomenalen Aufschwung. Pharaon hatte erkannt, dass schnelles Bauen mehr Gewinn bedeutete. Das französische Unternehmen, das er übernommen hatte, ermöglichte ihm, in Rekordzeit zwei Büro-Hotel-Komplexe in Jeddah und Riad zu errichten, die REDEC Plazas. Seine Investition war für den französischen staatlichen Käuferkredit förderfähig. Als Sahnehäubchen kassierte er eine Vermittlungsprovision von seinem eigenen Unternehmen und all dessen Subunternehmern. Es war der Jackpot, von dem jeder Immobilienentwickler träumt. Pharaon, der bei Matignon und im Finanzministerium hoch angesehen war, nutzte dies, um bei der Vermittlung weiterer Luftfahrt- und Rüstungsverträge nach Saudi-Arabien mitzumischen. Er wurde täglich reicher. Privatjet, 60-Meter-Yacht, Büros an der Place de la Concorde in Paris. Er stieg auch in die Filmproduktion, das Hotelgewerbe und vor allem ins Bankwesen ein — in Frankreich, in Berlusconis Italien, in Ben Alis Tunesien, in den Vereinigten Staaten…

Der Fluch des Pharaon

Unterdessen meldete das Bauunternehmen Geep Industries — inzwischen in SNCI umbenannt und methodisch ausgeplündert — Konkurs an. Seine Vermögenswerte wurden zu einem guten Preis liquidiert. Pharaon dürfte dabei einige Immobilien übernommen haben, darunter ein mehrere Hektar großes Grund-stück in Cergy-Pontoise.

- De Mirapolis à Prométhée : la friche abandonnée de Cergy-Pontoise, hantée par le souvenir d’un parc englouti, rêvée en avenir de tours numériques — deux visages d’un même terrain, séparés par quarante ans et un flambeau — Illustration IA © European-Security
Von Mirapolis zu Prometheus: die verlassene Brachfläche von Cergy-Pontoise, heimgesucht von der Erinnerung an einen versunkenen Freizeitpark, neu erträumt als Zukunft digitaler Türme — zwei Gesichter desselben Geländes, getrennt durch vierzig Jahre und eine Fackel — KI-Illustration © European-Security

Durch Einbringung eben dieses Grundstücks stellte er 1987 ein Finanzierungskonsortium für einen von Jacques Chirac eingeweihten Freizeitpark zusammen: Mirapolis. „Gargantuas Petrodollars“, titelte Le Monde. Zwei Jahre später folgte die gerichtliche Liquidation.

In der Geschäftswelt erkannte man erst spät, dass Gaith Pharaon zugleich ein gewiefter Finanzfuchs und ein gefürchteter Jurist war.

In den Vereinigten Staaten liefen seine Geschäfte schlecht. Das FBI startete eine weltumspannende Fahndung, ohne ihn je zu fassen — denn wann immer er nicht auf seinem schwimmenden Palast in internationalen Gewässern unterwegs war, genoss er den Schutz seines Königs und der saudischen Geheimdienste, denen er nahestand.

Er verstarb 2017 friedlich in einem seiner Anwesen im Libanon.

Heute stehen seine Kinder an der Spitze bedeutender Unternehmen in Saudi-Arabien, Pakistan, den Vereinigten Staaten und Frankreich. Haben sie über Treuhänder das Erbe der Mirapolis-Brache in Cergy-Pontoise behalten? Offiziell gehört dieses 55 Hektar große Grundstück einem belgischen Anwalt. Wird er sich widerstandslos enteignen lassen? Wird er das Grundstück in eine Investition mit ungewissem Ertrag einbringen?

Das Spiel der Illusion

Die Freizeitpark-Branche ist eine Illusion, die gewaltige Summen umwälzt. Ist die Rentabilitätsschwelle der Besucherzahlen erst erreicht, wirft sie kolossale Gewinne ab. Doch Konkurse sind weit häufiger als Erfolge. Man braucht die finanzielle Kraft eines Branchenriesen wie Disney. In Frankreich gehören Astérix, Futuroscope, Walibi… der Compagnie des Alpes, die wiederum über die Caisse des Dépôts et Consigna-tions dem Staat gehört. Die meisten Parks mit zweistelligen Ergebnissen sind Familienunternehmen: Bennet (Tierthema), de Villiers (historisches Thema). In Deutschland besitzt die Familie Mack den größten Freizeitpark des Landes. In den Niederlanden wird Efteling von einem gemeinnützigen Verein gehalten.

Das Geschäft verschlingt Werbebudgets und verlangt millimetergenaues Management, ständige Wachsamkeit zur Gewährleistung von Sicherheit und Zuverlässigkeit der Attraktionen — deren unbere-chenbare Besucherzahlen jede Prognose bei Wetterschwankungen oder einem tödlichen Unfall über den Haufen werfen. Viele arabische Größenwahnsinnige, angestachelt von „Experten“, haben versucht, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen: Rifaat al-Assad, Adnan Khashoggi und sogar Gaddafi bissen sich einst in Andalusien die Zähne aus.

Von Pharaon zu Prometheus

Man darf am aufrichtigen saudischen Willen zweifeln, sich auf ein solches Abenteuer außerhalb Arabiens einzulassen. Ebenso fragt man sich, warum Prinz Bin Salman weiterhin die Entwicklung der nabatäischen Ausgrabungsstätte AlUla finanziert, obwohl seine Dynastie sorgfältig jede Spur vom Leben des Propheten in Mekka und Medina getilgt hat. Die Antwort lautet wohl: „weil es dem französischen Präsidenten Freude bereitet“ — und weil es erlaubt, einige treue französische Freunde des Königreichs indirekt zu belohnen.

Das Dragon-Ball-Projekt in Cergy-Pontoise ist der Zusammenprall diplomatischer Interessen, einer Vorliebe für Videospiele und Mangas, einer 55 Hektar großen Brache am Pariser Stadtrand und eines unerschöpflichen Staatsfonds. Wie schon Pharaons Mirapolis-Gargantua wird dieses Mega-Manga-Projekt wohl im Sande verlaufen.

Es gibt jedoch eine weitaus ehrgeizigere Perspektive, die Frankreich aus seiner Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz — inzwischen ebenso bedeutsam wie Strom oder Öl — befreien und weltweit auf Rang drei heben würde, hinter den Vereinigten Staaten und China.

Die Rede ist vom diskreten Plan Prometheus. Seine Kosten werden über den Daumen gepeilt auf 620 Milliarden Euro geschätzt. Sie haben richtig gelesen. Das ist pharaonisch! Seine Urheber empfehlen „eine Koalition mit einem Partner, der sich an der Finanzierung beteiligt, im Austausch gegen garantierten Zugang“.

Immerhin wandte sich Frankreich schon 1974 an den Schah von Iran, um das Eurodif-Kernkraftprogramm mit einer Milliarde Dollar der damaligen Zeit (6,7 Milliarden Euro heute) mitzufinanzieren. Die Sache endete bekanntlich schlecht.

Chimie contre destinée : sur la même barque, Macron et Ben Salmane rament vers un horizon commun — reste à savoir qui tient le cap — Illustration IA © European-Security
Chemie gegen Schicksal: Im selben Boot rudern Macron und Ben Salman einem gemeinsamen Horizont entgegen — nur wer den Kurs hält, bleibt offen — KI Illustration © European-Security

Also gestatten wir uns zu träumen, dass der saudische Prinz nicht nur gekommen ist, um digitales Himmel-und-Hölle auf einer Vorstadtbrache zu spielen. 620 Milliarden Euro für die Unabhängigkeit Frankreichs und die Sicherheit Saudi-Arabiens — das wäre ein Projekt, würdig der Ambitionen von Macron und Bin Salman!

Der Präsident, der bald von seinem hohen Amt befreit sein wird, hat vielleicht eine Stelle gefunden, die seinen Fähigkeiten entspricht.

Hedy Belhassine

Siehe auch:

Analyse: Die wahre Natur der französisch-saudischen Beziehung

Hedy Belhassines Talent liegt in dieser Kehrtwende: von einer Klatschmeldung auszugehen — ein Manga-Themenpark im Pariser Umland — um sich, auf dem Umweg über die Geschichte, zu einer weitaus gewichtigeren Frage vorzuarbeiten: der wahren Natur der französisch-saudischen Bezie-hung, und dem, was sie zu verbergen dient.

Das rhetorische Verfahren ist geschickt. Indem er die Geschichte des Gaith Pharaon ausgräbt — jenes saudischen Finanziers, der in den 1970er Jahren ein angeschlagenes französisches Unter-nehmen für industrialisiertes Bauen übernahm (direkter Erbe der beschleunigten Bauanstrengung an der Universität Vincennes nach dem Mai ’68), es sodann seiner Substanz beraubte, auf jeder Ebene Provisionen abschöpfte und auf den Trümmern schließlich einen zum Scheitern verurteilten Vergnügungspark errichtete —, begnügt sich Belhassine nicht mit einer pittoresken Anekdote. Er wirft eine grundlegende, fast juristische Frage auf: Wem gehört das 55 Hektar große Grundstück heute? Den Pharaon-Erben, über Treuhandstrukturen, oder tatsächlich dem belgischen Anwalt, der offiziell als Eigentümer geführt wird? Die Antwort werden wir wohl nie erfahren — und genau das ist vielleicht der Kern der Sache.

Das Herzstück der Beweisführung liegt jedoch in dem Kontrast, den er zwischen dem Rauch-vorhang (dem Park, AlUla, der Kommunikationsstrategie) und den eigentlichen Interessen zeichnet, die von den offiziellen Mitteilungen sorgfältig verschwiegen wurden: die Neuordnung der regionalen Bündnisse (Ankara-Islamabad-Riad), die innere Fragilität des saudischen Regimes gegen-über seinen Nachbarn, die Spannungen mit den Emiraten. Es handelt sich, letztlich, um Fragen von Sicherheit und Souveränität.

Die abschließende Volte — die Vermutung, das eigentliche strategische Interesse der Beziehung zwischen Macron und MBS könnte in einer saudischen Finanzierung des Plans Prometheus liegen, statt in einem Manga-Freizeitpark — ist zweifellos spekulativ, und der Autor selbst räumt dies halb ein („gestatten wir uns zu träumen“). Doch die Parallele zur Finanzierung des Eurodif-Kernkraft-programms durch den Schah von Iran 1974 ist nicht willkürlich gewählt: Sie erinnert daran, dass Frankreich bereits in der Vergangenheit auf ausländische Finanzierung für eine als lebenswichtig erachtete strategische Infrastruktur gesetzt hat — eine Wette, die, wie Belhassine mit meister-hafter Untertreibung anmerkt, „bekanntlich schlecht endete“.